Ärztemangel In Sachsen fehlen über 300 Medizinstudienplätze

Besonders auf dem Land fehlen Ärzte. Die sächsische Gesundheitsministerin will dem Problem mit einer Landarztquote und 100 zusätzlichen Medizinstudienplätzen entgegentreten. Die können den Bedarf aber laut Berechnungen des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung gar nicht decken. Schon jetzt fehlten 307 Medizinstudienplätze. Ein weiteres Problem: Immer mehr Ärzte gehen in den Ruhestand und es kommen nicht genug neue nach.

Medizinstudenten der Berliner Humboldt-Universität nehmen an einer Lehrvorführung teil, bei der es um das Sezieren einer Leiche geht.
Laut dem Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung fehlen in Sachsen 307 Medizinstudienplätze. Bildrechte: dpa

Eines Tages als Hausarzt zu arbeiten, das kann sich Konstantin Willkommen gut vorstellen. Er ist 27 und spricht für den Fachschaftsrat Medizin der Technischen Universität Dresden: "Den Teil der Primärversorgung, den finde ich schon sehr spannend. Diesen Erstkontakt, diese Management-Funktion. Wie man den Patienten dann handhabt." Damit ist er gefragt, denn Hausärzte werden gerade auf dem Land immer weniger.

100 neue Studienplätze

Sachsens Staatsministerin für Soziales und Verbraucherschutz Barbara Klepsch.
Der Vorschlag von Klepsch stößt auf Kritik. Bildrechte: Staatsministerium/Christian Hüller

Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch von der CDU will das etwa mit einer Landarztquote ändern und 100 Studienplätze mehr schaffen. Medizinstudent Willkommen ist da skeptisch. "Wenn wir jetzt mehr Studienplätze haben – und das werden dann Ärztinnen und Ärzte: Gehen diese Leute dann ins Erzgebirge, Vogtland, in den Raum Görlitz oder so? Werden die sich da niederlassen? Oder aber bleiben die dann trotzdem in Dresden und in Leipzig. Da gibt es auch offene Stellen, die sie dann besetzen können. Warum soll man dann aufs Land gehen?"

Oder überhaupt in Sachsen bleiben? 560 Mediziner studieren pro Jahrgang. Aber nur etwa die Hälfte der Absolventen bleibe im Freistaat, bestätigt das Gesundheitsministerium. Dass es deshalb bald mehr Studienplätze geben könnte, findet Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung in Sachsen, sinnvoll – fügt aber an: "Selbst, wenn das alles klappt, dann wird es eine Durststrecke geben."

Jeder dritte Arzt über 60

Momentan ist ein Arzt in Sachsen im Schnitt 54 Jahre alt. Fast jeder dritte Hausarzt ist 60 Jahre oder älter. Diese Zahlen teilte das Gesundheitsministerium MDR AKTUELL auf Nachfrage mit. Wie viele neue Mediziner es bräuchte, um die drohende Ruhestandslücke zu schließen, konnte das Ministerium nicht sagen. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung indes hat den Bedarf durchgerechnet, danach fehlen in Sachsen schon jetzt 307 Medizinstudienplätze. Die 100 Angedachten würden die Lücke also nicht schließen. Ob und wann sie kommen, das ist zudem noch völlig offen.

Für Heckemann von der Kassenärztlichen Vereinigung eine schwierige Lage: "Ich bin zwar für die Sicherstellung der ambulanten ärztlichen Versorgung de jure verantwortlich. Aber wenn es de facto nicht geht, weil ich mir ja keinen Arzt irgendwo selber schaffen kann, dann kann ich nur sagen: Dann wäre meine Verantwortung eigentlich nur die, wenn ich das Problem in der Vergangenheit ignoriert hätte." Er habe den Mangel aber schon vor Jahren angemahnt.

Eine Frage des Geldes

Dass die Bundesländer nicht einfach nach Bedarf ausbilden, liegt vor allem am Geld. Ein Medizinstudienplatz kostet pro Jahr rund 30.000 Euro – BWL etwa nur 5.000. Um die Investition komme man aber nicht herum, sagt Heckemann von der Kassenärztlichen Vereinigung. Sachsen habe längst handeln und auch Anreize für Absolventen schaffen müssen, meint Medizinstudent Konstantin Willkommen – nicht nur finanziell.

"Also die fachärztliche Weiterbildung hat deutlich Potenzial zur Verbesserung. Gleichzeitig könnte auch die Praxisübernahme überarbeitet werden, sodass den Leuten, die ja das Interesse haben sich niederzulassen, die Hürden genommen werden." Für viele Nachwuchsmediziner sei es unattraktiv, aufs Land zu gehen, meint der Student. Das Arbeitspensum schrecke ab und vor allem die Bürokratie.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 02. August 2019 | 06:05 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

8 Kommentare

04.08.2019 11:57 CDU Wählerin 8

unsere med. Personal sollte wie die Beamten seit 2005 Verdienst auf "Westniveau" bekommen um wenigstens med. Versorgung der Bevölkerung anzugleichen

02.08.2019 18:54 Armin C. 7

Um etwas klarzustellen:
Es ist mehr als begrüßenswert und längst überfällig, nach vielen Jahren einer mehr oder weniger intransparenten und bürgerunfreundlichen Sparpolitik in Sachsen,
dass ein Haushalt in diesem Umfang beschlossen wurde.
- Wer jedoch nun wie viel von diesem Geldsegen abkriegt...?
Da ist für wohl Frau Klepsch bei 100 Medizinstudienplätzen das Ende der Fahnenstange erreicht?

Zitat aus "Staatsregierung Sachsen.de:"
{Mit 6,357 Mrd. Euro für 2019 und 6,608 Mrd. Euro für 2020 standen noch nie so viele Mittel für Bildung und Forschung bereit. Damit plant die Staatsregierung unter anderem neue Institute und internationale Wissenschaftskonferenzen nach Sachsen zu holen.}
-
Unglaubliche Summen, das kann man sich kaum vorstellen! Aber irgendwie bekommt man dabei (als kleines Licht, aber zum Steuerzahlen doch gut genug)
das komische Gefühl, dass ein (Groß)-teil dieser (unserer) Gelder
vielleicht nicht so verwendet wird, dass Medizinstudenten, Schülern, Azubis usw. dies in

02.08.2019 18:17 Armin C. 6

"Wie viele neue Mediziner es bräuchte, um die drohende
Ruhestandslücke zu schließen, konnte das Ministerium nicht sagen."
Konnte oder wollte es nicht? - Andere können es sehr wohl: "Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung indes hat den Bedarf durchgerechnet, danach fehlen in Sachsen schon jetzt 307 Medizinstudienplätze."
Im Rekordhaushalt 2019 /2020 (41 Milliarden Ausgaben plant die sächs. Staatsregierung) soll nicht das nötige Geld für diese Plätze vorhanden sein?
(Ironie an: Und auch nicht für "Berater", die vielleicht das leisten sollen, (Ironie aus)
was die Ministerien im Normalfall selbst auf die Reihe bringen müssten?)

02.08.2019 12:18 Ureinwohner 5

In Sachsen fehlen über 300 Medizinstudienplätze Sachsens Gesundheitsministerin Barbara Klepsch von der CDU will das etwa mit einer Landarztquote ändern und 100 Studienplätze mehr schaffen. Kann sie nicht zählen ? Oder werben sie wieder Ärzte aus den Entwicklungsländern ab?

02.08.2019 11:00 H.E. 4

@ 2 NACHDENKER
Meiner Tochter die Krankenhauskinderärztin in TEILZEIT aufgrund auch ihrer 3 Kinder ist, werden permanent Überstunden aufs Auge gedrückt und einfach dann ausbezahlt, obwohl sie vereinbarte, daß sie dafür frei haben möchte. Der Dienst ist häufig am Limit. - Wenn sie nicht an D gebunden wäre aufgrund ihrer Familie, würde sie sofort wieder in die Schweiz gehen, nicht wegen der Bezahlung, sondern hauptsächlich wegen der Arbeitsorganisation. Sie hat dort schon einige Zeit gearbeitet, als sie ihre Familie noch nicht hatte.

02.08.2019 09:12 Wachtmeister Dimpfelmoser 3

Geht doch mal auf's Land - mit ärztlichem Bereitschaftsdienst, um den kaum ein niedergelassener Arzt herumkommt, da er von reinen Privatpatienten auf dem sächsischen Land ohnehin nicht leben kann. Schön, dass da schon die zukünftige CO2-Steuer wie ein Damoklesschwert über den zukünftigen Landärzten schwebt. Jede motorisierte Fahrt (anders wird es kaum gehen) zu Patienten wird sich irgendwann nicht mehr amortisieren durch den modernen Ablasshandel der Staats- und Parteiführung. Dazu keine Schulen mehr im Ort,  kein Laden, keine Post und dergleichen. Wer soll sich denn das antun wollen?

02.08.2019 08:52 Nachdenker 2

Das Ganze ist einfach: die Herren und Damen Medizinstudenten wurden für sehr viel Geld vom Steuerzahler ausgebildet. Da müssen sie für z.B. 5 Jahre nach dem Studium aufs Land verpflichtet werden. Zu DDR Zeiten war das auch so. In die Schweiz, nach GB oder Norwegen abzuwandern nach dem Studium ist chon mehr als dekadent den Steuerzahleren gegenüber, die ohne ärztliche Betreuung da sitzen, aber das Geld für die Ausbildung erarbeiten durften. Wenn die Herren und Damen in Weiß weiter so hofiert werden sitzen sie weiter auf hohen Rössern.

02.08.2019 08:43 Mane 1

Wer soll es machen? Vielleicht die Schüler die keinen Abschluss haben,lieber zu Demo gehen! Oder die Flüchtlinge mit sehr guter Ausbildung.