Krankenhaus-Schild
Wie aussagekräftig ist die Bertelsmann-Studie für Sachsen? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Zukunft der Gesundheitsversorgung Sachsen: Kritik an Bertelsmann-Studie zu Krankenhäusern

Weniger Krankenhäuser für eine bessere Gesundheitsversorgung – was erstmal paradox klingt, ist die Empfehlung, zu der eine aktuelle Bertelsmann-Studie kommt. Die Kernidee: Mehr große, vollausgestattete Kliniken schaffen und kleinere Häuser dafür schließen. In Sachsen gehe das aber an der Realität vorbei, sagen Kritiker.

von Constanze Hertel, MDR AKTUELL

Krankenhaus-Schild
Wie aussagekräftig ist die Bertelsmann-Studie für Sachsen? Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kaum war die Bertelsmann-Studie veröffentlicht, liefen bei der Sächsischen Krankenhausgesellschaft die Telefone heiß. Der Grund: Anwohner aus ländlichen Regionen fürchten um die Klinik in ihrer Nähe. Verständlich, meint Geschäftsführer Stephan Helm. "Bertelsmann sagt: Auf alle Krankenhäuser mit weniger als 100 Betten kann man verzichten. Das heißt ja dann Schließung und Entzug der Versorgung."

Wie es Sachsens Krankenhäusern geht

In Sachsen gibt es jedoch laut Gesundheitsministerium gerade einmal zwei Regelversorgungskliniken, die tatsächlich unter 100 Betten haben. Und: Sachsen hat, wie auch die anderen neuen Bundesländer nach der Wende, angefangen, die Anzahl der Krankenhäuser zu reduzieren und größere Zentren einzurichten. Waren es mal ca. 130 Kliniken, sind es heute noch 80.

Und diese 80 seien bereits gut miteinander vernetzt, so Helm. "Weil wir uns hier bemüht haben, in den Netzwerkstrukturen, schnellstmöglich den Patienten dorthin zu bringen, wo er die bestmögliche Versorgung erfährt. Und das kann für einen normalen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt auch eine Regelversorgung im ländlichen Raum sein. Gar nicht mal aus eigener Ressource, sondern in Verbindung mit einem Zentrum."

Studie nur bedingt aussagekräftig

Das Problem der Studie: Sie untersucht den Großraum Köln/Leverkusen und kommt zu dem Schluss, dass gut ein Drittel der Akutkliniken für die Versorgung der Patienten der Region ausreichend wäre. Und dass viele kleine Krankenhäuser gar nicht gut genug ausgestattet wären und deshalb geschlossen werden sollten. Stattdessen müsse es mehr Spezialisierung geben. Auf Sachsen könne man das aber nicht so einfach beziehen, kritisiert auch Kai Emanuel, Landrat von Nordsachsen.

"Wir haben bereits Spezialisierung", sagt er. Als Beispiel nennt er das Herzzentrum in Leipzig, die Uniklinik, die andere Anforderungen habe, als die Krankenhäuser, die im ländlichen Raum sind. In Oschatz etwa gebe es eine große orthopädische Abteilung. "Das muss man berücksichtigen. Man kann jetzt nicht einfach sagen, im Durchschnitt ist der Teich einen Meter tief. Man muss es wirklich spezifisch an den verschiedenen Standorten untersuchen und muss daraus ein Netz für den Freistaat stricken."

Krankenhäuser im ländlichen Raum

Und das würde mit der Schließung von kleineren Häusern und mehr großen Zentren nicht so einfach funktionieren, setzt Emanuel nach. "Im ländlichen Raum muss das Krankenhaus vor Ort erhalten bleiben. Das ist auch für die Bürger wichtig. Es gibt nicht nur die große Herz-OP, es gibt auch mal einen Blinddarmdurchbruch oder was anderes. Und das muss in der Region abgearbeitet werden."

Das sehen auch die Krankenkassen so. Sie haben deshalb beschlossen, nächstes Jahr 50 Millionen Euro in Kliniken im ländlichen Raum zu investieren. Auch nach Nordsachsen fließt Geld: 400.000 Euro in die Klinik in Torgau. Insgesamt profitieren fünf Kliniken im Freistaat von einem Zuschlag in dieser Höhe. Die Empfehlungen der Bertelsmann-Studie stehen dazu im Widerspruch. Dennoch will das sächsische Gesundheitsministerium prüfen, ob es Ansätze gibt, die sich auf Sachsen anwenden lassen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 16. Juli 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2019, 05:00 Uhr

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13 Kommentare

16.07.2019 18:35 Frank von Bröckel 13

Man benötigt in Wahrheit eigentlich überhaupt KEINE eigenen Studien von irgendwelchen "politischen" Instituten und Stiftungen, sondern lediglich die schonungslosen(!!) Lageberichte der jeweils zuständigen Fachbeamten in den jeweils zuständigen Fachbehörden!

ABER deren schonungslose und somit WAHREN Lageberichte lassen die allermeisten der zuständigen Politiker hier in Deutschland zumeist eher ziemlich ALT aussehen, und somit landen diese schonungslosen Lageberichte entweder gleich in den nächsten Papierkorb oder werden dauerhaft unter Verschluss gehalten!

Denn die politischen Parteien haben sich in Wahrheit NICHT NUR den deutschen Staat, sondern auch die Wahrheit zur Beute gemacht!

Und politisch WAHR hat gefälligst immer das zu sein, was dem zuständigen Minister politisch am meisten nützt!

Denn ALLES andere könnte eventuell NUR den deutschen Wähler eventuell dauerhaft beunruhigen!

16.07.2019 13:50 pkeszler 12

@Ralf Meier
Ich habe 10 Jahre in einem kleinen Ort gewohnt, wo das Krankenhaus geschlossen wurde. Heute wird dort nur noch eine Tagesklinik betrieben. Für größere Operationen usw. müssen eben die Bürger weiter fahren. Daran haben sie sich mit der Zeit auch gewöhnt.

16.07.2019 13:11 Morchelchen 11

Kam schon mal was echt Wissenswertes, oder gar Sinnvolles, von der Bertelsmann-Stiftung? Was sich dahinter verbirgt, weniger Krankenhäuser für sinnvoller zu halten, betreffend vorzugsweise den ländlichen Raum, wo es sie noch gibt, kann man sich sofort zusammenreimen: Weniger Krankenhäuser, weniger Ausgaben. Zudem - weg vom Individuum, hin zur Masse - ist generell Trend. Da passt eben die individuelle Betreuung nicht mehr hinein, ist nicht mehr zeitgemäß, nicht mal mehr bei der Patientenversorgung. Und da die Beschäftigten der Stiftung sicherlich Stadtbewohner sind, ist es denen wahrscheinlich egal, dass es viele Menschen gibt, die 40 oder 60 km von dem unrentablen, weil zu kleinen, Krankenhaus entfernt leben. Jedoch von der großen Klinik 100 km und mehr. Also im Notfall wegen der Entfernung der Krankenwagen gar nicht mehr hinfahren muss. Aber vielleicht ist das gerade der Hintergedanke dabei aufgrund der Überalterung unserer Bevölkerung?

16.07.2019 11:30 Ureinwohner 10

Wir haben ein Bundeskabinett und einen Bundestag.Wenn man aber nicht beschlussfähig und nicht regierungsfähig ist und den wissenschaftlichen Dienst meidet dann hilft nur noch die Bertelsmann-Studie.Da kann man sich das Ergebnis wohl wünschen?

16.07.2019 11:15 Hans Frieder Leistner 9

Diese Studie wurde mit dem Raum Köln, Leverkusen als Grundlage erstellt. In diesem Bereich kann man jedes Krankenhaus mit der Straßenbahn oder Omnibus bzw. S Bahn erreichen. Die ist überhaupt nicht für die ländlichen Gebiete aussagefähig. Zudem ist sie eine Ohrfeige für die Ärzte an kleineren Kliniken. Diese sind nicht schlechter oder dümmer als an großen Kliniken. Und dann sollte im Gesundheitswesen der Mensch - in dem Fall Patient - im Mittelpunkt stehen. Gerade der Kranke ist auf Beistand seiner Familie angewiesen. Die sollte also nicht zu weit entfernt sein.

16.07.2019 10:06 ralf meier 8

@pkeszler Nr 5: Man mag es nicht glauben, aber in deutschen Krankenhäusern wird nicht nur operiert, auch wenn es nach Aussage vieler Experten richtig ist, das zu viel operiert wird.

Siehe dazu : Ard homepage Artikel "Unnötige Operationen: Einnahmequelle der Gesundheitsbranche".

Kleine Krankenhäuser in Ortsnähe sind und bleiben in vielen Fällen die beste Alternative. Die Nachteile einer Zentralisierung habe ich bereits mehrfach im Zusammenhang mit dem ärztlichen Bereitschafts/Notdienst erlebt. Wo ich früher in meiner Gemeinde vor Ort einen Ansprechpartner hatte, muß ich jetzt in die nächste Kreisstadt fahren um dort stundenlang zu warten. Auch da ging es wohl eher um eine Sparmaßnahme als um eine Optimierung.

16.07.2019 09:25 Wikreuz 7

Die entscheidende Frage ist nicht die Bettenanzahl eines Krankenhauses, sondern die einer Abteilung.
Diese muss so groß sein und so viele voll ausgebildete Fachärzte haben, dass der Nacht-und Wochenenddienst jederzeit geregelt ist. Ein Beispiel: Es kann kein Chirurg, der jeden Tag in der Bauchchirurgie acht Stunden tätig ist, nachts den Bereich der Traumatologie abdecken.

16.07.2019 09:19 Max Mustermann 6

Wie immer liegt in der Mitte die Wahrheit. Das Papier bildet eine sehr gute Diskussionsgrundlage.
Es wird nur gelingen die Qualität der medizinische Arbeit weiter zu verbessern. wenn die Zahl der Kliniken begrenzt bzw. reduziert wird. Dabei sind Häuser mit unterschiedlichen Behandlungsinhalten und Behandlungsabläufen durchaus wünschenswert. Fehler werden überall gemacht, in großen und kleinen Kliniken. Das unterscheidet die Kliniken nicht, Kein Unterschied besteht ebenso in der Vielzahl hervorragender medizischen Leistungen.Es ist ein Irrglaube zu denken, das diese Leistungen mit der Anzahl der Kliniken steigt.
Das Gegenteil ist der Fall.

16.07.2019 08:48 pkeszler 5

Kritik an der Schließung von kleinen Krankenhäusern kommt bestimmt nur aus der ländlichen Region, die befürchtet, dass ihr Krankenhaus geschlossen wird. Dabei gibt es doch auch in Mitteldeutschland große Krankenhäuser, die wichtige Operationen routiniert und mit großer Erfahrung machen können und wo deshalb die Sterblichkeitsrate nach der OP geringer ist.
Aber manche Bürger scheuen die Entfernung zu dem großen Krankenhaus und lassen lieber eine OP in der Nähe in einem kleinen Krankenhaus durchführen, die nicht so sicher ist. Die Entfernung ist doch heute nicht mehr so relevant, wie das in Dänemark praktiziert wird.

16.07.2019 08:41 ralf meier 4

Ich meine: Hier sollen uns geplante Sparmaßnahmen im Bereich des Gesundheitswesens als Optimierungsmaßnahme schmackhaft gemacht werden.

Diese Sparmaßnahmen sind bei der zusätzlichen Belastung des Gesundheitswesens seit 2015 durchaus nachvollziehbar, sollten dann aber auch so benannt werden.