Europawahl Die Grünen im Osten – ein langer Weg

Bei der Europawahl haben die Grünen deutschlandweit über 20 Prozent der Stimmen holen können. In Mitteldeutschland haben die Bündnispolitiker im Schnitt acht Prozent erreicht - mit Ausnahme einiger großer Städte. Woran liegt das?

Grüne 8 min
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Im Osten hatten es die Grünen von Anfang an schwer. Im Wahlkampf 1990 bewegt die CDU die Massen und investiert dabei viel Geld, um für ihre Partei zu werben. Die Grünen gibt es damals im Osten noch gar nicht, sondern Bürgerrechts- und Umweltgruppen vereint im Bündnis 90.

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Kurz nach der Wende waren für die viele Menschen die Themen der Grünen eher eine zusätzliche Belastung, sagt Gisela Kallenbach von den Grünen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es war eine Zeit des großen Umbruchs, "viele mussten ihr Leben radikal ändern", sagt Gisela Kallenbach über die Zeit nach der Wende. Sie war in der DDR bei der kirchlichen Umweltbewegung aktiv und wirkte maßgeblich an der der friedlichen Revolution in Leipzig mit, später saß sie für die Grünen im Europaparlament. Damals "waren Themen, die wir setzen - nämlich an die Zukunft denken, an die Kinder und Enkel denken, an den Erhalt unserer Lebensgrundlagen denken - eher eine zusätzliche Belastung. Davon wollte man erstmal nichts wissen", sagt sie.

Im Osten am Rande der Bedeutungslosigkeit

Mitte der Neunziger Jahre vereinigen sich Bündnis 90 und die West-Grünen. Doch die neue Partei rangiert im Osten am Rande der Bedeutungslosigkeit. Tiefpunkt sind die Landtagswahlen 1998/99: da erreichen die Grünen in Sachsen-Anhalt 3,2 Prozent, in Sachsen nur 2,6 Prozent, in Thüringen gerade noch 1,9 Prozent. Es ist eine zweigeteilte Republik Grün: bei der Bundestagswahl 1998 kommen die Grünen auf 6,7 Prozent und in die rot-grüne Regierung. 

Zahlen, Wappen und Logo an Sonnenblumen
Der Tiefpunkt für die Grünen im Osten waren die Landtagswahlen 1998/99. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch die Zerreißprobe folgt. Joschka Fischer wird grüner Außenminister. Seine Fraktion stimmt 1998 der deutschen Beteiligung am NATO-Einsatz im Kosovo zu. Der erste deutsche Kampfeinsatz seit 1945 mit Zustimmung der Friedenspartei. Das gefällt der Basis und auch vielen Wählern gar nicht.

Wenig später gab es in Sachsen Kommunalwahlen. "Das führte natürlich dazu, dass wir massiv auch Mandate verloren haben - in allen Kommunalparlamenten", erinnert sich Grünen-Landtagsabgeordneter Volker Zschocke. Die Grünen standen plötzlich als "Kriegstreiber" da. "Das war für viele unserer Mitglieder auch eine schwere Zeit", sagt der Chemnitzer.

Die Grünen standen als Kriegstreiber da

Inzwischen ist das anders. Die Nachwuchsorganisation der Partei, die Grüne Jugend, sammelt kurz vor der Europawahl auf dem Chemnitzer Markt symbolisch Handabdrücke für Europa. Lange Zeit gab es in Chemnitz gar keine Grüne Jugend mehr: zu wenig Leute, zu wenig Interesse. Margarete Rödel und ihre Mitstreiter haben das geändert. Vor einem Jahr waren sie nur zu fünft, jetzt sind sie immerhin 15. "Ich glaube, bei den Menschen war nach der Bundestagswahl ganz stark dieses Gefühl: Hey, irgendwie ist die AfD extrem groß und gerade in Sachsen", sagt Margarete Rödel.

Es ist ein kleiner Aufschwung Grün zu spüren im Osten. Bei der Europawahl erreichten sie in Sachsen 10,3 Prozent, in Sachsen-Anhalt 9,2 und in Thüringen 5,2 Prozent. Doch die Hochburgen liegen nach wie vor im Westen. Politikwissenschaftler sehen die Grünen im Bund auf Erfolgskurs. Denn der Klimawandel treibt der Ökopartei Wähler zu - und die gibt sich handzahm.

Grüne müssten auch für Unpopuläres werben

"Wenn wir eine andere, nachhaltige Art zu leben und zu wirtschaften haben wollen, wird man ganz, ganz massive Eingriffe und Steuerungen in unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem vornehmen müssen", sagt Professor Thomas Kliche, Politikwissenschaftler und Psychologe an der der Hochschule Magdeburg/Stendal.

Das V-Wort, Verbote, wird vermieden. Das heißt, das Ganze ist auch ein bisschen auf Wohlfühl- und Weichspülpartei gemacht.

Professor Thomas Kliche Politikwissenschaftler und Psychologe an der der Hochschule Magdeburg/Stendal

Doch Grünen-Chef Robert Habeck weiß: sollten die Grünen in Regierungsverantwortung  kommen, müssen sie auch für Unpopuläres werben. Dafür könnten sie aus ihrer ostdeutschen Tradition lernen, meint er: Bündnisse schmieden, runde Tische bilden. "Jetzt, wo wir permanent gefragt werden: ‚Wollt ihr Volkspartei sein?‘, ist diese Bündnis90-Tradition die beste Antwort, die wir geben können. Nein, wollen wir nicht. Aber wir wollen Bündnis-Partei sein", so Habeck. Diese Erfahrung hätte Bundis90/Grüne gerade in der sächsischen Geschichte bereits gemacht.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | exakt | 05. Juni 2019 | 20:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Mai 2019, 12:30 Uhr

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66 Kommentare

30.05.2019 00:30 goffman 66

@ Werner 64: "Schon in den 80ern wurde von den Grünen ... prophezeit, dass es durch den sauren Regen im Jahr 2000 keine Wälder ... mehr hier gibt. Jetzt haben wir 40 Jahre später, und die Wälder ... stehen noch." Auch wenn Sie ein paar Sachen durcheinander werfen: Gut erkannt. Dank grüner Politik hat sich viel verbessert. Die Luft heute (in Deutschland) ist wesentlich sauberer als vor 40 Jahren.

Aber bitte, bleiben wir bei dem Kurs von CDU & AFD. Halten wir an Verbrennungsmotor, Kohle und Atomstrom fest. Warten wir, bis die Kosten trotz Subventionen unbezahlbar werden und die Alternativen im Ausland ihre Hersteller finden. Hoffen wir, das die heutige Jugend uns trotzdem noch die Rente finanziert, auch wenn wir ihre Welt zerstört haben und Fortschritt und Arbeitsplätze im Ausland liegen.

29.05.2019 22:40 Bronko 65

28.05.2019 21:49 Ulf 51

Mit der Tatsache, dass gegen den Borkenkäfer damals immer gesprüht wurde - haben die Aktivisten ja verboten. Und nun sind andere schuld, wenn Wälder nichts mehr wert sind!

29.05.2019 16:29 Werner 64

@DieExperten_warnen: Schon n den 80ern wurde von den Grünen und "Experten" prophezeit, dass es durch den sauren Regen im Jahr 2000 keine Wälder, und keinen Schnee mehr hier gibt. Jetzt haben wir 40 jahre später, und die Wälder, bis auf Sturmschäden, ausgesprochene Trockenheit in 2018 und Borkenkäfer, stehen noch. Aktuell haben wir den kältesten Mai seit 1987. Es ist wenig sinnvoll, deshalb von der nächsten Eiszeit zu sprechen- besser zu predigen, und vor Gefahren...Bedrohung zu warnen. Außer, man verdient direkt oder indirekt an Solar, Wind & Co., hat also eine für Menschen und Wirtschaft kosten- und steuerabgaben-intensive "Alternative" mit Lobbyisten-"Experten" in der Hinterhand. Faktenbasiert immer die Kirche im Dorf lassen. Für eine "Alternative" zu Glyphosat, Warnungen, Gefahren, oder Verbot, ist es von den Grünen ausgesprochen ruhig - fast totenstill - gibt nur Ärger und persönliches Ungemach - kein Geld.

29.05.2019 15:47 Fragender Rentner 63

So wie er auf dem Bild zu sehen ist, komme ich mir mir wie in der Kirche vor, da stand der Pfarrer/Pastor auch immer so da.

Er will wohl auch als Heilsbringer gelten?

29.05.2019 14:06 der grüne Punkt 62

21:58 Horst: "Bekanntlich sind die Grünen eine Partei der Besserverdienenden und Gebildeten (=Hochschulabschlüsse)."
Im Gegensatz zu den Parteimitgliedern C.Roth oder K. Göring-Eckardt....

29.05.2019 14:01 der grüne Punkt 61

@DieExperten_warnen: Selten so gelacht. "Das Zeitfenster gegen eine zu starke Erderwärmung haben wir NUR JETZT."
So wie beim Ozonloch "damals"? Die Zukunft unserer Nachfahren besteht außerdem nicht nur aus sogenannten Klimathemen!! Und gerade weil es um die Zukunft meiner Kinder und Enkel geht: KEINE GRÜNEN!!

29.05.2019 13:04 007 / DE ist kaputt! 60

Sehr interessant- ich hab mir die Qual angetan u den Grüninnen mal zugehört. Die machen unser Land vollends kaputt, deshalb dürfen die nie mit einem Kanzler die Macht übernehmen!!!

Es könnte aber durchaus passieren. Derzeit ist keine Regierung eines Lagers machbar u das wollen die Grüninnen schamlos ausnutzen. Oder Union u FDP besinnen sich, werden endlich demokratisch wie es der Wähler will, u geben einer GroKo mit der AfD eine Chance. BT- Wahlen werden schneller als gedacht kommen. Wenn dann Sozis u Linke zulegen rückt das Gespenst in greifbare Nähe. Dann könnten Grüne mit SPD u Linken als Juniorpartner den Kanzler stellen. Ein Horror Szenario. Die Grüninnen wollen nämlich nach der nächsten BT-Wahl eine Kenia Koalition
mit FDP ausschließen. Damit könnten sie allen anderen Parteien diktieren. Das wäre eine Katastrophe für unser Land.
Vielleicht wachen Union u FDP endlich mal auf ...

29.05.2019 12:15 007 59

Nicht verrückt machen lassen Freunde. Es war keine DE Wahl u in Brüssel spielen die Grünen kaum eine Rolex. Da sind die rechten Parteien viel viel stärker. Nur hier wird so ein Hype wegen denen gemacht. Achten wir auf die kommenden Wahlen in Mitteldeutschland, dass wird ein Schock für die Öko Populisten. Da werden sie wieder runter geholt von ihrem fliegenden bunten Teppich. Ich verstehe garnicht wie die Medien Habeck überhaupt als Kanzler nur in Betracht ziehen. Wollen die GRÜN-schwarz aufbauen? Ist ja lächerlich. Ich weiß die "Wessis" wählen mitunter ziemlich seltsam aber da gibt"s ja noch UNS. Meine Prognose zur BT-Wahl, Merkel ist endlich weg, AKK will niemand, Merz wird K.-Kandidat der Union. Wenn die Union zur Mitte zurück findet steigen auch denen ihre Prozente wieder. Dann wird vielleicht schwarz-gelb oder Kenia aktuell. Aber mit Sicherheit, mit absoluter Sicherheit wird Habeck kein Kanzler. Wenn die Grüninnen irgendwann den Kanzler stellen wandert 007 aus ...

29.05.2019 11:42 DieExperten_warnen 58

Leute, es geht doch garnicht darum was irgendwelche Politiker Euch einreden wollen oder nicht. Fakt ist, dass alle Fachexperten warnen, den Klimawandel ernst zu nehmen. Das Zeitfenster gegen eine zu starke Erderwärmung haben wir NUR JETZT. In 20 Jahren werden meine Kinder mich sonst fragen, warum wir so zögerlich und egoistisch waren. Wenn dann Afrika zu Hälfte unbewohnbar wird (42°C & Trockenheit), bekommen unsere Enkel noch ganz andere Dimensionen von Problemen. Denkt mal an die Zukunft Eurer Kinder und Enkel...

29.05.2019 10:27 karstde 57

Jetzt wird uns die ganze Staatsmaschinerie den Klimawandel dermaßen um die Ohren hauen, dass uns allen Hören und Sehen vergeht. Was Leipzig betrifft, wird in dieser Stadt kaum noch seine Meinung äußern dürfen, da die Linken und die Grünen die Oberhand nach der Wahl haben.