Nach MP-Wahl in Thüringen Linke, SPD & Grüne gewinnen Mitglieder dazu, FDP verliert

Seit der Wahl Thomas Kemmerichs zum Ministerpräsidenten Thüringens gibt es viel Kritik an der FDP, vor allem an der Person Kemmerich. Die Abstimmung ist jetzt knapp zwei Wochen her und es zeigt sich, dass die anderen Parteien vom Wahl-Eklat profitieren: In der Woche nach der Wahl haben überdurchschnittlich viele Menschen einen Mitgliederantrag für die Linke, die Grünen und die SPD ausgefüllt. Wie sieht es bei den anderen Parteien aus?

von Barbara Butscher, MDR AKTUELL

Kugelschreiber der großen Parteien
Die Wahl in Thüringen hat für die Parteien Folgen. Auch, was die Mitgliederzahlen angeht. Bildrechte: imago/Christian Ohde

Die Linke in Thüringen kann sich vor Anträgen kaum retten: Ungefähr 120 Mitglieder sind innerhalb weniger Tage in den Landesverband eingetreten. Das sind so viele wie 2018 in einem ganzen Jahr, sagt Holger Hänsgen, Schatzmeister der Partei.

Zusammenhang mit Wahl-Debakel in Thüringen?

Dass dieser – verhältnismäßig große – Mitgliederzuwachs in Verbindung mit der Wahl Kemmerichs zum Ministerpräsidenten in Thüringen steht, ist für ihn sehr wahrscheinlich: "Ein Grund wird bei der Eintrittsmeldung ja nicht angegeben. Aber es ist eindeutig eine Beziehung herzustellen, zwischen der Nicht-Wahl Bodo Ramelows beziehungsweise der Wahl Kemmerichs mit Hilfe der AfD-Stimmen und den Eintrittszahlen."

Auch SPD und Grüne gewinnen Mitglieder dazu

Als Nutznießer der politischen Ereignisse in Erfurt gehen auch die SPD und allen voran die Grünen aus der Sache: Michael Kellner ist politischer Bundesgeschäftsführer von Bündnis 90/Die Grünen. Er sagt, seine Partei habe, trotz des ohnehin schon bestehenden großen Interesses der letzten Jahre, in den wenigen Tagen einen Anstieg gespürt.

Es seien rund dreimal so viele Menschen in die Partei eingetreten wie in normalen Wochen. "Ganz, ganz oft, höre ich einen Satz: Ich habe mich euch schon lange verbunden gefühlt. Ich habe euch schon länger gewählt. Und jetzt bin ich eingetreten, weil ich mich engagieren will – für Klimaschutz, für Weltoffenheit."

Politikwissenschaftler: "Bestimmte Ereignisse motivieren"

Ähnlich ordnet auch der Politikwissenschaftler Hans Vorländer von der TU Dresden den großen Schwung an neuen Mitgliedern für die Parteien ein: "Es gibt einfach bestimmte Ereignisse, wie jetzt auch in Thüringen, die motivieren dann eben, sich politisch zu engagieren – und das nicht nur ab und an, sondern tatsächlich auch den Beitritt zu einer Partei zu vollziehen, mit der man sich früher schon identifiziert hat, um sie dann auch tatkräftig zu unterstützen."

Überdurchschnittlich viele Austritte bei der FDP

Die CDU und AfD konnten auf Anfrage keine vollständigen Zahlen für Mitteldeutschland nennen. Bei der FDP zeigt sich unterdessen in allen drei Bundesländern Bewegung: In Thüringen gibt es zwar Austritte, aber mehr Eintritte. In Sachsen-Anhalt und Sachsen überwiegen die Abgänge bei der FDP, bleiben aber im einstelligen Bereich.

Philipp Hartewig ist stellvertretender Landesvorsitzender der FDP Sachsen, die im mitteldeutschen Vergleich parteiübergreifend die meisten Mitglieder verliert. Hartewig möchte die Zahlen nicht überinterpretieren: "Ja, es ist leicht höher, aber jetzt auch keine Zahl, die uns verunsichert. Bei über 2.000 Mitgliedern, da gibt es immer eine gewisse Schwankung. Allerdings glaube ich schon, dass es überproportional viele in der Woche waren."

Anders als bei Eintritten wird beim Verlassen einer Partei oft ein Grund genannt. Bei der FDP in Sachsen wurde dabei die Annahme Hartewigs bestätigt: Als Begründung für den Austritt sei einige Male der Wahl-Eklat um den Thüringer Kollegen Thomas Kemmerich genannt worden.

Eintritte bei Parteien in Mitteldeutschland
  Thüringen Sachsen Sachsen-Anhalt
CDU k. A. k. A. 9
SPD 20 18 13
Die Linke 120 55 14
Bündnis 90/Die Grünen 26 34 11
AfD k. A. 30 6
FDP 16 1 2-3

Die Zahlen der Ein- und Austritte beziehen sich auf den Zeitraum zwischen der Wahl Thomas Kemmerichs zum Ministerpräsidenten in Thüringen am 5. Februar und dem 14. Februar 2020.

Austritte bei Parteien in Mitteldeutschland
  Thüringen Sachsen Sachsen-Anhalt
CDU k. A. k. A. 9
SPD 0 k. A. 0
Die Linke 0 1 3
Bündnis 90/Die Grünen 0 4 0
AfD k. A. 2 0
FDP 8 9 7

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. Februar 2020 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2020, 05:00 Uhr

32 Kommentare

Copper vor 7 Wochen

Ja, habt ihr in der Tabelle. 16 Eintritte und 8 Austritte bei der FDP Thüringen laut Parteigeschäftsstelle. So lest ihr also die Beiträge vor der Freischaltung?

Peter vor 7 Wochen

Lieber Udo, lesen Sie bitte noch mal unter https://www.mdr.de/nachrichten/politik/inland/afd-thueringen-strategie-analyse-100.html nach, dann wissen Sie, was die AfD vorhat bzw. wie sie diese Ziele erreichen will.

Peter vor 7 Wochen

Lieber MDR, die Mühe, auf Fakten hinzuweisen, ist bei dem User Udo hoffnungslos.
Wenn man in einer Blase steckt, an nichts mehr zu glauben, werden alle Fakten erst mal angezweifelt.