Interview Politologe: "CDU-Bildmontage ist pure Demagogie"

Seit dem Wochenende schlägt die Debatte um einen Facebook-Post der sächsischen CDU hohe Wellen. Unter der Aussage, der Sozialismus habe nur für Leid gesorgt - egal ob national oder real-sozialistisch - wird ein Bild vom zerbombten Dresden maroden DDR-Altbauten in Görlitz gegenübergestellt. Der Politikwissenschaftler Hajo Funke wirft der CDU Demagogie und Verharmlosung des Nationalsozialismus vor.

CDU Sachsen Sozialismus Facebook
Der Facebook-Post der CDU Sachsen. Bildrechte: CDU Sachsen bei Facebook

Der Politikwissenschaftler Hajo Funke hat die Fotomontage der sächsischen CDU mit dem Titel "Sozialismus hat nur für Leid gesorgt" scharf kritisiert. Funke sagte bei MDR AKTUELL, es sei eine ungeheure Verharmlosung des Nationalsozialismus durch die CDU. Die Bombardierung Dresdens während des Nationalsozialismus mit dem Verfall der Städte in der sozialistischen DDR zu vergleichen, sei banal und falsch.

Das ist pure Demagogie und führt nicht weiter. Auch nicht für die nächste Landtagswahl und nicht für die CDU.

Politikwissenschaftler Hajo Funke - Experte für Rechtsextremismus, bis 2010 an der FU Berlin

Die CDU bestreite damit auch, dass es einen demokratischen Sozialismus geben könne, obwohl große Teile der SPD und die demokratische Linke freiheitlichen Sozialismus denkt und vorschlägt. Funke kritisiert, das sei eine völlige Fehleinschätzung beider Parteien.

Wahlkampf wird sich verschärfen

Funke befürchtet für die Landtagswahl in Sachsen einen verschärften Wahlkampf und weitere Provokationen. So habe die AfD mit Björn Höcke und dem sächsischen Landeschef Jörg Urban zuletzt in Cottbus - so wörtlich - "Führerkult, Hetze und Gewalt" gepredigt. Das sei eine verhängnisvolle Entwicklung für die politische demokratische Kultur.

Die CDU wirkt aus Sicht von Funke konzeptlos und "außer Kontrolle". Diese Radikalisierung mache sie weniger glaubwürdig, etwa für konservative bürgerliche Anhänger.

CDU verteidigt Collage

Die sächsische CDU wies den Vorwurf der Gleichstellung von Nationalsozialismus und DDR-Sozialismus als völligen Blödsinn zurück. Generalsekretär Alexander Dierks sagte MDR AKTUELL, die CDU stelle die Einzigartigkeit der Verbrechen des Nationalsozialismus niemals in Frage. Man habe verdeutlichen wollen, dass jede Form von totalitärem Regime in Deutschland sehr negative Konsequenzen gehabt habe.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. Juli 2019 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2019, 08:55 Uhr

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84 Kommentare

23.07.2019 22:41 Ulrich Kleindienst 84

Wenn ich dieses Plakat betrachte, kommt mir die Galle hoch. Wie kann denn eine "demokratische" Partei einem derartigen Idiotismus verfallen. Das ist wirklich unterstes Niveau.
Vielleicht sollte man den Post mal mit den "blühenden Landschaften" des Herrn Kohl ergänzen?
So zeigt sich wieder einmal, dass die CDU eine Partei der Kapitalisten ist. Für mich nicht wählbar.

23.07.2019 16:30 Bautzener 83

Propaganda der billigsten Sorte. Ruinen zeigen, aber verschweigen, dass in den letzten 20 Jahre der DDR (einem Land mit 16 Millionen Einwohnern) etwa 2 Millionen neue Wohnungen und in der BRD (einem Land mit etwa 80 Millionen Einwohnern) in den letzten 20 Jahren nur etwa 4 Millionen neue Wohnungen entstanden sind. Offensichtlich ist die CDU noch immer in der Rhetorik des Kalten Krieges gefangen. Dieselbe Propaganda wie 1980. Und die Aussage "... hat nur für Leid gesorgt ..." können ich und viele andere, die dabei waren, nicht bestätigen.

23.07.2019 16:03 Felicitas Wicke 82

Ich bin entsetzt! Eine derartige Haltung öffentlich zu propagieren ist nicht nur dumm, sie ist gefährlich.
Die 1945 zerbombte Stadt Dresden derart zu missbrauchen ist eine Verhöhnung der Opfer und aller Menschen, gleich welchen Glaubens oder Anschauung, die wegen ihres Widerstandes verfolgt, eingesperrt, gefoltert und umgekommen sind.
Von Deutschland ging der 2.Weltkieg aus. Ich wusste bis zur Erklärung der CDU nicht, dass er von Sozialisten und Kommunisten geführt wurde und viele Millionen Opfer brachte. Damit wird Adolf Hitler rehabilitiert?!
Auch im Namen der CDU gehen Waffenexporte von Deutschland aus in Kriegsherde. Und das in ungeheuren Dimensionen. Auch durch diese Waffen sterben heute noch unschuldige Menschen.
Görlitz kenne ich als eine schöne Stadt und solche Ecken gibt es fast überall, sogar im Westen unseres Landes. Lächerlich! Ich bin parteilos, das Volk und erwarte, dass es endlich um die Sache geht, damit alle Menschen ein gutes Leben führen können. F. Wicke

23.07.2019 15:14 Gert 81

Richtig schön zu sehen ist, daß die CDU ihre Collage gegen diese Art von linken Politologen verteidigt. Kevin Kühnert hat ihn bestimmt überzeugt. Für mich ich das hier ein richtiger Wahlkampf um jede Stimme, die die CDU braucht, um an alte Stärke wieder zu kommen.

23.07.2019 14:19 Gerhard Schönherr 80

Hier wird bewusst zuviel hinein interpretiert. Bleibt man bei den zer- bzw. verfallenen Gebäuden, erschließt sich eine gewisse Logik. Sicher, einen sozialistischen Auftrag, offiziell an kriegerischen Handlungen oder einem Krieg (wie gegen Afghanistan) teilzunehmen, ist dem DDR-Brudervolk erspart geblieben. Das hat die Sowjetunion mit Panzern und Erschießungen, 1953 bei uns, 1956 in Ungarn, 1968 in der Tschechoslowakei selbst erledigt -und damit die Alternative des demokratischen Sozialismus verhindert! Was ist mit den damaligen Mauertoten, was mit den heutigen Umerziehungslagern in China und Nordkorea? Zur Klarstellung: In keinster Weise sollen damit die Gräuel des Nationalsozialismus relativiert werden!

23.07.2019 13:15 Pattel 79

Da können hier die ehemaligen Genossen schimpfen und meckern. Ich habe Görlitz so erlebt. Verfall preisgegeben.
Das wir die Freunde bedienen mussten ist auch richtig. Wer hat aber die DDR Genossen gezwungen die Produkte wie es hier genannt wurde zu verscherbeln.

Nur weil der Staat scharf auf Hartgeld war und ihre Bürger auch.
Von Parolen wurde ich nicht satt.

In Dresden kenn ich nur bewusst die Trümmer der Frauenkirche.Als Mahnmal wie man es nannte.

Das haben wir aber den verdammten Kriegen zu verdanken.
Nun lassen sich viele wieder gegeneinander ausspielen.

23.07.2019 13:12 Wachtmeister Dimpfelmoser 78

@ 08:33 | MarclI: Hier müssen wir wohl ein paar Behauptungen zurechtzurücken.
1. Der Sozialismus hat umgehend zu Krieg geführt (Stichwort: Roter Terror, von Lenin unmissverständlich auch als solcher propagiert, mündete sodann in Bürgerkrieg in Sowjet-Russland von 1919 bis 1921/22).
2. Die quasi im Alleingang umgesetzten Schreibtischaktionen von Stalin (Holodomor) und Mao Zedong (Großer Sprung nach vorn) zählen zu den größten menschengemachten Hungerkatastrophen der Geschichte (geschätzt 2-3 bzw. bis zu 50 Mio. Opfer).
3. Fliegen Sie aktuell mal nach Kuba, und Sie werden sehen, was 60 Jahre Sozialismus mit ursprünglich intakter Bausubstanz anrichten.
4. Internet in der DDR? Selten so gelacht. Man hätte uns nicht mal Handys zugestanden in diesem Überwachungsstaat, geschweige denn eine weltweite unzensierte oder gar unkontrollierte Internetnutzung.

23.07.2019 09:29 Matthias V. 77

@ MarcIl Nr. 76

"Zum Bild als Zusatz...der Verfall war schon auch eine indirekte Folge von WK 2- viele Innenstädte mussten ja mit unglaublichen Mitteln aufgebaut werden. Der Aufbau war eine große Leistung, die durchaus auch für die Kraft des Sozialismus spricht."

Die Häuser mögen vielleicht nach 1945 wieder aufgebaut worden sein (wie im Westen übrigens auch). Aber der Verfall danach (der mindestens bis 1989/90 anhielt) war eindeutig keine Folge des 2. Weltkriegs mehr, auch nicht indirekt! Das war vielmehr eine DIREKTE Folge sozialistischer Miss- und Mangelwirtschaft! Dazu geführt haben u.a. politisch-ideologisch verordnete Dumping-Mieten, die nicht einmal die anfallenden Betriebskosten gedeckt haben. Infolgedessen fehlte vorne und hinten das Geld für dringend notwendige Instandsetzungsarbeiten und Modernisierungen. Soviel zu Ihrer dollen "Kraft des Sozialismus"!

23.07.2019 08:33 MarcIl 76

Es wurde ja viel über Kapitalismus und Sozialismus geschrieben. Letzterer war immer Versuch, ersterer führte und führt in regelmäßigen Kriegen zu Millionen Toten. Kapitalismus ist Krieg. Der zweite Weltkrieg war kapitalistisch, die dort verdienten verdienen heute ( deren Nachfahren ) noch immer. Zum Bild als Zusatz...der Verfall war schon auch eine indirekte Folge von WK 2- viele Innenstädte mussten ja mit unglaublichen Mitteln aufgebaut werden. Der Aufbau war eine große Leistung, die durchaus auch für die Kraft des Sozialismus spricht. Bei allen Fehlern. Viele waren auch der Zeit geschuldet, Internetz gäbe es wohl heute in der DDR auch.

22.07.2019 22:38 Querdenker 75

Zitat Fotocollage: "Sozialismus hat nur für Leid gesorgt. Egal ob national oder real existierend."

Die Millionen Juden in den Gräbern werden der CDU widersprechen!

Für diese Juden wäre es nämlich nicht Zitat „egal“ gewesen, ob sie in der Diktatur der DDR oder im Totalitarismus unter Hitler leben.

Eine unsägliche Gleichsetzung (Zitat „egal“) durch die CDU von der Diktatur der DDR mit dem Totalitarismus Hitlerdeutschland.

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Für die Menschen im Osten Deutschlands war es bisher fast Zitat „egal“, ob sie CDU, SPD, Die Linke, die Grünen oder die FDP gewählt haben.

Mit der AfD hat sich das nun geändert. Jetzt wird es nicht mehr Zitat „egal“ sein, da damit endlich auch deutlicher politischer Druck auf die CDU ausgeübt werden kann.

Für viele Bürger im Osten unseres Landes wird die CDU zu den Landtagswahlen Zitat „egal“ sein.