Martin Dulig, Wirtschaftsminister Sachsen
Sachsens SPD-Chef Martin Dulig hat als Spitzenkandidat für die Landtagswahl bei MDR AKTUELL eine Stunde lang im Radio Stellung bezogen. Bildrechte: Jacob Müller

Interviewreihe zur Sachsenwahl SPD-Spitzenkandidat Martin Dulig im Faktencheck

Bei MDR AKTUELL beziehen die Spitzenkandidaten der Sachsenwahl Stellung. SPD-Kandidat Martin Dulig beklagte im Interview mit MDR AKTUELL die schlechte Tarifbindung in Sachsen, er sprach über Lohnunterschiede und über die Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt. Die Aussagen im Faktencheck.

Martin Dulig, Wirtschaftsminister Sachsen
Sachsens SPD-Chef Martin Dulig hat als Spitzenkandidat für die Landtagswahl bei MDR AKTUELL eine Stunde lang im Radio Stellung bezogen. Bildrechte: Jacob Müller

Sachsens SPD-Chef Martin Dulig war der vierte Spitzenkandidat in unserer Interview-Reihe für die Wahl des sächsischen Landtags. Er äußerte sich im Radio-Interview und online im Chat unter anderem zu den Themen Lohnniveau, Rente und Integration. Seine Aussagen überprüfen wir in einem Faktencheck.

Arbeiten die Sachsen mehr für weniger Geld?

Im Radiointerview vergleicht Martin Dulig die Arbeitsverhältnisse in Ost- und Westdeutschland. Er erklärt: "Nach wie vor arbeiten die Menschen in Sachsen 14 Tage länger und haben über 700 Euro weniger in der Tasche als ihre Kolleginnen und Kollegen im Westen." Das liege auch daran, dass Sachsen Schlusslicht in Sachen Tarifbindung sei. Im Chat ergänzt er, das durchschnittliche Bruttojahresgehalt eines Arbeitnehmers in Sachsen liege bei 38.400 Euro.  

Unterschiedliche Rechenmodelle

Tatsächlich ist das Arbeitsvolumen in Sachsen höher als in Westdeutschland, sagt Sanyel Arika - Referatsleiter im hessischen statistischen Landesamt und auch zuständig für die bundesweite Erwerbstätigenrechnung. 59 Arbeitsstunden würde jeder Sachse auf das Jahr gerechnet mehr arbeiten als Beschäftigte in den alten Bundesländern. Bei einem Arbeitstag von acht Stunden wären das 7,4 Tage und damit knapp die Hälfte dessen, was Dulig angibt. Die Differenz ergibt sich laut Sanyel Arikan beispielsweise durch den Anteil der Selbstständigen, der Teilzeitbeschäftigen oder der geringfügig Beschäftigten. Hinzu kämen banale Gründe wie etwa unterschiedliche Feiertage oder branchenabhängige Urlaubsregelungen.

Eine andere Rechnung macht Jürgen Heß vom Thüringer Landesamt für Statistik auf: Duligs Aussage stimme, wenn man von der effektiven Arbeitszeit ausgehe. Damit ist die geleistete Arbeitszeit pro Woche gemeint. Das hat den Vorteil, Unregelmäßigkeiten wie die Teilzeitquote, die Anzahl der Feiertage und ähnliches einzubeziehen. In Westdeutschland würden also die 1.352 Stunden bei 52 Wochen im Jahr eine 26 Stunden-Woche ergeben. Werden bei einer 27,1-Stunden-Woche in Sachsen die insgesamt 59 Stunden Mehrarbeit durch die durchschnittliche Wochenarbeitszeit geteilt, arbeiten die Sachsen tatsächlich zwei Wochen mehr.

Arbeitnehmer im Büro am Arbeitsplatz.
Im Jahr arbeiten die Sachsen bei einem Arbeitstag von acht Stunden 7,4 Tage länger als Beschäftigte in Westdeutschland. Ein Grund ist die Anzahl der Feiertage. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ähnlich vielfältig ist laut Arika die Datenlage zu Verdiensten und Einkommen. Dennoch stimmt keine der offiziellen Zahlen mit den Angaben von Dulig überein. So liegt der durchschnittliche Jahresverdienst in Sachsen laut sächsischem Landesamt bei 29.952 und damit nicht nur 15 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt von 35.229 Euro, sondern auch unter der Zahl Duligs. Unter die Statistik fallen Teilzeitbeschäftigte, Ein-Euro-Jobber und geringfügig Beschäftigte. Betrachtet man jedoch die Vollzeitbeschäftigten so steigt der Jahresbruttoverdienst auf 41.196 Euro. In diesem Fall wäre das Bruttojahresgehalt in Duligs Aussage zu niedrig. Seine Zahl stimmt auch dann nicht, wenn man nur das mittlere Jahreseinkommen – laut Bundesagentur für Arbeit bei 31.116 Euro -  in Betracht zieht.

Je nachdem wie eine Statistik zustande kommt, unterscheiden sich die Daten extrem. Entsprechend schwierig ist es, die Lohnunterschiede zwischen Ost- und West pauschal mit einer Zahl zu betiteln. Sicher ist, dass die Löhne in den ostdeutschen Bundesländern niedriger sind als in westdeutschen Bundesländern. "Das muss nicht daran liegen, dass irgendwer benachteiligt wird", sagt Susanne Eikemeier von der Bundesagentur für Arbeit. Es liege "vor allem daran, welche Branchen in der Region ansässig sind" und wie die Wirtschaft insgesamt aufgestellt sei.

In Ostdeutschland beispielsweise gibt es weniger Großbetriebe als in Westdeutschland. Das zeigt eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von 2017. Und diese seien dort auch noch "weniger produktiv". Eine mögliche Erklärung dafür liefert die Studie gleich mit: der geringe Anteil an Konzernzentralen und die geringe Verbreitung eigener Forschungs- und Entwicklungsabteilungen.

Hat sich Sachsen zu sehr als Billiglohnland verkauft?

Martin Dulig sieht die Ursache der Lohnunterschiede bei der schlechten Tarifbindung. Sachsen sei Schlusslicht. Besonders fatal sei die Vermarktung Sachsens als Billiglohnland gewesen. Angesprochen auf die Tarifunterschiede im öffentlich Dienst, antwortete er: "Der öffentliche Dienst hat bereits 100 Prozent Tarifangleichung an den Westen.“

Die Aussagen Duligs sind richtig. Einer aktuellen Studie der Hans-Böckler-Stiftung zufolge, sind in Sachsen nur etwa 39 Prozent aller Beschäftigten durch einen Tarifvertrag geschützt. Damit ist Sachsen laut Studie mit "erheblichem Abstand Schlusslicht in Deutschland". Die Forscher sehen das von der Landespolitik über Jahre propagierte Leitbild, Sachsen als "Billiglohnland" zu positionieren, als ausschlaggebend für diese Entwicklung. Die Landespolitik müsse nun gegensteuern.

Im öffentlichen Dienst haben die Behörden bereits reagiert. Die Tarife von Ost- und West wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge angeglichen. Unterschiede gäbe es aber dennoch bei der Wochenarbeitszeit und der Jahressonderzahlung.

Wie gut integriert Sachsen Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt?

Im Radiointerview erklärte Martin Dulig, 100.000 Flüchtlinge seien seit 2015 nach Sachsen gekommen und 23.000 geblieben. 6.000 davon wären am Arbeitsmarkt gut integriert.

Daten der sächsischen Staatskanzlei zufolge sind Duligs Aussagen richtig. Demnach kamen 105.102 Flüchtlinge seit 2015 nach Sachsen, 23.125 leben auch weiterhin im Freistaat. Im Mai des letzten Jahres hatten laut Arbeitsagentur 5.911 von ihnen eine Arbeit. Rund die Hälfte übt demnach Hilfstätigkeiten aus, knapp ein Drittel arbeitet als Fachkraft. Sie seien überwiegend in den Branchen Gastronomie, Handel und Industrie beschäftigt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. August 2019 | 09:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 29. August 2019, 21:26 Uhr

3 Kommentare

Mediator vor 3 Wochen

Was ist den am Begriff "sehr viele" in Verbindung mit der im Artikel genannten Zahl der in Sachsen arbeitenden Flüchtlinge so klärungsbedürftig. Jeder der arbeitet ist doch ein positiver Fall, denn er kommt damit [in Teilen] selbst für seinen Lebensunterhalt auf und füllt eine Lücke auf dem Arbeitsmarkt, die anscheinend nicht anders zu füllen war.

ich schreibe "sehr viele", weil es für Flüchtlinge ungemein schwieriger ist eine Arbeit zu finden und in ihr bestehen zu können als für einen Deutschen. Zunächst muss man arbeiten DÜRFEN und dann muss man erst einmal die Sprache rudimentär erlernen, ohne die es niergendwo im Job funktioniert. Anschließend gilt es evtl. noch einen Kampf mit den Behörden zu überstehen, bis man alle Papiere beieinader hat um angestellt werden zu können.

Wenn ich gemein wäre, dann würde ich die Frage stellen, woran es bei vielen Menschen in unserem Land mit der Arbeit scheitert, die weit bessere Ausgangschancen als diese Fremden haben.

Auf der Sonnenseite des Lebens vor 3 Wochen

"Auf 200 Sachsen kommt ein Flüchtling und von denen arbeiten dann auch noch sehr viele"

"viele" ist schon nicht definiert und
"sehr viele" ist doppelt nicht definiert und wird durch das verdoppeln nicht definiert!

da muss man sich doch nur mal überlegen, wer von den Schutzsuchenden überhaupt arbeiten darf in Deutschland und wem es die Gesetze verbieten!

Ich möchte sie bitten ihren Beitrag noch einmal zu überarbeiten.

Mediator vor 3 Wochen

Wie man so sieht ist es gar nicht so einfach objktive zu belegen, dass die Sachsen im Vergleich zu Westdeutschen systematisch beim Lohn benachteiligt werden. Die Politik hat wohl wenig Einfluss darauf, ob Sachsen in eine Gewerkschaft gehen und diese deshalb in der Lage sind Tarifabschlüsse besser durchzusetzen, oder dass im Westen historisch gesehen sich eine andere Wirtschaftsstruktur wie im Osten entwickelt hat. Veränderungen dauern hier viele Jahrzehnte. Während im Ruhegebiet alles boomte war Bayern lange nur Agrarstaat. Auch das hat sich nur langsam verschoben.

Zu den Flüchtlingen: Auf 200 Sachsen kommt ein Flüchtling und von denen arbeiten dann auch noch sehr viele statt die Klischees zu erfüllen, die ihnen einige gerne nachsagen. Ist das wirklich so ein Problem für ein Land mit 4 Mio Einwohnern? Ich denke nein und es ist sicher auch nicht das dringenste Zukunftsproblem.

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