Ein leeres Klassenzimmer einer Schule.
Wohl noch bis Dezember werden in Sachsen viele Unterrichtsstunden ausfallen müssen, weil es zu wenige Lehrer gibt. Bildrechte: Colourbox

Schulen in Sachsen Lehrermangel trotz besetzter Stellen

In Sachsen kann etwa die Hälfte der neu eingestellten Lehrer immer noch nicht unterrichten. Etwa 700 Lehrer werden derzeit noch fortgebildet, teilte die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) mit. Dabei handele es sich um Seiteneinsteiger, erklärte die GEW-Landesvorsitzende Ursula-Marlen Kruse gegenüber MDR AKTUELL. Diese müssten erst einen dreimonatigen Kurs belegen und könnten den Schulen deshalb nicht zugewiesen werden. Die Fortbildungen sollen noch bis Dezember dauern.

von Anne-Marie Kriegel, MDR AKTUELL

Ein leeres Klassenzimmer einer Schule.
Wohl noch bis Dezember werden in Sachsen viele Unterrichtsstunden ausfallen müssen, weil es zu wenige Lehrer gibt. Bildrechte: Colourbox

1400 Stellen hatte das Kultusministerium für dieses Schuljahr zu besetzen. Und tatsächlich sind jetzt alle 1.400 Arbeitsverträge unterschrieben. Das bestätigt das sächsische Bildungsministerium. Möglich war das nur, weil 720 Seiteneinsteiger angestellt wurden.

Allerdings stehen viele von Ihnen noch nicht vor einer Klasse, berichtet die sächsische GEW-Vorsitzende Ursula-Marlen Kruse: "In der Realität sieht es so aus, dass circa 700 der jetzt eingestellten Beschäftigten überhaupt nicht zur Verfügung stehen. Circa 700 künftige Kolleginnen und Kollegen sind jetzt in einer Fortbildung. Das sind nämlich Seiteneinsteiger die Sachsen eingestellt hat." Und weiter:

In der Realität ist es so, dass ganz viele Stunden den Schulen überhaupt nicht zugewiesen sind, sodass die Not so groß ist wie noch nie.

Ursula-Marlen Kruse, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Auf die genaue Zahl will das Kultusministerium sich nicht festlegen, bestätigt aber auf Nachfrage von MDR AKTUELL, dass viele Seiteneinsteiger noch in Weiterbildungen seien. Nur ein kleiner Teil arbeite bereits, einige kämen zum 01. Oktober aus der Weiterbildung und der Rest dann ab 01. Dezember.

Viel Kritik an Seiteneinsteigern

Mit dem hohen Anteil an Seiteneinsteigern hat sich Sachsen viel Kritik eingehandelt. Die Qualität der Bildung im Freistaat sei gefährdet, außerdem bräuchten die Neuen viel Hilfe aus dem Kollegium und hielten den Lehrbetrieb auf. Aus dem Bildungsministerium heißt es schriftlich:

Die Alternative dazu wäre kein Unterricht. Insofern haben wir uns angesichts des Lehrermangels auf dem Arbeitsmarkt dazu entschieden, auf Seiteneinsteiger zurückzugreifen.

Mitteilung des sächsichen Bildungsministeriums

Dass das kein einfacher Weg ist, hat Bildungsministerin Brunhild Kurt schon Anfang des Schuljahres eingeräumt: "Ich sehe die Bildungsqualität dadurch nicht gefährdet. Sage aber sehr wohl, dass es große Anstrengungen in den Lehrerkollegien bedarf und eines guten Miteinanders. Auf das positive Schulklima kommt es an und dann werden wir die Bildungsqualität weiter erhalten."

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hält dagegen: nach drei Monaten Crash-Kurs sei niemand ein fertiger Lehrer und wer als Seiteneinsteiger komme, der ziehe sich vielleicht auch bald wieder zurück.

Schon wieder Lehrerstellen ausgeschrieben

Diese Bedenken teilt auch die bildungspolitische Sprecherin der Linksfraktion im Landtag, Cornelia Falken. Sie verweist auf neue Zahlen aus dem Schulausschuss im Landtag. Denn obwohl alle Lehrerstellen offiziell besetzt sind, läuft immer noch eine Ausschreibung für 102 Lehrerstellen. Das kann sich Falken nicht erklären: "Also kann ich nur vermuten, dass die Besetzungen der Stellen zu Beginn des Schuljahres nicht so ausgesehen haben, wie man es uns verkündet hat. Beziehungsweise, dass viele junge Leute, die einen Arbeitsvertrag unterschrieben hatten im Freistaat Sachsen zu Beginn des Schuljahres wieder abgesprungen sind, gekündigt haben oder ihr Arbeitsverhältnis nicht angetreten haben, sodass Stellen frei geworden sind."

Auf die 102 offenen Stellen haben sich gerade einmal 36 Personen beworben. Das sei, sagt Cornelia Falken, ein Beweis für den großen Wettbewerbsdruck bundesweit. Besonders attraktiv seien die Lehrerstellen in Sachsen nicht. Der Freistaat gehört zu den wenigen Bundesländern in dem Lehrer nicht verbeamtet werden.

Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im: Radio | 17.09.2017 | 8.05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2017, 10:35 Uhr

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7 Kommentare

18.09.2017 15:05 Gohlis 7

Liebe Frau Kriegel,
Guter Beitrag, aber Ihr letzter Satz verharmlost dann wieder etwas: Sachsen ist das EINZIGE Bundesland, in dem durchgängig und flächendeckend noch nie verbeamtet wurde. Das führt dann zu Unterschieden im vierstelligen (!) Bereich bei den Nettomonatslöhnen. Ich staune ehrlich gesagt, dass überhaupt noch so viele Lehrkräfte in Sachsen bleiben: Schon in Altenburg oder Bitterfeld gibt es wesentlich mehr und in Sachsen-Anhalt scheint auch der Druck aus der Elternschaft größer zu sein, wie die vielen mdr aktuell Berichte dazu zeigen. Die regen sich über Dinge auf (zurecht!), die der Sachse offenbar hinnimmt.

17.09.2017 17:10 Na so was 6

Wie sagte doch Bildungsministerin Kurth (CDU) kurz nach Beginn des Schuljahres 2017 / 18 ?
"Der Start ins neue Schuljahr ist uns gut gelungen."
Na toll. Wie gut, dass die Politiker in Deutschland immer die Wahrheit sagen.

17.09.2017 15:56 saxe 5

Seiteneinsteiger als Lösung des Problems für eine katastrophale Bildungspolitik unter der CDU Regierung in Sachsen?
Für wie dämlich hält man uns denn?

17.09.2017 15:43 Robert Paulson 4

"Die Alternative dazu wäre kein Unterricht. Insofern haben wir uns angesichts des Lehrermangels auf dem Arbeitsmarkt dazu entschieden, auf Seiteneinsteiger zurückzugreifen." Mitteilung des sächsichen Bildungsministeriums - Das ist ja wohl nicht wahr, dass die Damen und Herren, die das verbrochen haben, sich so lapidar aus der Verantwortung stehlen wollen.
Seit 1990 regiert die CDU und ist für das SMF und das SMK ununterbrochen zuständig. Man kannte alle Zahlen, man wusste um die Entwicklung, aber man tat nichts. Sehenden Auges und bewusst, denn es galt die schwarze Null im Haushalt trotz dem LB Sachsen-Debakels, das gerade zwei MPs der CDU zu verantworten haben. Herzlichen Dank! Bei so viel Dreistigkeit und Unverschämtheit schwillt mir der Kamm.

17.09.2017 12:09 Ekkehard Kohfeld 3

@ Laura 1"In Sachsen kann etwa die Hälfte der neu eingestellten Lehrer immer noch nicht unterrichten. Etwa 700 Lehrer werden derzeit noch fortgebildet,"verrückt, oder.Stellen sie sich mal vor in der Pflege würde das so gemacht, oder bei der Polizei.##Ich muß sie leider enttäusche das wird im ganzen öffentlichen Dienst so gemacht nicht nur bei den Lehrern. Deutschland wird und wurde in den Bereichen tot gespart.Und ständig hat man neue Ausreden warum es mal wieder nichts wird mit den neuen Mitarbeitern,die fallen ja nicht mal eben von den Bäumen ich glaube einfach nicht das es die 700 überhaupt gibt.

17.09.2017 10:00 Michael Möller 2

egal in welchen Bundesland oder gesamt Deutschland oder der EU , hier wird gerade einmal mehr belegt wie unfähig diese Politiker sind und dann kommt die Frage auf wieso werden diese Politiker bzw. deren Parteien noch gewählt .aber das ist ja auch kein Wunder würde ich sagen bzw. behaupten, gerade eine Doku. gesehen wo die Menschen gefragt wurden welche Partei für was steht fast 70% lagen falsch und da fragt man sich doch wieso beschäftigen sich diese Menschen nicht mit den Programmen oder für was die Parteien eigentlich wirklich stehen. kann nur sagen armes Deutschland.

17.09.2017 08:07 Laura 1

"In Sachsen kann etwa die Hälfte der neu eingestellten Lehrer immer noch nicht unterrichten. Etwa 700 Lehrer werden derzeit noch fortgebildet,"

verrückt, oder.
Stellen sie sich mal vor in der Pflege würde das so gemacht, oder bei der Polizei.

Die Kinder haben Schulpflicht und die Lehrer sind nicht da, können sie da dem Nicht-Unterricht fernbleiben?

ein bisschen Satire zum Schluss: damit wäre genaugenommen auch der Berliner Flughafen schon in Betrieb, nur das Personal und die Flieger fehlen noch ;-)