Faktencheck Gibt es zu wenig bezahlbaren Wohnraum in Leipzig?

Ine Dippmann, Landeskorrespondentin in Sachsen
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Nach den gewalttätigen Protesten in Leipzig wird in der Stadt zum einen über die Art der Demonstration diskutiert - zum anderen rückt die Frage, wie es um bezahlbaren Wohnraum in der Stadt steht, in den Mittelpunkt. Der Vorwurf, dass es zu wenig bezahlbaren Wohnraum in Leipzig gebe, steht im Raum. Ein Faktencheck.

Polizei sichert nach der Räumung eines besetzten Hauses den Einsatzort.
02.09.2020, Leipzig: Die Polizei sichert nach der Räumung eines besetzten Hauses den Einsatzort. Bildrechte: dpa

Die pauschale Aussage, es gebe zu wenig bezahlbaren Wohnraum in Leipzig, ist schwierig. Sie trifft unter anderem für die Innenstadt und die Gründerzeitviertel zu. Die sogenannten Angebotsmieten steigen dort seit Jahren. In den großen Wohngebieten wie Grünau und Paunsdorf sind die Angebotsmieten dagegen vergleichsweise stabil.

Nicht nur der Mietpreis zählt

Bei sieben Euro kalt pro Quadratmeter liegen die Mietpreise im Median im ersten Halbjahr dieses Jahres. Im Median heißt: Die eine Hälfte der Mieten liegt unter sieben Euro - die andere darüber. Zur Einordnung: Schwerin liegt auf demselben Niveau. Jena und Potsdam sind mit bis zu 10 Euro weit darüber.

Experten betrachten aber noch andere Faktoren, um einzuschätzen, wie gut eine Stadt mit bezahlbaren Wohnungen versorgt ist: die Mietbelastungsquote, die Wohnungsversorgungsquote, die Leerstandsquote und die Zahl der Sozialwohnungen.

Die Mietbelastungsquote

Die Zahl beschreibt, wie viel vom Haushaltseinkommen für die Warmmiete aufgewendet werden muss. Rund ein Drittel des Haushaltseinkommens für Miete auszugeben, gilt als Richtwert, der nicht überschritten werden sollte.

Und dort - bei 30 Prozent - liege Leipzig derzeit, sagt Dieter Rink, Professor für Stadtsoziologie am Umweltforschungszentrum Leipzig. "Zum Vergleich: München, die höchstpreisige Stadt in Deutschland, hat auch eine Mietbelastungsquote von 30 Prozent."

Dass beide Städte gleichauf sind, liegt daran, dass geringere Mieten in Leipzig auf niedrigere Einkommen treffen. Insgesamt sei die Mietbelastungsquote in Leipzig noch angemessen, meint Rink.

Die Wohnungsversorgungsquote

Sie sagt aus, wie viele Wohnungen es für die Bewohner einer Stadt gibt. Rund 606 000 Menschen wohnen derzeit in Leipzig. Laut dem statistischen Jahrbuch 2019 gibt es pro tausend Einwohner in Leipzig 577 Wohnungen. Das sei gar nicht so schlecht, sagt Rink. "Jedenfalls im Vergleich zu anderen Städten. Wir haben das mal für Haushalte im Jahr 2017 berechnet - ist also schon ein Weilchen her - da lag die bei 100,4 Prozent - da war eine Vollversorgung noch gegeben. Mittlerweile dürften wir ein bisschen niedriger liegen, weil seitdem viel Zuzug war, aber wenig neugebaut wurde."

Die Leerstandsquote

"Da sind wir relativ niedrig, bei unter zwei Prozent", sagt Stadtsoziologe Rink. Das Problem bei der Zahl: Sie bilde nur die angebotenen Wohnungen ab. Daneben gebe es Leerstand, der gar nicht am Markt sei: "Wie zum Beispiel im Leipziger Osten an der Eisenbahnstraße. Dort stehen komplette Häuser leer. Aber die müssten erst einmal komplett gemacht werden. Ich schätze, dass es in Leipzig insgesamt 300 bis 350 komplett leer stehende Häuser gibt, überwiegend Gründerzeitbauten, die erst noch saniert werden müssten."

Dass sie preiswert saniert und als Sozialwohnungen ausgewiesen werden, ist aber nicht zu erwarten. Im Gegenteil - sie sind oft Spekulationsobjekte. "Im unsanierten Bereich waren die Preise im Jahr 2014 bei 200 Euro pro Quadratmeter. Jetzt liegen wir inzwischen bei über 1000 Euro." Es ist das freie Spiel des Marktes, auf das die Stadt keinen Einfluss hat.

Zahl der Sozialwohnungen

Wie viele Sozialwohnungen es in der Stadt gibt, ist nach Aussage von Rink in Leipzig keine aussagekräftige Größe. Die Plattenbauten in Grünau und Paunsdorf aus den 70er- und 80er-Jahren etwa seien nie als Sozialwohnungen ausgewiesen worden - erfüllten aber praktisch deren Funktion. "Wir haben die LWB, die ungefähr einen Anteil von zehn Prozent am Wohnungsmarkt in Leipzig hält. Die Genossenschaften, die liegen ungefähr bei 15 Prozent. Also  insgesamt ein Viertel ist Bestand, der relativ preisgünstig ist." Dort gibt es auch jetzt bezahlbare und leerstehende Wohnungen, melden die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft, LWB, und die Genossenschaften. 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. September 2020 | 06:53 Uhr

110 Kommentare

wasserfall vor 7 Wochen

Sie beziehen sich nicht richtig auf das Thema, sondern versuchen abzulenken. Was Besitzer mit ihrem Wohnraum machen, dies ist immer noch dem Besitzer überlassen und nicht irgendwelchen Personen, welche denken, sie könnten sich dies jetzt einverleiben.

Eulenspiegel vor 7 Wochen

Hallo wasserfall
Und das alles ist nun die Begründung warum sie es für richtig finden das nutzbarer preiswerter Wohnraum im großen Stil über Jahrzehnte leerstehen zu lassen? Oder was?

wasserfall vor 7 Wochen

Ja, dann eben die Linken,- Grünen und SPD-Wähler.... Wofür die SPD mittlerweile steht, dies dürfte nach Beobachtung etlicher Demonstrationen oder einfach in ihrem Grundsatzpapier nachzulesen sein. Linke/Grüne/SPD in meinen Augen ein- und dasselbe... Schlimm genug, dass es so gekommen ist, weil dies deutet nur auf eines hin:

Die Mitte verdrängen bzw. so hinstellen, das dies was nicht links ist, rechts ist bzw. mit Reichsbürgern, Rechtsextremen usw. gleichgesetzt wird. Wie perfid ist das denn?

Die Mitte wählt nicht links, da hilft es auch nicht sie dadurch versuchen zu denunzieren usw. Fällt euch was auf?

Gegen ideologische Extremisten, für ein Leben im Konsens, wo alle Bürger des Staates oder der Welt friedlich miteinander leben können.

Fight for your Future!