Acht Personen sitzen zusammen.
Das Team von "Wir sind der Osten". Bildrechte: MDR/Romy Gessner

Interview zur Initiative "Wir sind der Osten" "Es gibt gar nicht die Ostdeutsche oder den Ostdeutschen"

Mit "Wir sind der Osten" ist am Mittwoch eine neue Initiative gestartet. Unternehmerinnen und Macher aus den ostdeutschen Bundesländern werden dort vorgestellt. MDR AKTUELL hat mit Christian Bollert über die Ziele der Gruppe gesprochen. Er ist Mitinitiator von "Wir sind der Osten" und Sprecher des Projekts.

Acht Personen sitzen zusammen.
Das Team von "Wir sind der Osten". Bildrechte: MDR/Romy Gessner

MDR AKTUELL: "Wir sind der Osten" – wird mit diesem Ansatz der West-Ost-Gegensatz und die "Mauer im Kopf" nicht geradezu zementiert?

Christian Bollert: In den vergangenen 30 Jahren ist viel für die Wiedervereinigung getan worden, von Infrastrukturförderungen bis zu unzähligen Vorzeigeprojekten, welche die Lebensverhältnisse angleichen sollen. Trotz all der schönen Innenstädte und modernen Autobahnen zeigt sich aber, dass viele Ostdeutsche mit dem Fortschritt beim Zusammenwachsen offenbar unzufrieden sind.

Wir erhoffen uns mehr gegenseitiges Verständnis und genaueres Zuhören.

Aus unserer Sicht liegt das auch an der Berichterstattung und Wahrnehmung ostdeutscher Biographien. Denn ostdeutsche Zukunftsgestalterinnen und Zukunftsgestalter haben mitunter vor ganz anderen Herausforderungen gestanden als ihre westdeutschen Kolleginnen und Kollegen. Und das wollen wir zeigen. Wir erhoffen uns mehr gegenseitiges Verständnis und genaueres Zuhören.

Was ist 30 Jahre nach dem Mauerfall immer noch besonders an den Menschen im Osten?

Junger Mann mit Kopfhörern um den Hals
Christian Bollert von der Initiative "Wir sind der Osten". Bildrechte: MDR/Romy Gessner

Christian Bollert: Allen gemeinsam ist eine sehr intensive Umbruchserfahrung. Denn die DDR hat zwar 1990 aufgehört zu existieren, aber die persönlichen Erfahrungen der Menschen in den 1990er Jahren in Luckenwalde, Rostock oder Dippoldiswalde unterscheiden sich eben signifikant von den Erfahrungen von Menschen in Minden, Stuttgart oder Erlangen. Es ist sicher kein Zufall, dass in den letzten Monaten über Themen wie Treuhand, Nazigewalt oder Arbeitslosigkeit teilweise zum ersten Mal oder zumindest deutlich offener gesprochen wird. Zu den Besonderheiten gehören aber natürlich auch eigene Erlebnisse während der DDR wie der Ostseeurlaub oder die Ablehnung eines Studienplatzes. Das Spannende ist ja, dass es gar nicht die Ostdeutsche oder den Ostdeutschen gibt.

Was wollen Sie mit der Initiative erreichen?

Christian Bollert: Wir erhoffen uns von der Initiative eine bessere Darstellung der verschiedenen und vielseitigen Biographien ostdeutscher Menschen. Als mich die Initiatorin Melanie Stein vor nicht einmal drei Monaten gefragt hat, ob ich nicht Lust hätte, bei einer solchen Initiative mitzumachen, ist genau das mein persönlicher Antrieb gewesen. Denn auch wenn es viele gemeinsame Erfahrungen der Ostdeutschen gibt, so gibt es vor allem extrem viele und vielfältige Wege, mit den Veränderungen der letzten Jahrzehnte umzugehen. Allein die ersten 200 Porträts zeigen uns, dass das oft in den Medien bemühte Bild des problematischen Ostdeutschen nicht die Wirklichkeit widerspiegelt.

Der Osten ist eben wahnsinnig heterogen und lässt sich nicht auf zwei, drei Beschreibungen reduzieren.

Die Mehrheit der ostdeutschen Gesellschaft hat eigene und konstruktive Wege gefunden, mit der Transformation der vergangenen 30 Jahre umzugehen. Die allermeisten sind dabei auch nach Niederlagen und Verlusten immer wieder aufgestanden und haben kluge Lösungen gefunden. Der Osten ist eben wahnsinnig heterogen und lässt sich nicht auf zwei, drei Beschreibungen reduzieren. Wenn es mit unserer Initiative gelingt, ein Stück dieser Vielfalt sichtbar zu machen, dann haben wir aus meiner Perspektive schon viel erreicht.

Was machen Sie, wenn sich AfD-Anhänger melden und sagen "Wir sind auch der Osten" und wollen mitmachen?

Christian Bollert: Der Gradmesser für uns ist das Grundgesetz und eine progressive Einstellung, die Gesellschaft und die Demokratie voranzubringen. Wir sind keine politische Initiative und werden uns jede Einsendung anschauen und prüfen, ob sie zum Ziel unserer Initiative passt und dazu beiträgt, ein vielfältiges Bild von Ostdeutschland zu zeigen.

Warum sind viele Ostdeutsche latent nationalkonservativ?

Christian Bollert: Ich persönlich bin mir gar nicht so sicher, dass dem so ist. Der Soziologe Steffen Mau hat mit "Lütten Klein" eine sehr spannende und lesenswerte Analyse der ostdeutschen Gesellschaft geschrieben. Ein Gedanke, über den ich immer noch nachdenke, ist die These, dass schon die DDR-Führung eine sehr proletarische Kultur gefördert hat. Für Mau sind viele Entwicklungen deshalb nicht erst mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung erklärbar.

Sehen Sie einen Generationenkonflikt zwischen Ex-DDR-Bürgern und der Nachwendegeneration im Osten? Wenn ja, wie äußert er sich?

Christian Bollert: Ich sehe diesen Generationenkonflikt nicht. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass es einen Konflikt zwischen Stadt und Land gibt. Hier verlaufen aus meiner Perspektive die meisten Konfliktlinien.

Es gibt überall, egal ob auf dem Land oder in der Stadt, Leute, die nach vorne denken, sich ehrenamtlich engagieren oder sich aktiv in die Gesellschaft einbringen.

Aber genau das ist das Spannende unserer Initiative, auch dieses Bild ist überhaupt nicht einheitlich. Denn es gibt überall, egal ob auf dem Land oder in der Stadt, Leute, die nach vorne denken, sich ehrenamtlich engagieren oder sich aktiv in die Gesellschaft einbringen.

Inwiefern könnten Wendeerfahrungen "Transformationskompetenz" für den digitalen Wandel liefern? Sind das nicht unterschiedliche Generationen?

Christian Bollert: Das ist auch für uns eine spannende Frage. Denn genau das wollen wir ja mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern herausfinden und diskutieren. Klar ist, dass alle Ostdeutschen entweder selbst oder mittelbar als Kinder eigene Transformationserfahrungen gemacht haben.

Durch die Digitalisierung erleben wir gerade abermals eine massive Veränderung, die bisher geglaubte Dinge in Frage stellt.

Damit sind die schon beschriebenen dramatischen Veränderungen Anfang der 1990er Jahre gemeint. Durch die Digitalisierung erleben wir gerade abermals eine massive Veränderung, die bisher geglaubte Dinge in Frage stellt. Klassische Industriearbeitsplätze könnten künftig tatsächlich deutlich weniger wichtig sein als neue digitale Produkte. Eine Frage ist also, ob die Menschen durch die eigenen Erfahrungen nach der Wiedervereinigung eher müde  geworden sind oder im Gegenteil mutiger, weil sie schon einmal massive Veränderungen ihres Lebens durchlebt haben. Vielleicht finden wir ja erste Antworten bei den Mitmachenden.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL FERNSEHEN | 16. Oktober 2019 | 21:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Oktober 2019, 19:00 Uhr