Asyleinrichtungen in Sachsen Erstaufnahme in Zeiten von Corona

Wo immer es nur geht, sollen große Menschenansammlungen derzeit vermieden werden. In Erstaufnahmeeinrichtungen für Asylsuchende scheint das aber nicht immer einfach zu sein. Wie geht Sachsen damit um?

Jabbar Alkhazali kommt aus dem Irak. Er lebt in der Erstaufnahmeunterkunft Bremer Straße in Dresden, zusammen mit seiner Frau und fünf Kindern. Der 41-Jährige schickt ein Video vom Familienzimmer. Das liegt in einer Art Dauer-Zelt – und hat zwar Tür und Trennwände, aber keine abgeschlossene Decke, wie Jabbar Alkhazali erklärt: (Übersetzung): "Es gibt nur eine große Überdachung für das gesamte Zelt. Die ist offen. Es ist sehr leicht, sich anzustecken."

Bis zu zehn Familien leben in einem Zelt, aus 13 davon besteht die Unterkunft, in der laut Landesdirektion 263 Personen untergebracht sind. Das besorgt Alkhazali wegen des Coronavirus: Man teile Toiletten und Essensraum, die Kinder spielten draußen, es würden Spaziergänge gemacht. Er fordert: (Übersetzung) "… einen Ort, wo wir uns selbst schützen können, weil wir den Raum dafür haben – und dass der dann abgeschlossen ist, wie Wohnungen oder Häuser oder etwas in der Art." Sonst gefährde man sich selbst und andere, so sein Argument.

Mögliche Corona-Übertragung in Gemeinschaftsunterkünften

Darauf pocht auch der sächsische Flüchtlingsrat, er will Gemeinschaftsunterkünfte komplett auflösen. Die Linken-Abgeordnete Juliane Nagel fordert, sie zumindest zu verkleinern, etwa Ältere oder Familien dezentral unterzubringen.

Für Rico Anton, den innenpolitischen Sprecher der CDU-Fraktion, ist das offenbar keine Option: "Natürlich versuchen wir, möglichst Menschenansammlungen zu vermeiden. Aber es gibt eben Strukturen, in denen das nicht ohne weiteres zu vermeiden ist. Und dazu gehören halt die Erstaufnahmeeinrichtungen."

Wenn ein Corona-Fall in einer unserer Einrichtungen auftreten sollte, wird diese Einrichtung komplett in Quarantäne genommen.

Rico Anton Innenpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im sächsischen Landtag

Bisher kein Fall in sächsischen Einrichtungen bekannt

Bisher ist in den neun sächsischen Einrichtungen kein Fall bekannt. Die Landesdirektion schreibt in einer Mail an MDR AKTUELL, alle Neuzugänge würden für 14 Tage getrennt untergebracht – und bei Risikokriterien getestet. Möglichkeiten zur räumlichen Trennung würden ausgebaut, Reinigungsmaßnahmen optimiert, zu Verhalten und Hygiene informiert.

Albrecht Pallas SPD steht vor einer Fotowand.
Albrecht Pallas, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion im sächsischen Landtag. Bildrechte: dpa

Albrecht Pallas, innenpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion meint dazu: "Ich gehe davon aus, dass die Verantwortlichen für die Betreibung der Erstaufnahmeeinrichtungen jetzt ihre Verantwortung kennen und über die Unterbringung hinaus dafür sorgen, dass auch beim Essen und bei jeglichen anderen Bereichen in den Einrichtungen dafür gesorgt wird, dass die sozialen Kontakte so gering wie möglich sind."

Quarantäne-Möglichkeiten bei Erstaufnahmen

Es sei jetzt keine Zeit für Forderungen. Jörg Urban aber, Landeschef der AfD in Sachsen, betont per Mail, die einzige Lösung sei die sofortige Abschiebung ausreisepflichtiger Personen.

Petra Čagalj Sejdi
Petra Čagalj Sejdi, migrationspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im sächsischen Landtag. Bildrechte: MDR/Elenor Breusing

Petra Cagalj Sejdi hingegen, migrationspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, schlägt vor: "Es gibt natürlich Möglichkeiten, dass die Erstaufnahme in Leipzig zumindest 100 Plätze hat, wo sichergestellt werden könnte, dass infizierte Menschen in Quarantäne dort leben können. Und so haben wir natürlich auch Unterkünfte, wo wir sagen können: Okay, hier sind dann nur 50 Familien untergebracht, die in entsprechendem Abstand zueinander wohnen, sodass man sich da nicht anstecken kann, sollte jemand krank sein."

Man könne zudem in Kommunen abfragen, ob es Platz gerade für Familien, Kranke und Alte gebe. Zuständig dafür sei das CDU-geführte Innenministerium.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. März 2020 | 05:00 Uhr