Der Flüchtlingsjunge Luai aus dem Norden des Libanon sitzt am 25.11.2016 in Clausnitz (Sachsen) vor einer Flüchtlingsunterkunft.
Luai Kathun vor der Flüchtlingsunterkunft in Clausnitz im Jahr 2016. Bildrechte: dpa

Drei Jahre nach "Bus-Vorfall" Was aus den Flüchtlingskindern von Clausnitz geworden ist

Es ist schon drei Jahre her, dass der Protest gegen die Ankunft von Flüchtlingen in dem kleinen Ort Clausnitz in Sachsen deutschlandweit für Aufsehen gesorgt hat. Inzwischen leben in dem Ort keine Geflüchteten mehr. Eine der Familien ist nach Brand-Erbisdorf gezogen - es ist die Familie von Luai Kathun, der als damals 14-Jähriger von einem Beamten im Polizeigriff aus dem Bus geholt worden war.

von Ine Dippmann, MDR AKTUELL

Der Flüchtlingsjunge Luai aus dem Norden des Libanon sitzt am 25.11.2016 in Clausnitz (Sachsen) vor einer Flüchtlingsunterkunft.
Luai Kathun vor der Flüchtlingsunterkunft in Clausnitz im Jahr 2016. Bildrechte: dpa

An einer vielbefahrenen Straße in Brand-Erbisdorf steht ein vierstöckiges Mietshaus. Gleich gegenüber: ein Supermarkt, die Bushaltestelle. Im April vergangenen Jahres durfte der Libanese Mahdji Kathun mit seinen beiden Söhnen hier herziehen, an Clausnitz hat er keine guten Erinnerungen.

Ein Reisebus mit Flüchtlingen, umringt von Menschen
Der Reisebus mit Flüchtlingen in Clausnitz, umringt von Menschen. (Screenshot) Bildrechte: Youtube

Luai, sein älterer Sohn, übersetzt: Der Vater habe ein schweres Leben in Clausnitz gehabt, konnte nicht rein und raus, wann immer er wollte. Er habe nur auf das Wochenende gewartet. Dann sei Marc Lalonde gekommen, um ihn mit dem Auto zum Einkaufen zu fahren. Sonst habe er nichts zu tun gehabt. "Das war ein langweiliges Leben, zwei Jahre."

Luais Vater ist kleinwüchsig, hat Probleme mit Rücken und Hüfte. Marc Lalonde begleitet die Familie seit dem Vorfall in Clausnitz. Der Kanadier lebt seit mehr als 20 Jahren in Sachsen, engagierte sich lange im Dresdner Ausländerbeirat und besucht die Familie immer wieder. Heute will er Luais Schulzeug sehen. Der Vater habe Lalonde davon berichtet. "Ich sagte - naja, ich weiß nicht ob Luai alles zeigt oder nur die guten Noten und die schlechten nicht. Aber hier ist alles da - und fast alles ist sehr gut. Gratuliere!"

Luai steht vor dem Schulabschluss

Luai, der Junge, der vor drei Jahren von einem Polizisten aus dem Bus gezerrt wurde, ist inzwischen 17. Er spielt beim FSV Motor Brand-Erbisdorf, dem Fußballverein des Ortes, besucht ein Berufsschulvorbereitungsjahr. Luai hofft, dass er einen guten Hauptschulabschluss schafft. Wenn er das erreiche, wolle er auf einen Realschulabschluss hinarbeiten, erzählt er.

Beschmiertes Ortsschild von Clausnitz
Wochenlang war Clausnitz wegen der Vorfälle um das Flüchtlingsheim in den Schlagzeilen - und im Fokus der politischen Auseinandersetzung. Bildrechte: dpa

Marc Lalonde - der als Zugereister viel Verständnis für Flüchtlinge mitbringt - ist mit Luais Noten heute richtig zufrieden. Sie könnten für die Familie wichtig werden. Denn aktuell werden der Vater und seine Söhne nur geduldet, haben kein Asyl erhalten.

Lalonde sagt, Luai scheine verstanden zu haben, dass die Schule der Schlüssel zu Integration und zu einem weiteren Leben in Deutschland sei. Die Familie ist aus dem Libanon. Der Kanadier erläutert, dass eine Härtefallkommission über den Aufenthalt entscheiden würde. "Aber mit einem guten Schulabschluss, im nächsten Jahr wahrscheinlich mit Ausbildungsplatz, dann steigen die Chancen."

Ein ehemaliger Deutschlehrer als "Opa"

Um Luais jüngeren Bruder Ramsi kümmert sich Joachim Wiedeburg. Ramsi nennt ihn Opa. Der ehemalige Deutschlehrer wohnt nur wenige hundert Meter von der libanesischen Familie entfernt. Als die Familie nach Brand-Erbisdorf zog, wollte er etwas tun, damit die Kinder auf den richtigen Weg kommen, sagt der 81-Jährige.

Er besucht die Familie, lädt die Brüder zu sich ein, erklärt ihnen, wie man in Deutschland zurechtkommt, begleitet sie zum Arzt, hilft Ramsi bei der Suche nach einem Schülerpraktikum. Er habe festgestellt, dass die Kinder Vertrauen zu ihm gefasst hätten. Sie würden seine Hilfe benötigen. Das habe er gerade bei Ramsi festgestellt. Seit der 81-Jährige ihn unterstützt, gehe der Junge wesentlich häufiger in die Schule. Das sei ein großer Fortschritt.

Joachim Wiedeburg habe nur eine kleine Rente, doch er helfe, wo es geht. Um Geld zu sparen, heizt er in seiner kleinen Wohnung nur das Wohnzimmer. Geld, das er wenn nötig den Jungs gibt.

Für mich ist das völlig egal, woher ein Mensch kommt, wenn er sich mir oder anderen Menschen gegenüber vernünftig verhält.

Joachim Wiedeburg Hilft Flüchtlingskindern

Auch wenn es manchmal sehr stressig sei, weil seine Kraft nicht mehr reiche, sagt Wiedeburg: "Aber ich merke, dass ich irgendwie was Gutes tue". Auch wenn seine aktive Zeit als Lehrer lange vorbei sei - Kinder wie Ramsi und Luai Kathun auf ihrem Weg zu unterstützen, bleibe ihm ein großes Anliegen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Fernsehen | 17. Februar 2019 | 10:55 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2019, 05:00 Uhr

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120 Kommentare

19.02.2019 22:30 Fakt 120

>>Frank L., #111:
"Da wird berichtet von einem ehemaliger Kanadier vom Flüchtlingsrat, einem alten Lehrer welcher offensichtlich zu viel Zeit und Geld hat, ansonsten nichts was irgendwie von Interesse wäre."<<
Vielleicht zeigt der ehemalige Lehrer neben anderen Interessen auch einfach Empathie und ehrenamtliches Engagement? Aber das kann man natürlich nicht von jedem erwarten, insbesondere nicht von Leuten, die sich vermutlich einen gehörigen Rechtsruck herbeisehnen.

19.02.2019 22:15 Urlauber 119

@Maria A. wie recht Sie damit haben. Egal, freuen wir uns daher über die heute veröffentlichten Touristenzahlen in Sachsen im Jahre 2018.
Et hoc est verum! :-)

19.02.2019 21:48 Udo K 118

@ Maria A. 116
Zustimmung meinerseits.
Die von Ihnen Genannten scheinen tatsächlich gern veröffentlicht zu werden, aber auch ich kann meine letzte Antwort auf Peter 112 nicht entdecken, habe mich vielleicht zu deutlich ausgedrückt....Netiquette ist eben auch Auslegungssache, der eine darf, der andere nicht .....

[Hallo Udo K,
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19.02.2019 21:43 Petra Stein 117

@Peter, 112 Auch Ihnen vielen Dank für den Hinweis auf eine weitere Quelle (Artikel vom 19.9. in der FP). Das ist in der Tat ein spannendes Beispiel dafür, wie unterschiedlich Berichterstattung sein kann.

Interessant wäre gewesen, wie die neue Anzeige der neuen Schule von Ranzi ausgegangen ist. Der Vater will zurück in den Libanon, sobald der Jüngere 18 Jahre alt ist. In der Tat hat sich die Situation dort verbessert und wir tun vielleicht etwas Gutes, wenn wir zumindest dem Älteren eine technische Ausbildung ermöglichen, bevor auch er wieder zurückgeht. Vielleicht auch Methoden im Streitschlichten (wie entstehen Konflikte, wie entschärft man sie).

Sollte der jüngere Bruder straffällig werden - zwischen Schulabsentismus und Delinquenz besteht eine Korrelation - möchte ich nicht in der Haut derjenigen stecken, die die Abschiebung aussetzten.

Ich selbst helfe Geflüchteten, aber ich denke nicht schwarz-weiß. Hier läuten meine Alarmglocken!

19.02.2019 21:19 Maria A. 116

Andrea, ist Ihr Kommentar Satire?
Falls nicht, sind Sie ja totale Optimistin. Wunderbar, wer mit so einem Gemüt gesegnet ist.
Ansonsten, wie üblich. Mare nostrum,
Janes, Mediator und Peter erklären lang und breit ihre Weltensicht. Für sie als Befürworter des Bunten gilt eigentlich nur Schwarz oder Weiß, alle Zwischentöne fehlen...Vielleicht zähle ich mal, wenn ich mal wieder nicht schlafen kann, wie viele Kommentare von diesen Eifrigen vorhanden sind. Tja, wie soll man da dagegen ankommen, werte Redaktion? Eigentlich nie, da man ja etliche eigene Beiträge nicht findet und das wohl auch anderen Usern so ergeht, wenn die eine andere Meinung dazu haben.

19.02.2019 20:53 Janes 115

@Wie bestellt -so geliefert 105: Tatsächlich habe ich ein Onlinemedium gefunden, wo so ein (!) Fall beschrieben wird. Allerdings betrachte ich sowas mit großer Vorsicht, da nur ein Gericht eine Strafe feststellen kann. Der Artikel zitiert aber nur einen Landrat, falls die Geschichte überhaupt stimmt. Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass man immer irgend einen Punkt findet, um seine Meinung zu untermauern. Niemand hat gesagt, dass wir uns alles gefallen lassen müssen! Aber die Leute in dem oben genannten Artikel empfinde ich nicht als Staatsfeinde! Und das die etwas getan hätten, was deren sofortige Abschiebung rechtfertigen würde auch nicht. Also-wozu der Vergleich? Jeder Mensch hat eine bernünftige Behandlung verdient. Oder gibt es welche, die weniger Wert sind?

@SZ Rentner 110: Mehrwertsteuer: 19%! Und es sind auch meine "Gäste" (oder Geflüchtete oder Migranten), da ich Deutscher Staatsbürger bin.

19.02.2019 20:37 Meister Petz 114

@Peter - 112:
Sicher, der von mir erwähnte Artikel in der Freien Presse ist fast ein Jahr alt. Den Beitrag vom 19.09. kannte ich, trotz regelmäßigem Studiums der FP noch nicht, danke dafür (ehrlich). Aber auch hier wird der mangelhafte Schulbesuch der beiden Söhne erwähnt.
Verstehen Sie mich bitte nicht falsch, natürlich wäre es schön, wenn die Jungs ihre Zukunft meistern, aber der mdr-Artikel ist einfach tendenziös geschrieben. Natürlich hat ein (ehemaliges?) Mitglied des Ausländerbeirates eine andere Sichtweise auf die Lernerfolge und die Bildungswilligkeit als die unterrichtenden Lehrer. Gerade diese einseitige Darstellung stößt mir einfach auf. Die Probleme sind ehrlich zu benennen. Und vielleicht taugt die Geschichte des Jugendlichen und seiner Familie auch nur bedingt als positives Beispiel für die Medienöffentlichkeit. Umso verwerflicher ist es da, der Angelegenheit einen Spin in die "richtige Richtung" mitzugeben, oder?

19.02.2019 20:34 Peter 113

@111 Frank L.: Sie mögen es Gefühlsduselei nennen, andere nennen es Menschlichkeit und Humanität getreu der Traditionen des Christlichen Abendlandes.
Gut, dass es so etwas noch gibt.

19.02.2019 19:46 Peter 112

@109 Udo K: Ist es nicht so, dass auch Sie nur das mitteilen, was Ihnen in den Kram passt.
Sie nehmen auf einen Artikel Bezug, der fast ein Jahr alt ist. Die Frage stellt sich natürlich: Ist die Mitteilung noch aktuell oder hat Luai eine Entwicklung durchgemacht.
Ich zitiere dazu aus der Neuen Presse vom 19.09.2018: "Luai absolviert ein berufsvorbereitendes Jahr an einer Berufsschule in Freiberg. Die Brander Oberschule hat er - wegen schlechter Noten - ohne Abschluss nach Klasse 9 verlassen. Er könne nach dem Jahr den Hauptschulabschluss nachholen. In der Berufsschule fehlte Luai laut Schulleiter Bernd Schab bislang nicht."
Das, was der MDR hier im Artikel berichtet, ist Beleg dafür, dass die positive Entwicklung des Jungen anhält.
Meinen Sie nicht auch?

19.02.2019 19:29 Frank L. 111

Was will der Artikelschreiber mit diesem Machwerk erreichen? Ist er doch nicht mehr als die übliche Gefühlsdudelei , welche maximal noch bei unseren Gutmenschen funktioniert. Da wird berichtet von einem ehemaliger Kanadier vom Flüchtlingsrat, einem alten Lehrer welcher offensichtlich zu viel Zeit und Geld hat, ansonsten nichts was irgendwie von Interesse wäre. Dabei wäre schon interessant zu erfahren, warum es drei Jahre dauert bis über die Rückführung dieser Familie entschieden wird .