Tafel mit der Aufschrift "Kopfnoten".
In Sachsen werden bis heute Kopfnoten vergeben. Bildrechte: dpa

Sachsen Mögliche "Kenia"-Koalition: Wohl kein Streit über Kopfnoten

Bis heute werden in Sachsen Kopfnoten vergeben – in Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung. Laut einem Urteil des Dresdner Verwaltungsgerichts fehlt dafür allerdings die gesetzliche Grundlage. Das CDU-geführte Kultusministerium sieht das anders und will Berufung einlegen. Die potenziellen Regierungspartner Grüne und SPD haben eine andere Position.

von Christine Reißing, Landeskorrespondentin Sachsen MDR AKTUELL

Tafel mit der Aufschrift "Kopfnoten".
In Sachsen werden bis heute Kopfnoten vergeben. Bildrechte: dpa

Was seine eigenen Kopfnoten angeht, müsse er sich nicht verstecken, sagt der CDU-Landtagsabgeordnete Holger Gasse. Eine Drei in Betragen, Fleiß, Mitarbeit oder Ordnung sei bei ihm die Ausnahme gewesen. "Also es gab mehrheitlich Einsen und Zweien. Und ich habe mich gefreut über gute Kopfnoten. Und das war auch für mich ein Ansporn."

Ansporn oder Relikt?

Gasse befürwortet Kopfnoten bis heute. Er saß zuletzt im Schulausschuss des Landtags, genau wie Sabine Friedel aus der SPD. Auch sie kennt Kopfnoten von früher und erinnert sich an die eine oder andere Vier.

"Also ich war bei Fleiß und Mitarbeit immer ganz vorn dabei mit einer Eins. Und bei Betragen und Ordnung hatte ich das andere Ende der Skala erreicht". Das sei nicht so ihrs gewesen: "Einfach nur still sitzen und alles rechtwinklig auf den Tisch legen." Für Friedel sind Kopfnoten ein Relikt der Vergangenheit.

Sabine Friedel, SPD-Abgeordnete im Sächsischen Landtag.
Friedel ist gegen Kopfnoten. Bildrechte: SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag/Julian Hoffmann

Noten hält Friedel also für den falschen Weg. Grundsätzlich sei sie aber dafür, neben dem Fachwissen auch das soziale Verhalten zu bewerten: "Wenn ich in einem Unternehmen jemanden einstellen will, dann möchte ich wissen: Was kann der besonders gut, was ist seine herausragende Eigenschaft als Persönlichkeit? Und das ist mit einem verbalen Urteil, also mit einer Umschreibung, viel besser möglich."

SPD und Grüne dagegen

Kopfnoten folgten Kriterien und würden im Kollegium diskutiert, hält die CDU dagegen. Noten bildeten Sozialkompetenzen nicht ausreichend ab, sagt Christin Melcher von den Grünen. Aber auch sie plädiert für ausführliche Bewertungen. "Es geht ja jetzt quasi gar nicht um Kopfnoten Ja oder Nein, sondern es geht darum, ob die Verwaltungsvorschrift ausreichend ist, um das zu regeln oder nicht."

Christin Melcher
Für Melcher gibt es wichtigere Baustellen als Kopfnoten. Bildrechte: dpa

Laut Dresdner Verwaltungsgericht reicht die aktuelle Vorschrift nicht, ein Gesetz müsse her. Spruchreif ist das aber nicht, das Urteil des Oberverwaltungsgerichts steht noch aus. Mit Blick auf etwaige Koalitionsverhandlungen meint Melcher: "Ich glaube nicht, dass das bildungspolitisch der große Haken ist. Ich glaube, wir haben so viele Herausforderungen im bildungspolitischen Bereich. Und die gehören jetzt alle auf den Tisch, sofern die Parteien auch zustimmen, die Koalitionsgespräche anzugehen. Und da haben wir ganz viele Baustellen, die wir angehen müssen."

Parteien kompromissbereit

Dennoch herrscht beim Thema Kopfnoten Uneinigkeit in der möglichen Kenia-Koalition aus CDU, Grünen und SPD – wie auch bei vielen anderen Punkten, in denen sich die Parteien schon im Sondierungspapier uneinig sind. Gasse von der CDU allerdings beschwichtigt: "Also ich hab zumindest die Kollegen jetzt in den Gesprächen so kennengelernt, dass sie sehr kompromissbereit sind und wir auch dann dafür eine Lösung finden. Also ein Zankapfel wird das vermutlich nicht werden. Glaube ich nicht."

Auch Sabine Friedel von der SPD ist bemüht, Kompromissbereitschaft zu signalisieren. Im Zweifel müsse sich mal der eine, mal der andere durchsetzen. Konkret beim Thema Kopfnoten hieße das: "Wenn die CDU Kopfnoten haben möchte, muss sie auf SPD und Grüne zugehen und sagen: Hört mal zu, wie können wir da zueinander kommen?"

CDU-Politiker Gasse will zwar an Kopfnoten festhalten, sei aber grundsätzlich bereit, sie etwa um schriftliche Einschätzungen zu ergänzen. Ob es überhaupt zu Verhandlungen einer Kenia-Koalition kommt, das entscheidet sich Ende der Woche – CDU und SPD entscheiden darüber am Freitag, die Grünen am Samstag bei einem Parteitag.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. Oktober 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Oktober 2019, 05:00 Uhr

8 Kommentare

nasowasaberauch vor 1 Wochen

Kopfnoten gehören zur Einschätzung der sozialen Kompetenz auf das Zeugnis. Die Eltern, die immer glauben, dass ihr Kind immer lieb, fleißig und ordentlich sind ziehen ihre Hosen mit der Kneifzange an. Ihre Zöglinge bewegen sich auch manchmal neben der Spur und das gehört auch zur Jugend. Wenn es aber mehr oder weniger zur Regel wird, dann sind Kopfnoten sinnvoll und haben ihre Berechtigung.

pkeszler vor 1 Wochen

Kopfnoten waren in der DDR immer obligatorisch. Und ob sie unbedingt wichtig sind, kann und darf ein Rentner nicht mehr entscheiden. Das müssen jetzt die Eltern wissen, deren Kinder noch schulpflichtig sind. Außerdem sind sie zwar für die Chefs der Wirtschaft ein Anhaltspunkt, aber nicht für den künftigen Beruf alles entscheidend. Und im Übrigen gilt das Gesetz und das Bildungsministerium, das dafür zuständig ist. Das sollte in Deutschland aber einheitlich sein und nicht föderal geregelt werden.

MDR-Team vor 1 Wochen

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