Wanderer laufen am ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen entlang.
Schon heute ist die innerdeutsche Grenze ein beliebter Wanderweg. Bildrechte: dpa

Grünes Band Leben an der innerdeutschen Grenze

Aus der ehemaligen innerdeutschen Grenze soll ein Nationales Naturmonument namens Grünes Band werden. Das hat in den vergangenen Wochen in Sachsen-Anhalt für eine Regierungskrise gesorgt. Am Mittwoch kommt das Gesetz in den Landtag. Wir sind vor Ort ans Grüne Band gefahren und haben einen Mann getroffen, der sein Leben an der innerdeutschen Grenze verbracht hat.

von Anne-Marie Kriegel, MDR AKTUELL Landeskorrespondentin Sachsen-Anhalt

Wanderer laufen am ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen entlang.
Schon heute ist die innerdeutsche Grenze ein beliebter Wanderweg. Bildrechte: dpa

Ulrich Köhler ist ein rüstiger Rentner. 1947 geboren hat er von der sogenannten Grünen Grenze – die unbefestigt, aber nicht grün war, wie er erklärt – bis zur voll ausgebauten Grenze mit Stacheldraht, Minen und Hunden alles miterlebt. Teile der Äcker waren plötzlich von der Grenze zerschnitten. Ein Teil war dann drüben, ein Teil Grenze und damit beide weg, enteignet. Der übrige Teil blieb in der DDR. So war das damals.

Die Sorge vor Enteignungen hatte bei der Diskussion um das Gesetz zum Grünen Band Teile der CDU auf die Barrikaden gebracht. Sorgen vor neuerlichen Enteignungen hat auch Köhler, sagt er. Aber er würde sich wieder wehren. Von den Koalitionspartnern in Magdeburg heißt es einhellig: Enteignungen wird es am Grünen Band nicht geben.

Enteignungen nur schwer möglich

Generell sind Enteignungen nach dem Grundgesetz zwar auch heute noch möglich. Aber die Hürden seien hoch, sagt Christian Hoppe. Er ist Vorsitzender vom Bund der Richter und Staatsanwälte in Sachsen-Anhalt. "Zum einen bedarf es eines Gesetzes, das Entschädigungen vorsieht und zum anderen muss der Zweck davon auch genau definiert sein."

Anders als in anderen Bundesländern enthalte das sachsen-anhaltische Landesrecht keine Ermächtigungsgrundlage, um eine Enteignung aus Naturschutz-Gründen durchzusetzen, meint Hoppe.

Kampf ums Land

Ulrich Köhler sitzt auf einer Bank direkt an der Grenze. In seinem Rücken kann man seine Felder sehen. Ein Pächter baut hier gerade Weizen und Rüben an. 20 Jahre hat er dafür gekämpft, dass sein Acker wieder ganz sein Acker ist. Erst vor zehn Jahren hatte er alles geregelt. Und nun also das Grüne Band.

Neben der Sorge vor Enteignung treibt Köhler ein anderer Gedanke um. "Warum muss ich hier, wo die alte Grenze war, wo also militärisch gehandelt wurde, noch daran erinnern, dass hier die Gefährlichkeit war?" Köhler findet das "vollkommen daneben". Gott sei Dank sei bei ihnen am Grenzübergang niemand erschossen worden, fügt er noch hinzu.

Erinnerungskultur an der früheren Grenze

Dabei will Köhler nicht vergessen, bereitet zusammen mit anderen Erinnerungstafeln vor, freut sich auf die Feiern zum 30. Jahrestag des Mauerfalls, die es auch hier in Rhoden geben wird. Aber das Leben gehe weiter. "Man muss ja nicht tagtäglich daran denken, was alles war."

Dennoch: Köhler sind Denkmäler wichtig. In Rhoden gebe es zum Beispiel einen Grenzturm. Der biete eine Möglichkeit, "dass man nochmal erklären kann, wie menschenverachtend manches hier gewesen ist. Und dass wir das weder in Europa noch in Deutschland wiederhaben wollen."

Von der ehemaligen Grenze zurück nach Magdeburg. Mittwoch Nachmittag ist der Gesetzentwurf von CDU, SPD und Grünen Thema im Landtag. Pünktlich zum Jubiläum des Mauerfalls im Herbst soll das Grüne Band als Naturmonument dann da sein.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. Juni 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Juni 2019, 05:00 Uhr

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3 Kommentare

19.06.2019 14:28 Anton 3

Die Grenze zwischen Westen und Osten bleibt nach wie vor, wenn auch weniger sichtbar. Es gibt zu viele Unterschiede, nicht nur Lohn und Miete, auch die Menschen denken anders. Wessi wollen eines, Ossi wollen anderes. Die Kluft wird mit der Zeit kaum schmaler. Vor 30 Jahren gab es Euphorie, heute kaum. Aber die Grenze bleibt. Will man nun die Grenze "Grüne Band" nennen - mit dem Namen ändert sich die Substanz nicht.

19.06.2019 11:23 MarcIlm 2

@1- Die Windräder wären ja dann eine Art neue Mauer. Ich hatte angeregt an den Frieden zu gemahnen. Heute berichtet...70,8 Mio Menschen sind auf der Flucht, doppelt so viele als vor 20 Jahren. Kann das auch etwas mit eben dem Verschwinden dieser Grenze und dem System dazu zu tun haben?

19.06.2019 08:14 Mikro 1

Man sollte das grüne Band nutzen um wirklich was sinnvolles zu tun.Wie wäre es denn,wenn man da Windräder und Solarstreifen aufbaut.Und zwar über die gesamte Länge.Das gäbe dem Begriff „grünes Band“doch richtig Sinn.