Nach der Landtagswahl in Thüringen Stimmungsbild aus der AfD-Hochburg Gera

Die AfD hat in Gera 28,8 Prozent der Zweitstimmen erhalten. Das ist ein Rekordergebnis in Thüringen. "Exakt" hat sich am Wahltag vor Ort umgehört, was die Menschen dort bewegt.

Gera Lusan
1972 war die Geburtsstunde der Plattenbausiedlung in Gera-Lusan. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gera ist eine schöne Stadt. Die Straßen und Gebäude sehen aus wie neu. Das ist auch der Bundesgartenschau von 2007 zu verdanken. Doch hinter der Fassade der Stadt rumort es. Viele sind aus Gera weggezogen. Die Bevölkerung ist seit der Wende um ein Drittel geschrumpft. 1989 lebten in Gera noch rund 130.000 Menschen. Heute zählt die Stadt noch rund 95.000 Einwohner. Dazwischen ist viel passiert.

Industrie ist weggebrochen

Siegfrid Lindig
Siegfrid Lindig hat wie viele andere nach der Wende seinen Job verloren. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dem Zusammenbruch der DDR folgten viele Betriebsschließungen. Geras Textilindustrie, die der Stadt um 1900 so viel Wohlstand gebracht hatte, galt als nicht mehr wettbewerbsfähig. Auch der Maschinenbau kam zum Erliegen, der Uranabbau unter Tage wurde 1990 eingestellt. Die größten Arbeitgeber der Stadt waren so weggebrochen. Auch Siegfrid Lindig hatte einst bei "Elektronik“ in Gera gearbeitet. "Zuerst waren wir alle in Kurzarbeit und dann Ende 1992 wurden wir alle entlassen", erinnert er sich der promovierte Physiker.

Mehr als zehn Jahre pendelte er später in den Westen. Doch es zog ihn zurück in seine Geburtsstadt. Er hat auch wieder Arbeit gefunden. "Hier ist meine Familie, ich habe mich immer wohl hier gefühlt", erklärt er. "Viele Firmen sind tot gemacht worden, um Konkurrenten auszuschließen", sagt er rückblickend. Der Konsummarkt mit Einkaufsläden habe hier wachsen können, die Ansiedlung von Unternehmen habe man vernachlässigt. Mit acht Prozent gibt es heute in Gera mehr Arbeitslose als im Rest des Freistaates. Für Lindig ist deswegen klar: Viele wählen aus Protest die AfD.

Raus aus der Platte

In der einst begehrten Plattenbausiedlung Gera-Lusan hat sich die Einwohnerzahl von früher 45.000 sogar fast halbiert. Dafür sind die Wohnungen jetzt günstig, die Wohnqualität ist gut.

Jana Walofczyk
Jana Walofczyk (re.) ist Sozialpädagogin und lebt in Gera-Lusan. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jana Walofczyk lebt gerne dort im Grünen. Doch viele Menschen im Viertel seien frustriert, sagt sie. "Ich glaube, dass viele Leute das Empfinden haben, dass die Politik, die im Augenblick betrieben wird, nicht mehr bürgernah ist", erklärt sie. Die Kosten seien gestiegen, Versprechen seien nicht eingehalten worden. Ändern würde sich nichts. "Dann verwundert es mich nicht, dass die Leute nach einer  Alternative suchen.", sagt die studierte Sozialpädagogin.

Im Wahllokal von Gera-Lusan

Monika Lautenschläger
Monika Lautenschläger war Wahlhelferin bei der Landtagswahl in Thüringen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Monika Lautenschläger engagiert sich schon lange als Wahlhelferin in Gera-Lusan. Sie kennt die Stimmung vor Ort. Lusan sei ein Ballungsgebiet, in dem viele unzufrieden sind. "Das Chaos mit der CO2-Steuer und die Pläne, den Diesel abzuschaffen" sind für sie Gründe, warum hier mehr Menschen AfD wählen als in anderen Stadtgebieten. Für Lautenschläger ist das die richtige Lösung. Dass Björn Höcke in Thüringen einen radikaleren Ton anschlägt, sieht sie nicht. "Er sagt den Leuten, worauf es ankommt, was geändert werden müsste", betont sie. Dass er als Faschist bezeichnen werden dürfe, kommt für sie "von anderen Parteien, die damit verhindern wollten, dass die Leute ihn wählen."

Pfarrer kritisiert Konsumdenken

Von 1977 bis 2004 war Roland Geipel Pfarrer im Gemeindezentrum in Gera Lusan. Er war viele Jahre Seelsorger und hat viele Ausreisewillige in der DDR begleitet.

Pfarrer Roland Geipel
Pfarrer Roland Geipel ist Ehrenbürger von Gera. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Er kennt die Sorgen und Nöte der Leute hier. Gerade deshalb lassen ihn die Wahlergebnisse ratlos zurück. "Warum bedienen sich AfD-Mitglieder des Gedankengutes aus der Nazi-Zeit? Das ist mir unerklärlich“, sagt er.

Geipel ist ein Querdenker. Ende der 1960er-Jahre kam er aus dem Westen in den Osten, die Stasi klebte an seinen Fersen. 1989 aber kämpfte er für die Freiheit, hielt Friedensgebete. Für seine Rolle in der Wendezeit ist ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen worden.

Der Mauerfall ist genau 30 Jahre her. Die ersehnte Freiheit sei zwar da, aber gleichzeitig auch Unzufriedenheit. Für den Geraer Ehrenbürger dreht sich heute zu viel um Konsum. Es sei zwar alles zu haben, dennoch könne sich ein beachtlicher Teil der Bevölkerung gar keine Fernreise leisten. "Die Unterschiede in der Gesellschaft werden immer gravierender", sagt er. Es müsse viel getan werden.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Exakt | 30. Oktober 2019 | 20:15 Uhr