Pestizide Glyphosat im Vogelschutzgebiet

Es gibt immer weniger Fluginsekten, dadurch sterben auch viele Vögel. Pestizide bedrohen seltene Tierarten, wenn sie in der Landwirtschaft eingesetzt werden – und das ist sogar in Schutzgebieten erlaubt.

Bei Dresden formte die Eiszeit eine Landschaft, die Vögel lieben: Die Moritzburger Kleinkuppen. Es sind bewaldete Hügel in offener Grünfläche. Eigentlich ein idealer Ort zum Brüten. Eigentlich. Denn durch den Einsatz von Pestiziden wie Glyphosat sind dort – in einem europäischen Vogelschutzgebiet – Vögel verschwunden.   

Matthias Schrack kümmert sich seit seinem zwölften Lebensjahr um die Feldlerche und ihre Brut. Andere Vögel sind aus den Kleinkuppen inzwischen verschwunden. Das Rebhuhn ist seit 2008 weg. Die seltenen Küken hatten hier keine Chance mehr zum Überleben. "Ich bin enttäuscht über Behörden und Politiker in der EU, Deutschland und Sachsen", sagt der ehrenamtliche Vogelschützer. Denn diese stellten den Profit und nicht den Naturschutz in den Mittelpunkt.

Intensive Landwirtschaft mit Pestiziden verantwortlich?

Für die Profite der Agrarindustrie würden hier Naturschätze geopfert, wie der seltene Kiebitz. "Bis 1990 war dieser hübsche Vogel in großen Brutbeständen vorhanden", sagt Schrack. In diesem Jahr sei nur ein Brutplatz belegt gewesen und der ohne Erfolg. Schrack macht die intensive Landwirtschaft mit Pestiziden wie Glyphosat verantwortlich.

An dieser Stelle wächst Zuchtgras als Viehfutter – und das wird teilweise mit Glyphosat behandelt, sagt der zuständige Landwirt in Marsdorf. "Zur Stoppel-Behandlung wird Glyphosat angewandt. Eine Herbizidbehandlung müssen wir machen und dann im Frühjahr Fungizid und gegebenenfalls müssen wir dann einschreiten. Große Einschränkungen gibt es da nicht", erklärt Torsten Pschorn.

Bauern können zur Ertragssteigerung spritzen

Zwei Rebhühner auf einer Wiese.
Das Rebhuhn ist 2008 aus dem Gebiet verschwunden. Bildrechte: dpa

Der Rinderzüchter verweist auf die entsprechende Verordnung der Landesbehörde. Dort heißt es:  Weiter zulässig ist die "ordnungsgemäße landwirtschaftliche Nutzung." Doch das ist nicht genauer hinterlegt. "Das ist freie Deutung. Es hat auch keinerlei Einschränkung zur Folge", sagt der agrarpolitische Sprecher der Grünen im EU-Parlament, Martin Häusling. So könne ein Bauer spritzen, wenn er meint, den Ertrag seiner Flächen steigern zu müssen. "Das kann er frei machen", sagt der Bio-Landwirt.

Das hat Folgen: Im Auftrag der Sächsischen Grünen hat das Umweltinstitut Leipzig landesweit Gewässer auf zehn Pestizide untersucht. Mit dabei der Fluss Röder, der das Vogelschutzgebiet Kleinkuppenlandschaft durchschneidet. Mit erschreckendem Befund. "Hier waren die höchsten Messwerte", sagt Matthias Wolff, Chemiker am Umweltinstitut Leipzig. An den 15 Messorten in Sachsen seien an zwei Drittel Überschreitungen von Pestiziden gefunden worden – vor allem durch Glyphosat.

Ist das ein Rechtsbruch?

Dabei ist das Gebiet in der Kleinkuppenlandschaft Teil des EU-Programms "Natura 2000", in dem eine Lebensraum-Verschlechterung für die geschützten Arten verboten ist. Doch was hier geschieht, hat offenbar Methode. Nach "exakt"-Recherchen gab der Freistaat Sachsen alle seine 74 Vogelschutzgebiete für den Pestizideinsatz frei.

Diese Handhabung ist "ganz klar Europa-rechtswidrig", sagt der Umweltjurist am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, Stefan Möckel. "Bis jetzt gab es drei Verurteilungen Deutschlands wegen Nichtumsetzung der Europäischen Vogelschutz-Richtlinie. Das ist, würde ich sagen, politisches Versagen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 12. Juni 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2019, 05:00 Uhr