Eine Muttersau liegt neben wenige Tage alten Ferkeln in einem der Ställe einer Schweinezuchtanlage in Mecklenburg-Vorpommern.
Zur Kastration ohne Betäubung gibt verschiedene Alternativen. Sie haben aber nach Angaben der Tierhalter Nachteile. Bildrechte: dpa

Absage an Bayern und Niedersachsen Thüringen will Frist für Ferkel-Kastration nicht aufschieben

Dem Thüringer ist seine Rostbratwurst heilig. Am besten ist natürlich, wenn sie aus glücklichen Schweinen gemacht wird. Um das zu gewährleisten, wurde das Tierschutzgesetz geändert. Ab dem 1.1.2019 dürfen Ferkel nicht mehr ohne Betäubung kastriert werden. Aus Niedersachsen und Bayern kommt nun der Vorschlag, diese Frist zu verschieben. Wie steht man in Thüringen dazu?

von Lily Meyer, MDR-AKTUELL-Landeskorrespondentin für Thüringen

Eine Muttersau liegt neben wenige Tage alten Ferkeln in einem der Ställe einer Schweinezuchtanlage in Mecklenburg-Vorpommern.
Zur Kastration ohne Betäubung gibt verschiedene Alternativen. Sie haben aber nach Angaben der Tierhalter Nachteile. Bildrechte: dpa

Männliche Ferkel werden kastriert, weil das Fleisch von Ebern einen unangenehmen Geruch entwickeln kann, wenn es erhitzt wird. Aus der Pfanne kann einem dann ein regelrechter Gestank entgegen steigen, der an eine Mischung aus altem Schweiß und Urin erinnert.

Änderungen im Tierschutz schon seit 2013 bekannt

Ferkel sollen ab dem 1. Januar zwar weiter kastriert werden können, aber nicht ohne Betäubung. Das Thüringer Sozialministerium möchte diese Frist ganz klar beibehalten, sagt Pressesprecher Stefan Wogawa: "Diese Änderungen im Tierschutzrecht sind schon seit 2013 bekannt. Das ist eine wirklich lange Zeit. Außerdem liegen drei Alternativen vor, die praxiserprobt sind und angewandt werden können. Deshalb unterstützen wir diese Forderung nach einer Verschiebung nicht."

Raffael Wesoly ist Leiter der Besamungsunion Schwein in Ostdeutschland und selbst Schweinehalter in Thüringen. Er verteidigt seinen Berufsstand: "Es ist nicht so, dass wir uns einfach zurückgelehnt haben und gewartet haben. Aber es ist einfach so, dass in der gesamten Kette, die Wege nicht uneingeschränkt gehbar sind. Somit stehen wir als Ferkelerzeuger schon als die Gelackmeierten da und wissen nicht, wie es weitergeht."

Nachteile beim Impfen der Eber

Es gibt drei Varianten, die das Thüringer Sozialministerium gutheißt. Bei der Immunokastration bekommt der Eber eine Impfung gegen ein körpereigenes Hormon, erklärt Wesoly: "Damit wird die ganze Hodenbildung-Kaskade gestoppt. Das heißt, die Hormonkette wird gestoppt, dass das Tier gar nicht in die Pubertät kommt." Der unangenehme Geruch beim Erhitzen des Fleisches bleibt aus.

Das Sozialministerium weist darauf hin, dass die Immunokastration in Belgien bereits erfolgreich angewendet wird. Dort sei sie aber wieder rückläufig, sagt Wesoly. Diese Tiere ließen sich vermutlich schlechter vermarkten. Ein Grund: Das Fett dieser Tiere ist sehr weich. Regionale Produkte, wie die Thüringer Rostbratwurst oder das Eichsfelder Mett, lassen sich daraus nicht herstellen.

Mangel an Tierärzten absehbar

Das gleiche gilt für die Ebermast. Dabei werden die Ferkel gar nicht kastriert. Dass auch diese Variante möglich ist, beweist André Telle. Der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Schwein in Thüringen kastriert keines seiner Schweine. Der Markt für Eber sei allerdings begrenzt, gibt Telle zu bedenken und der Ausschuss durch die mögliche Geruchsbildung relativ hoch.

Auch die dritte Variante, die Kastration unter Vollnarkose, hat für Telle mehrere Nachteile: "Sie ist nur anwendbar mit Hilfe eines Tierarztes. So viele Tierätzte haben wir gar nicht, die ständig dabei sein können, um diese Vollnarkose zu verabreichen. Das ist Punkt eins. Aber der noch schwerwiegendere Punkt ist, dass die Tiere im Prinzip für vier fünf Stunden ausgeschaltet werden. Das heißt für diese Eber, eine Benachteiligung an ihrer Mutter." Die guten Plätze an der Zitze der Mutter sichern sich in der Zeit die anderen Ferkel.

Regelungen in anderen Ländern großzügiger

Es gibt noch eine vierte Möglichkeit, die die Schweinehalter am liebsten anwenden würden: Die Lokalanästhesie. Für das Sozialministerium kommt diese Variante nicht in Frage. Zum einen, weil der Schmerz nicht ausgeschaltet, sondern nur vermindert werde. Zum anderen gebe es kein in Deutschland zugelassenes Arzneimittel.

Die Krux an der Sache ist, dass diese Variante in anderen europäischen Ländern zugelassen ist. Das Fleisch ist auf dem deutschen Markt erhältlich. Schweinehalter, wie Wesoly und Telle befürchten angesichts dessen eine Benachteiligung ihrer Branche in Deutschland. Sie sind dafür, das Verbot der betäubungslosen Ferkelkastration aufzuschieben

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. August 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2018, 05:00 Uhr

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5 Kommentare

28.08.2018 15:13 Fragender Rentner 5

Das was die an Fleisch und Wurst alles anbieten , dass kann man auf keinen Fall alles in Deutschland verzehren, wieviel wird noch exportiert?

Meine es muß mindestens 30% weniger in den Läden sein, da würde immer noch genug zum Essen dasein.

Schiebt nicht alles auf die Verzehrer !!! :-(((

28.08.2018 13:47 maximilian 4

Hallo Markus,
Wirbeltiere, auch Fische dürfen nur geschlachtet werden, wenn sie sich in einem empfindungs-und wahrnemunglosen Zustand befinden. Das wird durch verschiedene Betäubungsmethoden vor der Schlachtung erreicht.

27.08.2018 13:03 Basil Disco 3

Der deutsche Markt für Schweinefleisch ist randvoll wie ja auch die Preise es vermuten lassen: 200g Mortadella für 0,89 €. Über 2,4 Millionen Tonnen Schweinefleisch wurden 2017 aus Deutschland exportiert. Nur dadurch lohnt sich diese wahnwitzige Überproduktion überhaupt noch. Nebenbei machen die Exporte auch noch die Landwirtschaft der Importländer kaputt. Dafür wollen also die Schweinezüchter weiterhin ihre Tiere quälen. Wie moralisch verkommen muss man dafür sein?

27.08.2018 13:00 Rumsdibums 2

Ich möchte das Produzieren und Senden von Reportagen aus Ställen und Schlachthöfen anregen. Ohne das dabei etwas beschönigt oder weggelassen wird. Einfach nur die Abläufe aufzeigen.
Darf der öffentlich rechtliche Rundfunk so etwas?

27.08.2018 11:31 Markus 1

Wenn man nun mit Betäubung kastrieren soll, dann wäre es logisch, auch bei der Tötung zu betäuben, nicht war? Und warum nur Ferkel? Das sollte überhaupt alle Tierarten treffen, auch Fisch. Sonst ungleiche Behandlung. Will man Rechte von Tieren stärken, sollte man konsequenter sein... Was spricht dann gegen Teilnahme von Ferkel in Bundestag? Oder gibt es das schon, nur ich weiß davon noch nicht? Das könnte übrigens viele unsere komische Gesetze erklären...