Öffentlicher Dienst Fehlende Erzieher: Fast sechs statt drei Kleinkinder pro Fachkraft

Auch Eltern in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen müssen sich auf Warnstreiks einstellen und gegebenenfalls Alternativen zur Betreuung ihrer Kinder suchen. Nach den coronabedingten Schließungen könnten viele Einrichtungen erneut dicht machen.

Kinder machen Lernspiele mit der Erzieherin.
In Mitteldeutschland wird der empfohlene Betreuungsschlüssel weit verfehlt – das Problem könnte sich noch verschäfen, fürchtet die GEW. Bildrechte: Colourbox.de

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) geht davon aus, dass künftig noch mehr Erzieherinnen und Erzieher in Kitas und Horten fehlen werden. Gründe dafür liegen zum einen in den schlechten Arbeitsbedingungen in Ostdeutschland und zum anderen in der daraus resultierenden Abwanderung.

GEW Thüringen fürchtet Abwanderung in den Westen

Die Nachfrage nach Erzieherinnen und Erzieher steigt im Westen aktuell schneller als im Osten. Aus Sicht von Michael Kummer, Sprecher der GEW Thüringen, hängt das damit zusammen, dass auch in den alten Bundesländern immer mehr Eltern ihre Kinder in Kitas und Horten betreuen lassen.

Eine bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen lockten bislang Fachkräfte von Ost nach West. "Aufgrund der höheren Löhne und der besseren Personalschlüssel ist davon auszugehen, dass sich dieser Nachholbedarf negativ auf Thüringen auswirkt", sagt Michael Kummer. Sprich: mehr Abwanderer, mehr Pendler. 

Kummer geht davon aus, dass sich das Problem noch weiter verschärft, wenn es ab 2025 bundesweit einen Rechtsanspruch für die Ganztagsbetreuung von Grundschulkindern gibt. In Mitteldeutschland können sich die Eltern schon jetzt auf die Nachmittagsbetreuung verlassen. Wenn die anderen Bundesländer nachziehen, dürfte die Nachfrage nach Fachkräften insgesamt weiter sprunghaft ansteigen und den Druck auf die neuen Bundesländer erhöhen.

Aktuell fordern auch deshalb die Gewerkschaften eine Erhöhung der Tarife für Angestellte im öffentlichen Dienst um 4,8 Prozent. Zu ihnen gehören auch die Mitarbeiter in Kitas und Horteinrichtungen.

"20 bis 30 Prozent arbeiten in Teilzeit"

Allerdings: Laut Tarifvertrag ist es noch immer so, dass Erzieherinnen und Erzieher in Ostdeutschland für den gleichen Tariflohn eine Stunde länger arbeiten müssen. Für 40 Stunden Arbeit erhalten ausgebildete Berufseinsteiger in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen 2.829,77 Euro brutto (siehe "Tarifvertrag"; Stufe 8a) – vorausgesetzt sie arbeiten in einer kommunalen Kita. Freie Träger orientieren sich in der Regel am Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst.

"Dazu muss man sagen, dass 20 bis 30 Prozent der Beschäftigten in Sachsen in Teilzeit arbeitet, also weniger als die rund 2.800 Euro Bruttolohn bekommt. Zum Teil werden auch nur Teilzeitstellen ausgeschrieben", sagt Andreas Giersch von der GEW Sachsen. Er ist der Meinung, dass Erzieherinnen und Erzieher besser bezahlt werden müssten. "Im elementar-pädagogischen Bereich wird schließlich der Grundstein für die Bildung gelegt."*

Mindestens genauso ärgert sich der Gewerkschaftssekretär über die Bedingungen in der Ausbildung: "Die Kolleginnen und Kollegen lernen bis zu fünf Jahre unbezahlt. Es sei denn, sie machen die Ausbildung berufsbegleitend." Wie vielerorts im Ausland, gehört die Ausbildung aus seiner Sicht an die Hochschulen, statt an eine Fachschule: "Immerhin wurde das Schulgeld inzwischen abgeschafft."

Mehr als 10.000 fehlende Erzieher allein in  Thüringen

Unterstützt werden die Forderungen der GEW durch den aktuellen Ländermonitor der Bertelsmann-Stiftung. Ende August veröffentlichte die Stiftung ihren Jahresbericht zur frühkindlichen Erziehung in Deutschland, den "Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme". Die Studie kommt zu dem Schluss, dass zu viele Kinder von zu wenigen Fachkräften betreut werden. Die Betreuungsschlüssel und die Gruppengrößen in vielen Kitas seien nicht kindgerecht.  

Der Studie zufolge kamen zum Erhebungsstichtag im März 2019 auf eine vollzeitbeschäftigte Fachkraft in Mitteldeutschland rechnerisch 5,4 bis 5,8 ganztags betreute Krippenkinder unter drei Jahren und 11 bis 12,6 ältere Kindergartenkinder. Am schlechtesten ist das Verhältnis danach in Sachsen.

Der Bundesdurchschnitt liegt bei 4,2 Krippenkindern beziehungsweise 8,8 Kindergartenkindern (siehe Tabelle). Die Studienautoren empfehlen maximal drei Krippenkinder, beziehungsweise 7,5 Kindergartenkinder pro Fachkraft. Würde die Fachkraft-Kind Relation auf das von Bertelsmann geforderte Niveau steigen, gäbe es nach Berechnungen der GEW Thüringen im Freistaat 2030 gut 10.450 Erzieherinnen und Erzieher zu wenig. 

Personalschlüssel in Mitteldeutschland
  Krippengruppe 2019/2013 Kindergartengruppe 2019/2013 Qualifikation
Sachsen 1 zu 5,8 / 1 zu 6,6 1 zu 12,1 / 1 zu 13,5 82,0 %
Thüringen 1 zu 5,4 / 1 zu 5,4 1 zu 11,6 / 1 zu 11,2 87,4 %
Sachsen-Anhalt 1 zu 5,7 / 1 zu 6,7 1 zu 11,0 / 1 zu 12,6 85,7 %
Bundeschnitt (2019) 1 zu 4,2 1 zu 8,8 69,1 %
Empfehlung 1 zu 3 1 zu 7,5  

Die Qualifikation der Erzieherinnen und Erzieher ist dagegen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen höher. Die Bertelsmann-Stiftung fordert ein Bündnis gegen den Personalmangel aus Bund, Ländern, Kommunen, Trägern und Gewerkschaften, das sich um eine gute Ausbildung, um attraktive Arbeitsbedingungen und eine angemessene Bezahlung bemühen soll.

*Anmerkung der Redaktion: Die erste Textversion enthielt eine aus Sicht von Andreas Giersch (GEW Sachsen) übertriebene Zuspitzung in Bezug auf die Bezahlung von Lehrpersonal an Gymnasien von der er im Nachhinein Abstand genommen hat. 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. September 2020 | 06:09 Uhr

7 Kommentare

Sachsin vor 5 Wochen

"Es geht eher darum, Familien mit Kindern zu schikanieren. Kinder sind nur ein Störfaktor im Weltbild der Frauenemanzipation."

das ist doch völliger Quatsch - liest sich wie Diskrimisierung + Diffamierung

Kiel_oben vor 5 Wochen

@ElBuffo was schlimmen genommen?
zitiere:
"Was verdienen denn die Gymnasiallehrer in Sachsen, wenn die unter den beschriebenen miserablen Saatbedingungen so gute Ernten einfahren können?"

Thema ist: fehlende-erzieher-mitteldeutschland
- weder das Gehalt vom Gymnasiallehrer,
- miserablen Saatbedingungen, Glyphosaat soll es auf Polenmärkten geben
- gute Ernten einfahren worüber sich Landwirte freuen
haben was mit Kindergrippen und Kindergartenplätzen zu tun.

Christoph_Strebel vor 5 Wochen

Es geht eher darum, Familien mit Kindern zu schikanieren. Kinder sind nur ein Störfaktor im Weltbild der Frauenemanzipation. Einerseits wird Arbeitgebern, Behörden und der Sozialfürsorge gegenüber behauptet, dass Kitas mit Rechtsanspruch da sind, andererseits werden Eltern mit einem schlecht funktionierenden System abgespeist. Die Mängel waren seit langem bekannt, aber es wurde wenig zur Abhilfe getan. Weil es Geld kostet, das die Kinder der Politik nicht wert sind. Denn die dürfen noch nicht wählen.
Angepriesen werden großartige Erziehung und Vorschule, geliefert wird Aufbewahrung am Rande der Kindeswohlgefährdung. Natürlich wäre es billiger und für viele schöner, den Eltern das Geld direkt zu geben. Aber das verstößt gegen die Ideologie, dass Frauen nur Ehre in der Produktion bekommen dürfen, aber nicht bei der Erziehung der eigenen Kinder.