Mann mit Bomberjacke und Baseballschläger.
Der Landespräventionsrat Sachsen, der das Programm mit einem Jahresbudget von 260.000 Euro organisiert, begleitet derzeit 17 Ausstiegs-Prozesse wie den von Benno. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Rüdiger Wölk

Aussteigerprogramm für Extremisten Bekenntnisse eines geläuterten Rechtsradikalen

Der Freistaat Sachsen bietet seit 2011 ein Aussteigerprogramm für Extremisten von rechts und links sowie religiös motivierte an. In den sieben Jahren hat es 102 Nachfragen gegeben, aus denen 78 konkrete Aussteigerfälle wurden, die über mehrere Jahre betreut wurden. 15 dieser Fälle konnten erfolgreich abgeschlossen werden. MDR AKTUELL hat einen der resozialisierten Aussteiger getroffen.

von Sebastian Hesse-Kastein, MDR AKTUELL

Mann mit Bomberjacke und Baseballschläger.
Der Landespräventionsrat Sachsen, der das Programm mit einem Jahresbudget von 260.000 Euro organisiert, begleitet derzeit 17 Ausstiegs-Prozesse wie den von Benno. (Symbolbild) Bildrechte: imago/Rüdiger Wölk

Wir treffen uns auf neutralem Terrain: Im Büro einer sozialen Einrichtung in Chemnitz. Der 30-jährige Benno* trägt eine Baseball-Kappe.

Bei Haftantritt war Bennos Freundin schwanger

Anfänglich merkt man ihm eine leichte Nervosität an. Doch das Aussteigerprogramm hat ihn daran gewöhnt, offen über sich selbst zu sprechen. "Ich war ein politischer Soldat in der rechten Szene.", erzählt er. Dem Interview zugestimmt hat der 30-Jährige unter der Bedingung, dass ich seinen Namen ändere und seine Stimme verfremde. "Ich war lange in der Szene drin. Bin inhaftiert worden und meine damalige Freundin war schwanger, hatte das Kind gerade gekriegt. Die Gefahr bestand darin dass man gedacht hat, dass da Leute sein könnten, die versuchen, an die Familie ranzugehen und man war sich halt wirklich nicht selbst sicher. Man hat einfach auch durch die Haft Redebedarf gehabt."

Erster Berührungspunkt mit der rechten Szene: eine Demonstration

Was für schwere Straftaten er für die freie Kameradschaft, der er in Sachsen angehört hat, begangen hat, will er mir nicht sagen: Die seien so aufsehenerregend gewesen, dass die Szene sofort rückschließen könnte, wer er sei.

Bennos erste Begegnung mit der Szene fand auf einer rechten Demonstration statt. "Ich fand es ziemlich interessant und wo ich selbst dann dort war, hat man mitgekriegt, dass der Zusammenhalt innerhalb dieser Gruppe extrem stark ist. Dass die Polizei versucht hat, einen am Weiterlaufen zu hindern. Die hat sich da einfach hingestellt und gesagt: Ihr bleibt jetzt hier stehen. Aber die Gruppe hat dann gesagt: Nee, das lassen wir nicht mit uns machen. Man hat den Zusammenhalt gespürt. Man ist gegen die Polizei, teilweise gegen Gegendemonstranten vorgegangen, um seine Interessen durchzusetzen. Und das hat doch irgendwo schon einen starken Reiz gehabt." Einen so starken Reiz, dass Benno viele Jahre sein Leben der Kameradschaft gewidmet hat.

Kriminell aus Überzeugung

Politische Arbeit hat er gemacht, ist aber eben auch kriminell geworden, aus Überzeugung. "Gekippt ist es eigentlich dann nach den ersten wirklich schweren Straftaten, die ich begangen habe. Und nicht nur durch die Straftaten. Es hing damals auch damit zusammen, dass meine damalige Freundin schwanger geworden ist und ich dann gerade meine Verurteilung hinter mir hatte. Dann hat man erst einmal realisiert, was da vor einem liegt, die lange Haftstrafe."

Hier ist Benno kein Einzelfall: Das sächsische Aussteigerprogramm wird häufig aus der Haft heraus kontaktiert. Und von werdenden Vätern – der Großteil der Aussteiger ist männlich.

Bennos Kind sollte nicht in rechter Szene aufwachsen

Das sei für Benno ein gruseliges Erlebnis gewesen, weil er zu der Zeit schon gewusst habe, wie sehr er unter polizeilicher Beobachtung gestanden habe. Das alle paar Tage dort Leute vorbeigekommen seien, die bei ihm geklingelt haben.

Das Gleiche wollte ich für mein Kind später nicht, weil ich mir dann schon gedacht habe: Den Stress, den willst du selbst gar nicht. Wenn ich mir dann vorgestellt habe, dass mein Kind so einem Stress dann später vielleicht mal ausgesetzt ist, wenn es in so eine Szene reinrutscht: Nee, konnte ich nur verneinen!

Benno Aussteiger aus der rechten Szene

Und so trat Benno dann mit der Kontakt- und Informationsstelle des Aussteigerprogramms in Verbindung. Sein Betreuer wurde der Sozialarbeiter Ricardo – bei dessen Arbeit wird konsequent nur der Vorname verwendet.

Schlüsselerlebnis Elternschaft

Ricardo kennt das Schlüsselerlebnis Elternschaft bei Aussteigern. Er weiß aber auch, "dass es für die rechtsextremistische Szene – oder generell für extremistische Szenen – das Wunderbarste in der Welt ist, wenn man ein Kind bekommt und das in seinem Glauben und in seiner Ideologie aufziehen kann. Aber uns begegnet tatsächlich sehr häufig, dass Personen, die in der Szene gut verankert sind und sich auch als – wie Benno gesagt hat – politischen Soldaten empfinden, mit Blick auf ihre Kinder sich eine andere Chance für ihre Kinder erhoffen."

Benno hat sich im Gefängnis von seinen rechten Weggefährten distanziert, was ein vergleichsweise einfacher erster Schritt war, wie er dann im Laufe des Aussteigerprogramms gemerkt hat: "Das viel Schwerwiegendere, womit man selbst zu kämpfen hat, ist eigentlich das, was sich im Kopf abspielt. Weil man über die Jahre ein regelrechtes Schwarz-Weiß-Denken gelernt hat durch diese Szene, was man auch so schnell nicht herausbekommt. Das bekommt man im Grunde erst heraus, wenn man mit einem Psychologen spricht, mit einem Sozialpädagogen, und die einen überhaupt erst einmal auf diesen Trichter bringen, dass man schwarz-weiß denkt und die einem diese Fähigkeit erst einmal wieder beibringen, dass man bestimmte Situationen einfach auch kritisch hinterfragt. Und nicht einfach nur dem zustimmt, was gesagt wird. Das ist ja ganz oft in der Kameradschaftsszene so."

Aussteiger müssen sich im Alltag neu orientieren

Auch Ricardo weiß aus jahrelanger Beobachtung, welche Kraft es die Aussteiger kostet, ihr Leben auf völlig neue Füße zu stellen: "Benno hat es ja beschrieben: Er hat sich als politischer Soldat empfunden. Die Szene ist so aufgestellt, dass man von früh bis spät dem Grunde nach sich auch als Extremist betätigen kann. Bis dahin, dass es auch Arbeitsmöglichkeiten gibt, die szenenah organisiert werden. Wenn ich dort rausgehe und dann Probleme habe, mich mit neuen Settings zu arrangieren, dann hänge ich natürlich erst mal massiv in der Luft."

Rückkehr in ein normales Leben

Die Zeit im Gefängnis war eine Art Puffer-Phase für Benno, um wieder in ein bürgerliches Leben zurückzukehren: Nach der Haft hat er eine Berufsausbildung begonnen. Sich Fremden gegenüber zu öffnen, sagt er, sei das Schwierigste an dem Ausstiegsprozess gewesen: "Ja, die Selbstoffenbarung eigentlich, dass man eigene Schwächen zugibt. Das ist das Schlimmste an der ganzen Sache."

Benno gilt für die Anbieter des Aussteigerprogramms als Erfolgsbeispiel: Er hat sich von rechter Ideologie losgesagt, ist in ein bürgerliches Leben zurückgekehrt und hat seinen Frieden gemacht mit seiner unrühmlichen Vergangenheit.

So hart es klingt, aber ich sage mal: Dass ich in Haft gekommen bin, das war so ziemlich das Beste, was mir passieren konnte! Weil, hätte der Staat mich zu der Zeit nicht gestoppt, wäre ich wahrscheinlich noch viel, viel weiter gegangen und hätte noch viel, viel schlimmere Sachen gemacht, als weswegen ich dann letzten Endes in Haft gewesen bin.

Benno Aussteiger aus der rechten Szene

Aussteiger sind die Ausnahme

Der Landespräventionsrat Sachsen, der das Programm mit einem Jahresbudget von 260.000 Euro organisiert, begleitet derzeit 17 Ausstiegs-Prozesse wie den von Benno. Die meisten davon, so Sven Forkert, der Geschäftsführer, wollen sich aus der rechten Szene lossagen: "Der Schwerpunkt im Aussteigerprogramm Sachsen ist eindeutig rechts motiviert. Ganz klar, das liegt natürlich auch daran – weil die Fallzahlen sind ja über den Verfassungsschutz beispielsweise bekannt - wie die Szene aufgestellt ist: Die ist nun mal stärker als andere. Nichts desto trotz spüren wir aufgrund der aktuellen Sensibilisierung und weil die Lage sich auch ein kleines Stück verändert hat, natürlich in diesem religiöse begründeten, dschihadistischen Bereich auch Fallzahlen, die wir früher nicht gehabt hätten."

Insgesamt ist Forkert mit der Akzeptanz des Programmes zufrieden. Illusionen macht er sich jedoch nicht: "Das wird nie ein Massengeschäft. Das ist uns wichtig. Also man wird nie Massenaustritte in solchen Szenen erreichen können. Das liegt ja auch ganz klar auf der Hand: Die meisten, die sich in einer extremistischen Szene bewegen, machen das aus Überzeugung. Warum sollten sie aussteigen? Da muss schon in der Geschichte irgendwas passiert sein, dass jemand motiviert ist, so eine Hilfe in Anspruch zu nehmen und dann ist es dafür da."

So wie bei Benno, den Knasterfahrung und Vaterschaft zum Umdenken brachten.

*Der Name wurde von der Redaktion geändert.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. März 2018 | 07:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. März 2018, 08:48 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

25 Kommentare

28.03.2018 15:03 karstde 25

@ Mediator 23: Darin liegt ja wieder einmal Ihr spezielles Problem. Sie vergöttern das Einzelne und Bügeln dies über das Allgemeine. Um das Allgemeine verstehen zu können braucht man mehr.

28.03.2018 10:26 mare nostrum 24

@ 19

Sagt jemand, dass sich zur Güte bekennende Menschen schlechter sind?

"Finanziert als die Guten im Kampf gegen (extrem) Rechts" ist eine Investition für das Überleben der Menschheit. :))

28.03.2018 08:58 Mediator 23

Eigentlich ist das MDR Forum ein guter Anlaufpunkt für den Verfassungsschutz um eventuell neue rechte Gefährder im Vorfeld zu identifizieren. Zumindestens drängt sich mir dieser Eindruck immer mal wieder auf wenn ich die Kommentare hier lese.

Einige Menschen scheinen sich ja lieber die Zunge abzubeisen als zuzugeben, dass es etwas gutes ist, wenn ein schwerkrimineller Neonazi, der durch diese Szene zu Straftaten motiviert wurde, aussteigt und versucht ein Leben ohne Kriminalität zu führen.

Ansonsten die üblichen rhetorischen Maschen des Rechtspopulismus bzw. der radikalen Rechten.

- ablenken und nach links zeigen
- den Begriff NAZI oder Rechtsradikaler verharmlosen
- so tun als wäre Rechtsextremisus kein Problem
- so tun als würden normale Bürger, die normale Kritik an einem Politikfeld äußern mit Nazis gleichgesetzt.

Für Kritik kommt mann nicht ins Gefängnis, für schwere Straftaten wie sie der Mann im Artikel begangen hat jedoch schon.

28.03.2018 00:03 Krause - "lieber nackt als rechtsextremistisch!" 22

Zitat "Das viel Schwerwiegendere, womit man selbst zu kämpfen hat, ist eigentlich das, was sich im Kopf abspielt. Weil man über die Jahre ein regelrechtes Schwarz-Weiß-Denken gelernt hat durch diese Szene, was man auch so schnell nicht herausbekommt."

Die Welt ist halt bunt!
Rot ist nicht grün oder gelb - sie unterscheiden sich alle voneinander.

27.03.2018 21:15 Heinze 21

Radikal (Rechts oder Links) bedeutet gewalttätig zu sein für politische Ziele, dies ist zu verurteilen. Eine Rechte politische Meinung ist jedoch legitim.

27.03.2018 20:39 Peter W. 20

@1: Tja wenn man die Scheuklappen nicht abnehmen will und Empathie und Lernresistenz mit Charakterstärke verwechselt, dann mag das schon so sein. Gute Fahrt! Wohin auch immer ...

27.03.2018 18:59 Udo K 19

Zitat:
"Der Freistaat Sachsen bietet seit 2011 ein Aussteigerprogramm für Extremisten von rechts und links sowie religiös motivierte an." Ende Zitat
Und nun bitte eine ebenso rührende Geschichte als Beispiel eines linksextremen Aussteigers und eines religiös motivierten Extremen.

PeterPlys 17
Wer sagt denn, dass "bekennende Gutmenschen" besser sind?
Vielleicht noch von der Sorte "Antifa", die ja auch von Steuergeldern finanziert als die Guten im Kampf gegen Rechts gefeiert werden?

27.03.2018 18:26 Eulenspiegel 18

Also ich denke eine Vaterschaft führt bei so ziemlich jeden jungen Mann zu einem neuen, veränderten Blick auf das Leben prinzipiell und auf sein eigenes Leben im Besonderen. Das kann natürlich dazu führen das ein Mensch sein Leben ändern will. Ich denke worauf es ankommt ist das jemand erkannt hat das etwas falsch läuft und den Willen hat das zu ändern. Das Austeritätsprogramm ist somit nur ein Hilfsmittel um diesen Weg zu erleichtern.

27.03.2018 17:33 PeterPlys 17

@1 Blumenfreund
Wohin ihre Reise gegangen ist, das beweisen Sie mit Ihren "Beiträgen".
Und doch, ich kenne welche, die rassistischer Ideologie aufgesessen waren und jetzt ganz friedliche und tolerante Mitbürger und bekennende GUTMENSCHEN geworden sind. Es geht - man muss es nur wollen...

27.03.2018 16:37 Egon 16

Ich kann mir gut vorstellen, daß das Aussteigerprogramm nur für die vielen V-Leute in der Szene da ist. Sprich welche, die eigentlich gar nicht von der Sache überzeugt sind, aber sich zum Spitzeln haben werben lassen. Anschließend noch ein bißchen rumwundern, daß sich böse ehemalige Kameraden (auch wieder V-Leute?) rächen könnten. So haben der V-Schutz (natürlich nur als Aufpasser, niiieeeemals als selber in die Machenschaften involvierter!!) und die Aussteigerprogrammangestellten ihre Daseinsberechtigung und bekommen viele schöne Steuergelder…