Kinder im Unterricht
Kinder an einer Schule in Leipzig-Grünau, wo der Migrantenanteil ebenfalls vergleichsweise hoch ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ungleiche Verteilung Lehrer fordern mehr Geld für Schulen mit vielen Migranten

Kinder mit Migrationhintergrund sind an deutschen Schulen sehr ungleich verteilt. Während an vielen Schulen überhaupt keine Schüler nicht-deutscher Herkunft lernen, liegt der Migrantenanteil an anderen Schulen bei über einem Drittel. Der Deutsche Lehrerverband kritisiert dieses Zustand und fordert von der Politik Lösungen. Entweder müssten Schüler umverteilt oder mehr Geld in die Hand genommen werden.

von Theresa Liebig, MDR AKTUELL

Kinder im Unterricht
Kinder an einer Schule in Leipzig-Grünau, wo der Migrantenanteil ebenfalls vergleichsweise hoch ist. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist ein Thema, dass Heinz-Peter Meidinger seit Jahren umtreibt. Schon 2017 warnte der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes vor einer "Ghettoisierung" an Schulen. In den Ballungsräumen verschärfe sich die soziale und ethnische Entmischung. Das habe negative Auswirkungen auf den Unterricht und die Lernergebnisse. Meidinger erinnert an eine PISA-Begleitstudie, die festgestellt habe: "Wenn der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund nicht-deutscher Herkunft über 30 Prozent erreicht, 35 Prozent erreicht, dass dann das Leistungsvermögen der Klasse insgesamt deutlich abfällt."

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach Recherchen von MDR AKTUELL gibt es allein in Erfurt, Magdeburg und Halle sieben Grundschulen, die die Marke von 35 Prozent deutlich überschreiten. An manchen Schulen spricht sogar jeder zweite Schüler nicht fließend Deutsch. An 17 Grundschulen liegt die Quote der Kinder, die Deutsch als Zweitsprache lernen, die sogenannte DAZ-Quote, bei über 25 Prozent.

Große lokale Unterschiede

Die Unterschiede sind vor Ort selbst auf relativ engen Raum enorm. Die als Brennpunkt-Schule bekannte Grundschule Kastanienallee in Halle-Neustadt hat mit 45 Prozent eine der höchsten DAZ-Quoten. In der nur rund vier Kilometer entfernten Grundschule am Ludwigsfeld beträgt der Anteil hingegen lediglich 11,4 Prozent.

Meidinger fordert die Politik seit Jahren auf, aktiv gegenzusteuern: "Aber die Politik hat große Angst, hier einzugreifen." Ihm sei dabei auch schon der Vorwurf gemacht worden, Kinder mit Migrationshintergrund als leistungsschwach zu diskriminieren.

Maßnahmen greifen nicht

Maßnahmen, die bislang ergriffen wurden, scheinen nicht viel zu bewirken. In Sachsen-Anhalt beispielsweise wurde das Landeschulgesetz dahin gehend geändert, dass Kinder mit schlechten oder fehlenden Deutschkenntnissen gleichmäßig auf die Schulen der Stadt verteilt werden können. Ohne Wirkung. Noch immer haben zwei der 36 Grundschulen einen DAZ-Anteil von 45 Prozent. Andere hingegen null.

Soziale Spaltung spiegelt sich an Schulen

Eine weitere Möglichkeit wäre es, das Problem an der Wurzel zu packen. Die Stadtteile in deutschen Städten müssten sich verändern. Marcel Helbig von der Universität Erfurt forscht zu Bildung und sozialer Ungleichheit. Er sagt: "Das Problem ist, dass wir schon seit langen Jahren diese ganze soziale Spaltung der Städte haben, die natürlich Marktgestaltung unterworfen ist." Empfänger von Arbeitslosengeld und Grundsicherung bekämen Wohnungen in sozial benachteiligten Gebieten zugewiesen, weil sie sich nirgendwo anders etwas leisten könnten. Helbig: "Das Gleiche gilt für die Zuwanderer, die ja normalerweise auch nicht gerade zu den reichen Gruppen gehören."

Auch der Sozialwissenschaftler sagt, die Alternative bestünde darin, Kinder nicht dort zu beschulen, wo sie wohnen. Eine zentrale Zwangszuweisung für Schulkinder also, um die soziale Durchmischung an den Schulen zu gewährleisten?

Nachteile finanziell ausgleichen

Für Heinz-Peter Meidinger vom Lehrerverband ist das nur schwer vorstellbar. Er plädiert dafür, Schulen in sozial schwierigen Wohngebieten deutlich besser auszustatten. Hier bräuchte es mehr Lehrkräfte, zusätzlichen Sprachunterricht und Unterstützung durch Sozialarbeiter.

Heinz-Peter Meidinger, Gymnasiallehrer und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes
Heinz-Peter Meidinger, Gymnasiallehrer und Präsident des Deutschen Lehrerverbandes Bildrechte: Heinz-Peter Meidinger

Man muss tatsächlich die Schulen, die einen hohen Migrationsanteil aufweisen, so gut ausstatten, dass diese Schulen auch für deutsche Schüler wieder attraktiv werden.

Heinz-Peter Meidinger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes

Zwar sei Geld nicht immer das alleinige Allheilmittel, aber ohne Zusatzmittel werde da nichts laufen, sagt Meidinger.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Juli 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Juli 2019, 10:55 Uhr

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44 Kommentare

18.07.2019 17:30 Frank von Bröckel 44

Sehen Sie, mit den Migranten hier in Deutschland haben GENAU dieselben Probleme, die wir Deutschen ALLE SELBST(!!) hätten, wenn wir Deutschen SELBST(!!) Ausländer im Ausland sind!

Arbeitet ein Deutscher zum Beispiel mehrere Jahre vorübergehend beruflich in Saudi-Arabien, China oder Thailand, erwartet die dort einheimische Bevölkerung selbstverständlich NICHT, das der deutschstämmige Ausländer sich in deren Gesellschaften perfekt integriert!

Will ein Deutscher allerdings in die o.a. Staaten dauerhaft auswandern, dann können die Einwohner dieser Staaten selbstverständlich auch völlig zurecht erwarten, das diese deutschen Neueinwanderer sich in deren Gesellschaften auch dauerhaft integrieren!

Und für Ausländer in Deutschland ist das nicht anders!

18.07.2019 15:16 Willy 43

na , aus Dresden , warum geben nur die sehr feinen Politiker alle ihre Kinder in Privatschulen weißt du das zufällig ?? und es ist vollkommend richtig eh die Kinder Schulpflichtig werden sollten diese zuerstz etwas an deutsch lernen ansonstem würd dies nie etwas werden das ist eigentlich für jeden normalen bürger logisch , oder ?? und im Elternhaus kann man nicht danach stets in ihrer Heimatssprache reden ??

18.07.2019 13:44 dmehl 42

@ 41 Eija:
Das ist bedauerlich. Man hat leider von Anfang an auf das Konzept nicht leistbarer Integration statt auf das Konzept leistbare Hilfe gesetzt.

18.07.2019 12:02 Eija 41

@dmehl. Eine Bekannte von mir aus Sudan ist eine ausgebildete Lehrerin und wurde von UNO im Flüchtlingslager in Nordafrika beschäftigt. Mit ihrem deutschen Ehemann kam sie nach Deutschland und staunte nicht schlecht, dass ihr jede Möglichkeit beruflich zu tätigen verwehrt blieb. Nicht einmal Flüchtlinge durfte sie lehren. Jetzt hat sie eine zweite Ausbildung fern ab von Pädagogik abgeschlossen. Viele unnötige Probleme schafft die unflexible Bürokratie.

18.07.2019 11:23 Eija 40

Wenn man das Länderranking 2018 für Bildung (INSM Bildungsmonitor) im Internet ansieht, kann man keinen Einfluss von Migrantenanteil und Leistungsniveau in den Schulen erkennen. Die östlichen Bundesländer schneiden sehr unterschiedlich ab, obwohl alle in gleich niedrigem Niveau Migranten vorweisen. Anders ist es bei dem Dynamikranking. Hier schneidet Thüringen und Sachsen-Anhalt besonders schlecht ab und zwar wegen mangelhaften Integrationsbemühungen. Am Besten schneidet hier Saarland ab. Wir reden also tatsächlich nur von einzelnen Schulen in Problemgebieten und keinesfalls von einer allgemeinen nationalen Überforderung.

18.07.2019 09:24 Frank 39

Im Schuleignungstest sollen Erstklässler auch ihre sprachlichen und sozialen Kompetenzen unter Beweis stellen. Also etwa kleine Sachverhalte wiedergeben oder etwas aus ihrem Alltag erzählen. Vorausgesetzt wird auch, dass sie von eins bis zehn zählen, ihren Namen in Druckbuchstaben schreiben und ihre Adresse nennen können. Wird der Schuleignungstest nicht bestanden kann dies zu einer Rückstellungsempfehlung führen. Also frage ich mich, wie das in diesen Fällen gehandhabt wird. Erfolgt hier etwa ein durchwinken, weil man ja in bestimmter Hinsicht nicht "auffällig" werden möchte. Ein Schuleignungstest wird allerdings eben nur für Erstklässler durchgeführt ...

18.07.2019 09:12 dmehl 38

Es ginge eben aber auch anders:
unter den vielen Flüchtlingen sind sicher auch Lehrer.
Diese können die in Klassen zusammengefassten Flüchtlingskinder in ihrer Sprache unterrichten.
Inhalt des Unterrichts sollten die Dinge sein, die diese Kinder nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat benötigen werden.
Unterrichtsräume und -materialien (Stifte, Hefte etc.) können bereitgestellt werden.
Das wäre Hilfe. Was wäre daran falsch ?
Warum werden in ÖR-Medien solche Alternativen nie diskutiert ?

18.07.2019 00:09 aus Dresden 37

Mal schauen, ob Willy was zu dem Thema zu sagen hätte:
"Es aber, meine sehr verehrten Damen und Herren, notwendig geworden, dass wir sorgsam überlegen, wo die Aufnahmefähigkeit unserer Gesellschaft erschöpft ist." (Regierungserklärung vom 18. Januar 1973 im BT)

17.07.2019 22:48 Arbeitende Rentnerin 36

Fakt ist doch, dass es gar nicht das notwendige Personal, Lehrer und Sozialpädagogen gibt, daran wurde jahrelang gespart und einem Seiteneinsteiger kann man Arbeit mit dem Klientel nicht zumuten, das wird nichts, die Leute verzweifeln daran. Man macht die Zukunft unserer Kinder kaputt, gerade die, deren Eltern trotz Arbeit nicht so wohlhabend sind, müssen die ganze Last tragen und wir als Bezahler dazu, kein anderes Land fährt seine eigene Zukunft mit voller Absicht gegen die Wand. Und Manni, 28 hat natürlich recht, deshalb müssen immer mehr Rentner arbeiten, z.B. um die Medikamente zu bezahlen, soll das für immer mehr die Realität sein. Unsere Gäste sollten sich erst mal durch eigene Arbeit integrieren, dann klappts auch mit der Sprache, man muss es wollen.

17.07.2019 22:14 susanne an Mustermann (34) 35

"Und wenn das Elternhaus nicht positiv auf unsere Gesellschaft eingestellt ist, können wir uns das alles sparen. Das ist Perlen vor die Säue."

In diesem Punkt gebe ich Ihnen Recht. Das Gefühl "wenn das Elternhaus nicht positiv auf unsere Gesellschaft eingestellt ist, können wir uns das alles sparen." beschleicht mich auch bei manchem meiner deutschen Mitbewohner.