Neue Schulform in Sachsen Gemeinschaftsschulen: Die Erfahrungen in Sachsen-Anhalt und Thüringen

In Sachsen soll die Gemeinschaftsschule eingeführt werden – so steht es im neuen Koalitionsvertrag. Die benachbarten mitteldeutschen Länder nutzen das Konzept schon seit einigen Jahren. Was kommt also auf Sachsen zu?

Schüler im Klassenraum.
An Gemeinschaftsschulen sollen Kinder länger gemeinsam lernen. Bildrechte: MDR/Vanessa Gattermann

In Sachsen sollen die Gemeinschaftsschulen kommen, so will es der Koalitionsvertrag und so wollten es viele Eltern. Das Konzept stößt im Freistaat aktuell noch auf Skepsis, vor allem bei Lehrern. Der sächsische Lehrerverband mahnt, Sachsen brauche Lehrer, keine Schulstrukturdebatte. Der Verband warnt vor "Schulstrukturexperimenten". Diese zusätzliche Schulart biete nichts, was eine Oberschule nicht leisten könne oder bereits leiste. Ist das wirklich so?

Gemeinschaftsschulen

Die Kenia-Koalition will die Einführung von Gemeinschaftsschulen für längeres gemeinsames Lernen von der 1. bis zur 12. Klasse ermöglichen. Die Regelung soll als Option ins Schulgesetz aufgenommen werden. Oberschulen im ländlichen Raum können zudem längeres gemeinsames Lernen von der 1. bis zur 10. Klasse ermöglichen und sich damit zur "Oberschule Plus" entwickeln. Ein Bündnis hatte mehr als 50.000 Unterschriften für die Gemeinschaftsschule gesammelt und damit die Bedingung für einen Volksantrag erfüllt. Dieser soll nun im parlamentarischen Verfahren beraten werden. (Quelle: dpa)

Gemeinschaftsschulen: besserer Ruf als Oberschulen

In Sachsen-Anhalt starteten die ersten Gemeinschaftsschulen im Jahr 2013 mit einer fünften Klasse. Matthias Rose, Vorsitzender des sachsen-anhaltischen Landeselternrats kann sofort etwas benennen, das die Gemeinschaftsschule einer Oberschule voraus hat: "Durch die Umwandlung in Gemeinschaftsschulen haben wir an diesen Schulen vielerorts eine deutlichere Durchmischung an Leistungsprofilen und sozialen Hintergründen erreicht."

Vor der Einführung sei es häufig so gewesen, dass Eltern im Umfeld einiger Sekundarschulen ihre Kinder lieber auf ein Gymnasium geschickt hätten als auf die dortige Sekundarschule, weil diese einen tendenziell schlechten Ruf gehabt habe – und das auch, wenn die Kinder nicht das Potenzial für das Gymnasium vorwiesen. "Durch die Gemeinschaftsschulen ist die Schwelle niedriger geworden, ein solches Kind dann eben nicht auf ein Gymnasium zu schicken oder es vom Gymnasium auf eine Gemeinschaftsschule wechseln zu lassen", erläutert Rose.

Frühe Bildungsempfehlungen werden selten revidiert

Alexander Pistorius, Sprecher der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Sachsen-Anhalt sagt zudem, eine Verbesserung sei, dass die relativ feste Entscheidung zur Schullaufbahn nicht bereits nach vier Schuljahren getroffen werden müsse. "Diese frühen Entscheidungen sind nur mit relativ viel Aufwand und Verlusten zu revidieren, da sich Schüler, Eltern und Lehrkräfte jeweils umorientieren müssen."

Mulitmedia: Mehr zu Gemeinschaftsschulen

Durch ein längeres gemeinsames Lernen könnten Lehrkräfte die Schülerinnen und Schüler in ihren Stärken und Schwächen besser in den Blick nehmen und entsprechend fördern. Denn an Gemeinschaftsschulen lernen alle Kinder bis zur achten Klasse gemeinsam, erst dann trennen sich die Zweige – je nachdem, welcher Abschluss angestrebt wird.

Alexander Pistorius rät den Sachsen, die neue Schulform mit ausreichend Zeit und Verlässlichkeit einzuführen. Bei Eltern und Schülern sollte das neue Modell offen und breit kommuniziert werden "und allgemein als Bereicherung verstanden werden".

Gemeinschaftsschulen: Schon jahrelange Erfahrung in Thüringen

Auch das Bildungsministerium in Thüringen sieht die Gemeinschaftsschule als "Erfolgsgeschichte". Die Schulform gibt es dort bereits seit 2011. Laut Frank Schenker, Sprecher des Bildungsministeriums, existieren derzeit 69 Gemeinschaftsschulen - 51 in staatlicher und 18 in freier Trägerschaft.

Schenker lobt die "individuelle Förderung". Schüler seien in den verschiedenen Fächern unterschiedlich leistungsstark. "An der Gemeinschaftsschule haben sie die Möglichkeit, in drei Anspruchsebenen zu lernen und so gezielt ihre Stärken auszubilden", sagt er. Gemeinschaftschulen könnten auch als kleine Schulen bestehen und seien deshalb eine Alternative zur Erhaltung von Schulen im ländlichen Raum. Zudem stärke das längere gemeinsame Lernen in heterogenen Lerngruppen das Zugehörigkeitsgefühl.

Inzwischen haben erste Schüler an Gemeinschaftsschulen in Thüringen das Abitur gemacht. Auf die Leistung scheint das keine Auswirkungen gehabt zu haben: "Zwischen den Abiturergebnissen der Schüler an Gymnasien und an Gemeinschaftsschulen gibt es keine signifikanten Unterschiede", sagt Sprecher Schenker.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. Dezember 2019 | 14:48 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Dezember 2019, 05:00 Uhr

26 Kommentare

Bernd L. vor 5 Wochen

Sachsen lag bei allen Bildungsvergleichen mit an der Spitze. Ein Grund dafür ist, dass Sachsen bislang von rotgrünen Bildungsexperimenten verschont blieb. An einem derart erfolgreichen System würde ich nicht rütteln.

CrizzleMyNizzle vor 5 Wochen

Ach ist Ihnen die Werbung nicht arisch genug?
Ich verstehe die Einlassungen hier nicht, stört Sie der Schwarze? Weil er einer von 4 ist (25%)? Vielleicht liegt es auch nur daran dass er lernen will und sich nicht zu den "coolen" deutschen in die letzte Reihe gesetzt hat?

CrizzleMyNizzle vor 5 Wochen

@Frank:
1) Lustig, hat mein Vater damals auch mit mir gemacht - hat sogar funktioniert :)
2) was meinen Sie mit neutraler Ort?
3) da gebe ich Ihnen recht, auch mit einer Ausbildung kann man sehr gut verdienen, ggf. sogar genauso gut (sehe ich an mir selbst)
Allerdings liegt das Problem wohl weniger in der Politik, es sind eher die Eltern und die gesamte Gesellschaft. MMn hat da die Politik nur marginal einen Einfluss drauf. Die Gesellschaft, die Medien (gerade auch die neuen) zielen auf höher, schneller, weiter. "Studierste, biste was!"
Darum finden sich auch immer weniger Deutsche die "miese" Jobs machen wollen, da werden dann Rumänen etc. rangekarrt. Nicht mal Systemgastronomie (Mäcces und BK) will noch einer machen (was ich niemanden verübeln will)... die Ausländer richten es (und werden dann noch von den eckelhAFDen dumm gemacht)
4) einheitlich, inwiefern? Meinen Sie bundesweit?
5) ja das ist ganz schlimm, kann mMn die Politik aber nicht viel machen.
6) andere Gründe, siehe 5.