Mitteldeutschland Bisher kein Lehrer-Notstand durch Corona-Atteste

Der Schulbetrieb in Zeiten von Corona wirft viele Fragen auf. Für ältere oder vorerkrankte Lehrer gilt, dass sie nicht vor eine Klasse treten müssen. Zuletzt gab es mehrfach Berichte, wonach sich viele Pädagogen aus Angst vor einer Ansteckung vom Unterricht befreien lassen wollen. Wie ist die Situation in Mitteldeutschland?

Eine Schulklingel steht auf dem Lehrertisch.
Schrittweise kehren die Schüler in den Präsenzunterricht an die Schulen zurück. Dort treffen sie aber nicht unbedingt auf all ihre Lehrer. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Unter welchen Voraussetzungen sich Lehrkräfte vom Präsenzunterricht freistellen lassen können, ist in den mitteldeutschen Ländern unterschiedlich geregelt. In Thüringen zählen über 60-Jährige, über 50-jährige Raucher und Menschen mit Vorerkrankungen zur Corona-Risikogruppe. Sie müssen nicht vor einer Klasse unterrichten.

In Sachsen und Sachsen-Anhalt gelten strengere Regeln. Hier können sich nur die Pädagogen freistellen lassen, die ein ärztliches Attest über eine Vorerkrankung vorlegen. Der Sprecher des Bildungsministeriums in Sachsen-Anhalt, Peter Thurmann, erläutert den aktuellen Stand: "Wir haben etwas mehr als 13.000 Lehrkräfte ganz regulär im Dienst." Ungefähr 1.300 Lehrkräfte seien momentan mit einem ärztlichen Attest vom Präsenzunterricht freigestellt. Das heiße aber nicht, dass die Kollegen nicht im Dienst seien. Sie kümmerten sich dann "prioritär um den Fernunterricht, also das Distanzlernen".

Das bedeutet: Knapp zehn Prozent der Lehrkräfte arbeiten nur von zu Hause aus. Das sei natürlich keine schöne Situation, sagt Thurmann. Die wichtigen Aufgaben könnten aber erledigt werden.

Nur wenige Lehrer im Homeoffice

Wie viele Lehrer die Heimarbeit in Thüringen und Sachsen betrifft, konnten die zuständigen Ministerien nicht sagen. Auf Anfrage von MDR AKTUELL teilten sie aber mit, dass es wegen Corona-Freistellungen zu keinem Lehrern-Notstand komme.

Laut Bildungsgewerkschaft GEW sind in beiden Ländern viele Lehrer aus der Risikogruppe, also über 60 oder vorerkrankt, weiter zur Arbeit gegangen – freiwillig. Eine entsprechende Pflicht gibt es in Thüringen nach wie vor nicht, in Sachsen seit dieser Woche schon. Denn seit Montag sind im Freistaat die Kitas und Grundschulen wieder geöffnet – für alle Kinder.

Hier sei die bisherige Regelung per Dienstanweisung wieder zurückgenommen worden, sagt die Landeschefin der Lehrergewerkschaft GEW Sachsen, Uschi Kruse. "Das hängt natürlich damit zusammen, dass man bei so weitreichenden Schritten schlichtweg viele Kolleginnen und Kollegen braucht." Das bedeute, dass diejenigen, die bis jetzt freiwillig am Präsenzunterricht teilgenommen hätten, dazu gezwungen seien, auch durch das Ministerium, sich wegen eines Attests an einen Arzt zu wenden.

GEW: Hoher Druck auf Lehrer aus Risikogruppe

Das ärgere zwar viele, sagt Kruse. Aber selbst in dieser Situation denke der Großteil der Ü-60-Lehrer gar nicht an eine Freistellung. Manchmal habe sie als Gewerkschafterin sogar Bauchschmerzen, weil sie sich mehr Sicherheit für die Lehrkräfte wünschen würde.

Gibt es ihn also gar nicht, den Lehrer-Ansturm auf die Corona-Atteste? Die GEW-Landeschefin sagt, sie nehme das nicht wahr, aber es verwundere sie auch nicht:

Wenn man sich die Altersstruktur der Lehrerschaft in der Bundesrepublik Deutschland anguckt, und wenn man sich anguckt, wie die Einstellungspolitik in den letzten Jahren gelaufen ist, kann es kein Kultusministerium und auch keinen Landtag verwundern.

Uschi Krause, Sächsiche Landeschefin GEW

Allein die Zahlen geben das nicht her. Und auch eine Nachfrage beim sächsischen Hausärzteverband ergibt: Eine auffällige Häufung der wegen Corona ausgestellten Atteste gibt es – jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt – nicht.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. Mai 2020 | 05:00 Uhr

1 Kommentar

ElBuffo vor 1 Wochen

Das ist ja wohl ein verspäteter Aprilscherz, dass Raucher als Risikogruppe gelten und sich deswegen freistellen lassen können. Da fehlt doch dann nur noch die Bundesratsinitiative, dass Lehrern die Kippen von der Kasse bezahlt werden (bei den verbeamteten selbstverständlich dann vom Steuerzahler).
Alternativ könnte ich mir einen Gehaltsbonus für Lehrkräfte vorstellen, die auf ihre Gesundheit achten. Ach nein, das wäre sicher diskriminierend und total unfair.