Der Schriftzug Bertelsmann-Stiftung steht an einem Gebäude
Bildrechte: dpa

Bertelsmann-Studien Eigeninteresse oder Wissenschaft?

"Das belegt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung" - diese Worte liest oder hört man häufiger. Schließlich gibt Bertelsmann regelmäßig Studien in Auftrag. Doch obwohl wir "Stiftungen" meistens positiv assoziieren, verfolgen auch sie Eigeninteressen. Solche Vorwürfe muss sich derzeit die Bertelsmann-Stiftung gefallen lassen. Sie steht wegen ihrer Studien über das Freihandelsabkommen in der Kritik.

von Ralf Geißler, MDR AKTUELL

Der Schriftzug Bertelsmann-Stiftung steht an einem Gebäude
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Über mangelnde Aufmerksamkeit kann die Bertelsmann-Stiftung nicht klagen. Unablässig veröffentlicht sie Studien und die Medien berichten, auch wir vom MDR. Doch beim Verband Lobby-Control betrachtet man die Stiftung mit wachsendem Argwohn. Ihre Studien zum europäisch-amerikanischen Freihandelsabkommen TTIP beispielsweise kämen wie Wissenschaft daher, seien aber interessengeleitet, kritisiert Lobby-Control-Geschäftsführer Ulrich Müller: "Da hat sie eben Studien in Auftrag gegeben und veröffentlicht, die sehr einseitig Meinungsmache betrieben haben. Das heißt, sie haben versucht, die möglichen Vorteile dieses Handelsabkommens hochzurechnen. Und das ist so ein bisschen das Problem bei der Bertelsmann-Stiftung insgesamt, dass man sich manchmal fragt, ist das jetzt eine eigenständige Arbeit oder inwiefern kommt das auch dem Unternehmen zu Gute?"

Bertelsmann weist Kritik zurück

Schon länger wird der Stiftung vorgeworfen, ihre Studien würden schon mal zu Ergebnissen kommen, die vor allem dem Bertelsmann-Konzern nützen. Dieser ist weltweit im Mediengeschäft tätig, verdient mit Büchern, Filmen und Fernsehen. Knapp 78 Prozent der Konzernanteile hält mittelbar die Stiftung. Trotzdem weist der Pressesprecher eine Vermischung mit Konzerninteressen zurück: "Die Bertelsmann Stiftung ist geprüft und gemeinnützig", schreibt er auf Anfrage. Den Vorwurf des Deutschen Lehrerverbandes, auch die Bildungsstudien der Stiftung seien tendenziös, kann er nicht nachvollziehen: "Die Veröffentlichungen erarbeitet die Stiftung in der Regel mit Partnern aus der Wissenschaft, zumeist universitären Einrichtungen."

Wissenschaft und private Förderung

Tatsächlich dürften die meisten dieser Einrichtungen froh sein, die Bertelsmann-Stiftung zum Partner zu haben. Immer häufiger sind Hochschulen auf Geld von Außenstehenden angewiesen. Auch andere Unternehmensstiftungen finanzieren Wissenschaftler. Von Lidl und Vattenfall wurden schon ganze Professuren bezahlt. Ist die wissenschaftliche Unabhängigkeit dadurch nicht generell gefährdet?

Michael Göring, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Deutscher Stiftungen, verneint: "Aus all meiner Erfahrung, ich habe auch lange für die Krupp-Stiftung in Essen gearbeitet, kann ich Ihnen sagen, dass die Stiftungen doch sehr unabhängige Einrichtungen sind und alles tun, um diese Unabhängigkeit zu wahren. Auch die vielen Stiftungen, die in der Bundesrepublik Stiftungsprofessuren errichtet haben, überlassen die Auswahl desjenigen oder derjenigen, der dann auf diese Stiftungsprofessur kommt, doch ganz den wissenschaftlichen Gremien."

Kritisches Hinterfragen notwendig

Denn Wissenschaftler, so argumentiert Göring, hätten einen Ruf zu verlieren. Wenn sie nicht unabhängig arbeiten würden, bekämen sie woanders keinen Job mehr. Der Verband Lobby-Control hält an seiner Kritik an der Bertelsmann-Stiftung trotzdem fest. Ulrich Müller sagt: "Es ist sicher wichtig, darüber aufzuklären und ein stärkeres Bewusstsein dafür zu haben, dass man das, was von Unternehmensstiftungen kommt, auch kritisch hinterfragen muss. Aber es gibt auch stiftungsrechtliche Fragen. Und da geht es um die Fragen der Gemeinnützigkeit. Wo fängt sie an und wo hört sie auf, wenn eine Stiftung zu stark an Themen und Interessen eines Unternehmens ausgerichtet ist?" An der Gemeinnützigkeit der Bertelsmann-Stiftung hat Müller wegen ihrer Konzernnähe Zweifel. Der Lobby-Control-Chef hat die Stiftung aufgefordert, ihr Engagement zum Freihandelsabkommen einzustellen: wegen Befangenheit.

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2017, 10:01 Uhr