Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann, predigt in der Stadtkirche von Lutherstadt Wittenberg .
Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann: In Ostdeutschland hat es die Kirche besonders schwer. Bildrechte: dpa

Evangelische Kirche Mitteldeutschland Landesbischöfin: Osten übt noch Demokratie

Die evangelische Landesbischöfin in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann, sieht in Ostdeutschland noch großen Nachholbedarf in Sachen Demokratie. Der Osten durchlaufe jetzt eine Phase wie der Westen in den 60er- und 70er-Jahren. Damals sei in der Bundesrepublik die NPD stark gewesen. Junkermann hält in der Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten die Kirche für eine wichtige Kraft.

Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann, predigt in der Stadtkirche von Lutherstadt Wittenberg .
Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann: In Ostdeutschland hat es die Kirche besonders schwer. Bildrechte: dpa

Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland sieht sich als wichtige Stimme in der Auseinandersetzung mit Rechtspopulisten. Bischöfin Ilse Junckermann sagte MDR AKTUELL, die Kirche könne bei Mahnwachen und Demos gegen Rechtsextremisten viele Menschen mobilisieren.

Gerade im Osten gebe es ein Bedürfnis nach verlässlicher und stabiler Orientierung. Dabei sei es eine Aufgabe der Kirche, eine Grundzuversicht zu vermitteln.

Inhaltliche Auseinandersetzung mit der AfD suchen

Zugleich verteidigte Junkermann die Entscheidung der Kirche, die AfD nicht auf Kirchentage einzuladen. Öffentliche Plattformen werteten die Partei auf. Jedoch sollte sich die Kirche bei internen Diskussionen mit AfD-Vertretern auseinandersetzen. Das sei eine bildungspolitische Aufgabe. Die Kirche könne aufzeigen, dass sich Rechtsextreme über Abgrenzung und Verunglimpfung profilierten, mit Hetze und Hass, jedoch inhaltlich wenig zu bieten hätten.

SED hat ganze Arbeit geleistet

Ostdeutschland und Tschechien sind nach Einschätzung von Junkermann europaweit einzigartig, weil die Menschen kein Bedürfnis nach Religion hätten. Es sei erschreckend, welche "ganze Arbeit die Partei geleistet hat", die Kirche an den Rand zu drängen. Viele Ostdeutsche seien damit auf das Hier und Jetzt und das Materielle zurückgeworfen worden.

Demokratie ist kompliziert

Aus Sicht von Landesbischöfin Junkermann hat Ostdeutschland beim Einüben der Demokratie erheblichen Nachholbedarf. Sie sagte der dpa, man müsse dabei aber bedenken, dass die Demokratie im Osten erst 30 Jahre alt sei und nicht 70.

Ostdeutschland als Hochburg der Rechten und Neonazis abzustempeln, greift aus Sicht von Junkermann zu kurz. Das sei in der Bundesrepublik Mitte der 1960er-Jahre nicht anders gewesen. In ihrer Jugendzeit 1971 im baden-württembergischen Hohenlohe habe die NPD 18 Prozent erreicht. Das könne man gut mit der AfD-Popularität heute im Osten vergleichen.

Junkermann mahnt, Demokratie müsse sich entwickeln. Sie lebe davon, dass sich Bürgerinnen und Bürger engagierten. Dafür brauche es die gemeinsame Anstrengung von Politik und Gesellschaft und ein Bewusstsein.

Demokratie ist die schwierigste aller Gesellschaftsformen, aber die beste, die wir kennen. Deshalb lohnt sich das Engagement.

Ilse Junkermann, Landesbischöfin in Mitteldeutschland

Noch weiter Weg bis zur Einheit

Für Junkermann ist die deutsche Einheit auch fast 30 Jahre nach der friedlichen Revolution längst nicht vollzogen. Es gebe weiter große Unterschiede, auch beim Einkommen.

Der Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen sei im Osten anders als im Westen. Die Angst vor Überfremdung sei größer - auch weil die Identität durch die Wende schon einmal grundsätzlich in Frage gestellt worden sei.

Jetzt gebe es die Befürchtung vor weiteren grundlegenden Veränderungen und die Frage, ob man das zweimal in einem Leben verkraften könne.

Ich kann die Angst auch sehr gut nachvollziehen.

llse Junkermann, Landesbischöfin in Mitteldeutschland

Wechsel in die Forschung

lse Junkermann stammt aus Baden-Württemberg und steht seit 2009 an der Spitze der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland. Der Landeskirchenrat entzog ihr aber zuletzt die Zustimmung. Daher gibt die 61-Jährige Ende August das Amt auf und geht im Herbst an die Universität Leipzig. Die Forschungsstelle trägt den Titel "kirchliche Praxis in der DDR. Kirche (sein) in Diktatur und Minderheit". 

 

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 06. Januar 2019 | 10:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Januar 2019, 11:19 Uhr

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120 Kommentare

08.01.2019 11:30 Claudia 120

Demokratisch ist der Osten dann, wenn die Menschen nicht mehr "die Falschen" wählen?
Ich denke auch nicht, dass die AfD uns alle Probleme löst, aber es gibt zumindest nachvollziehbare Gründe, sie zu wählen.
Ich weiß nicht, wer hier "Demokratie" noch nicht verstanden hat. Selbst Ausgrenzung rechtfertigen, und andere anklagen, weil sie "falsch wählen".

08.01.2019 09:32 Jakob 119

@Werner (109): Die Öffentlichkeit wird nicht von irgendwem "geimpft", sondern wesentliche Teile der Gesellschaft, viele Menschen, sind eben davon überzeugt, dass der Euro eine gute Sache ist und dass man Flüchtlingen helfen sollte, statt sie ersaufen zu lassen. Wenn im Osten auch Enttäuschung herrscht, weil die Lebensverhältnisse hier noch immer nicht an die West-Verhältnisse heranreichen, dann kann ich das durchaus nachvollziehen. Ich verstehe nur überhaupt nicht, wie man auf die Idee kommen kann, die AfD würde es besser machen. Wollt Ihr unser Land in den Ruin stürzen?

07.01.2019 19:18 Bernd L. 118

Die kurze Seite der Sonnenallee 114:
Sie kommen sicher nicht aus dem Osten und haben die de facto Übernahme des Ostlandes durch den Westen nicht erlebt. Es gab und gibt kaum irgendwo an Ossis an prominenten Machtstellen und gut situierten Posten im Osten- die meisten Ministerialbüros sind voll von Westimporten. Der Leipziger OB ist ein Religionslehrer aus Siegen.
Frau J. ist nur ein weiteres sehr gutes Beispiel.

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07.01.2019 19:15 karstde 117

@ Otto Thiele 112: Ich würde noch einen Helmut Schelsky als wichtige Literatur empfehlen. Soweit ich weiß, war der auch an der Uni Leipzig. Ich verstehe nur nicht, dass solch eine prominente Bildungsstätte mit solchen historischen Verdrehungen sich beschäftigen will. Muss hier sogar schon diese hochgeschätzte Leipziger Universität im politisch-ideologischen Rahmen ihren Studien- und Forschungsbetrieb sichern? Soviel wie ich weiß, hatte die Uni Leipzig mal einen eigenen Rechtsstatus. Wäre besser, wenn es heute noch so wäre. Descartes Worte: Viele Wissenschaften bilden unsichere Unterlagen. Bei den Gelehrten gibt es vielerlei Meinungen über einen Gegenstand, der vehement verteidigt wird. Es kann nur eine Wahrheit geben. Kein diskutieren um alles oder nichts. Macht man aus den Wissenschaften noch ein Gewerbe oder muss dem
politischen Gängelband folgen und die Gelehrten noch mehr wissen als was sie in Wirklichkeit wissen, ist die Wahrheit weit entfernt.

07.01.2019 18:27 Hossa 116

Demokratie bedeutet,zumindest für mich,auch Meinungsvielfalt.
Warum lädt man auf Kirchentage keine AfD Mitglieder ein?
Sind sie nicht auch Kinder Gottes?

07.01.2019 18:16 Pittiplatsch, der Liebe 115

Deshalb ist es auch gut, dass wir jetzt auch einen Ostbeauftragten mit Namen Hirte haben. Da wird dann auch die Herde in Zukunft nicht mehr vom rechten Wege abkommen. ALLES WIRD GUT.

07.01.2019 17:55 Die kurze Seite der Sonnenallee 114

@111
Die Mär, ein "rücksichtsloser Anschluss" an die BRD habe stattgefunden, hält sich bei einem bestimmten Klientel sehr hartnäckig. Es handelte sich um einen Beitritt der DDR gemäß § 23 Grundgesetz zur BRD. Es kam dazu, weil die am 18. März 1990 von den DDR-Bürgern in freier, geheimer und gleicher Wahl gewählten Volksvertreter die Mehrheit errungen hatten, die dann gemäß Wählerauftrag für diesen Beitritt gearbeitet haben. Das war Demokratie pur. Die jetzt entstandenen Verhältnisse dem Beitritt anzulasten, ist kleingeistig und zeugt nur davon, dass die Bischöfin - auch wenn sie sich etwas ungeschickt ausgedrückt hat - hier den Finger in die Wunde legt. Die vielen Kommentare, die zu diesem Thema abgegeben wurden, beweisen es. Um so erstaunlicher, dass sich überwiegend Atheisten so über die Bischöfin ereifern, die doch sonst an jeder Stelle kund tun, dass sie mit der Kirche nichts am Hut haben. Ich wiederhole mich hier gerne: "Getroffene Hunde bellen".

07.01.2019 17:34 kleinerfrontkämpfer 113

Auch wenn es Frau Junkermann nicht definieren kann oder will: Die Bürger der Neuen Bundesländer haben die Diktatur des Proletariats gegen die Diktatur des Kapitals eingetauscht. Siehe Finanzkrise 2008.
Und ein allgemeines Dahergeplapper von Demokratie ist abgedroschen genug. Eine wenig taugliche parlamentarische Demokratie & Bürokratie ist Alltag. Von einer bürgerfreundlichen DIREKTEN Demokratie ist die Gesellschaft aus bekannten Gründen weit entfernt und die Eliten wollen das auch vermeiden.

07.01.2019 16:58 Otto Thiele 112

Der belesenen Landesbischöfin Junkermann sei dringend empfohlen, sich das Buch des legendären Philosophen Karl Jaspers aus dem Jahre 1965/66 vorzunehmen: "Wohin treibt die Bundesrepublik?". Jaspers warnte schon damals vor der aufkommenden Parteienoligarchie, die zwangsläufig zur Diktatur führt. Noch Zeit? Dann von Roland Baader aus 2002: "totgedacht"- Warum Intellektuelle unsere Welt zerstören. Er weist u.a. auf die von Stalin zurückreichende, äußerst wirksame Desinformations-Strategie hin, worauf alle 68er und deren Nachfolger bis zur Stunde reingefallen sind. "Der Antifaschismus ist eine Ideologie zur Delegitimation der bürgerlichen Mitte." - Finster ³ . Frau Landesbischöfin, sehr finster, Ihr undefinierbarer Demokratie-Begriff.

07.01.2019 16:12 Korsch, Franz 111

Die Kommentare sind ein vernichtendes Urteil zur Äußerung der Bischöfin, die offensichtlich seit 1990 nicht aus ihrer West-Umgebung herausgekommen ist. Offensichtlich haben wir noch Zeit Demokratie zu lernen, wir haben in allen Problemen einen solchen Abstand, denn 1990 gab es keine Wiedervereinigung, sondern einen rücksichtslosen Anschluss an die bundesdeutsche "Demokratie". Auf den Gedanken, dass die Verwerfungen in der Parteienlandschaft, der ostdeutsche wirtschaftliche Kahlschlag und die ausgebiebene Annäherung etwas mit dem Versagen der Demokratie zu tun haben könnte, liegt offensichtlich außerhalb der Bereitschaft der Bischöfin, sich der Realität zu stellen.