Pflegedienstchef Stefan Mehlis vor der Ahnengalerie im Büro
Pflegedienstleiter Stefan Mehlis steht in seinem Büro vor Fotos seiner Mitarbeiter. Er weiß genau, was sie leisten müssen. Bildrechte: MDR/Julia Kastein

Herausforderung für die Politik Sachsen braucht bis zu 5.000 Pflegekräfte

In Sachsen fehlen Pflegekräfte. Das macht sich vor allem in den ländlichen Regionen bemerkbar. Die zuständige Enquete-Kommission im Dresdner Landtag hat konkrete Zahlen ermittelt und MDR AKTUELL schon vorab mitgeteilt. So wird der Bedarf an zusätzlichen Pflegekräften im Freistaat bis 2030 zwischen 2.500 und 5.000 liegen. Wie will die Politik das Problem lösen?

Pflegedienstchef Stefan Mehlis vor der Ahnengalerie im Büro
Pflegedienstleiter Stefan Mehlis steht in seinem Büro vor Fotos seiner Mitarbeiter. Er weiß genau, was sie leisten müssen. Bildrechte: MDR/Julia Kastein

In den Städten fehlen Pflegekräfte. In den ländlichen Regionen ist der Mangel jedoch noch größer. Lange Wege zwischen den Patienten machen es den Pflegediensten schwer, Geld zu verdienen und ihr Personal ordentlich zu bezahlen. Der Pflegedienst Mehlis stellt sich dieser Herausforderung trotzdem schon seit 1995. Die Mitarbeiter machen auf viele Probleme aufmerksam.

  • in Plauen gibt es nur 20 Pflegedienste, im umliegenden Vogtlandkreis ist das Angebot dünner
  • die durchschnittliche Anfahrtszeit darf maximal sieben Minuten betragen, sonst wird der Betrieb unwirtschaftlich
  • Pflegekräfte werden schlechter bezahlt als Kindergärtner


Politik will schnell handeln

Viele Pflegebedürftige, wenig Pflegekräfte. So stellt sich die Situation in kleinen Orten also dar. Was kann die Politik dagegen tun? Beim Thema Pflege im ländlichen Raum gibt es wohl keinen Aspekt, mit dem sich Oliver Wehner nicht intensiv auseinander gesetzt hat.

Der CDU-Politiker aus Pirna ist Chef der Enquetekommission zur "Sicherstellung der Versorgung und Weiterentwicklung der Qualität in der Pflege älterer Menschen im Freistaat Sachsen". Die tagt schon seit 2015 und legt Ende des Jahres die Ergebnisse vor. Aber Wehner ist klar, dass die Zeit drängt.

Das ist jetzt am Scheideweg. Wenn man jetzt den Zustand so lässt wie er ist, dann wird es zu wenig Personal geben. Deshalb muss da dringend etwas gemacht werden.

Oliver Wehner | CDU-Politiker

Zahl der Pflegebedürftigen sprunghaft gestiegen

Allein die AOK plus, Sachsens größte Pflegekasse, versorgt im Freistaat derzeit 134.000 Pflegebedürftige. Deren Zahl sei seit 2017 um 25.000 Menschen sprunghaft angestiegen. Grund sei die Umstellung des Systems von Pflegestufen auf Pflegegrade, erklärt Ingo Kästel von der AOK Plus. Pflegegrad 1 und damit Anspruch auf eine erste minimale Versorgung bekommen nun auch schon Patienten mit relativ geringen Einschränkungen.

Noch könne man die Versorgung der Patienten gewährleisten. Auch wenn es in manchen Regionen auf dem Land eng wird: "Im Erzgebirge wird es schon etwas schwieriger und natürlich in der Oberlausitz. Dort wird auch die Bevölkerungsdichte weniger. Das gesamtgesellschaftliche Problem, das wir infrastrukturell haben, hat natürlich auch Auswirkungen auf die Pflege."

Tarifvertrag gegen Fachkräftemangel?

Rund 40.000 Menschen arbeiten derzeit in der Pflegebranche in Sachsen, vor allem im ambulanten Bereich. Denn gut 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt. Das betrifft vor allem die Menschen auf dem Land. Deren Zahl wird weiter steigen. Deshalb braucht der Freistaat bis 2030 zwischen 2.500 und 5.000 zusätzliche Pflegekräfte.

Das hat die Enquete-Kommission ermittelt, wie Chef Wehner MDR AKTUELL schon vorab verrät. Aber wo sollen diese Fachkräfte herkommen? Ganz wichtig sei natürlich eine bessere Bezahlung. Da macht Wehner einen Vorschlag, der früher für einen CDU-Politiker fast undenkbar war: Er plädiert für einen allgemeinverbindlichen Tarifvertrag.

Es gibt Pflegeanbieter, die bezahlen ihren Mitarbeitern ein sehr gutes Gehalt. Es gibt aber auch Bereiche, wo man schwer damit auskommt. Da muss man sich als Politiker fragen, ob es nicht günstiger wäre, so einen einheitlichen Tarifvertrag zu machen. Das ist das letzte Mittel, das die Politik hat. Ich bin da auch sehr zögerlich damit. Aber wenn es nötig ist, dann muss man das auch so machen.

Oliver Wehner | CDU-Politiker

Erhöhung der Pflegeversicherung erforderlich

Bislang gilt für die Pflegebranche nur ein Mindestlohn von jetzt 10,05 Euro in Ostdeutschland. Bei einer 40-Stunden-Woche verdient man so rund 1.600 Euro Brutto im Monat. Wo jetzt schon Tarifabschlüsse gelten, sind die Gehälter höher. Außerdem werden in einem Tarifvertrag auch Urlaub, Arbeitszeit und Arbeitsbedingungen geregelt.

Auch AOK-Plus-Experte Kästel hält eine einheitliche und bessere Bezahlung für eine gute Idee, um den Fachkräftemangel auf dem Land zu bekämpfen: "Ich glaube, es würde Druck aus dem System nehmen. Aber das ist eben nur eine Seite der Medaille. Es muss auch irgendwie bezahlt werden."

Schon jetzt ist eine Erhöhung der Pflegeversicherung um 0,3 Prozent im Gespräch. Doch die werde nur reichen, um das bisherige Defizit aufzufangen. Sie reicht nicht, um zusätzliche Pflegekräfte zu finanzieren.

So verteilen sich die Pflegedienste in Sachsen
Region Ambulante Pflegedienste Pflegebedürftige ambulant Patient pro km²
Chemnitz, Stadt 57 2.799 12,6
Erzgebirgskreis 113 5.481 2,9
Mittelsachsen 95 4.050 1,9
Vogtlandkreis 80 2.615 1,8
Zwickau 101 4.463 4,7
Dresden, Stadt 107 4.656 14,1
Bautzen 76 3.890 1,6
Görlitz 81 4.647 2,2
Meißen 66 3.491 2,4
Sächsische Schweiz-Osterzgebirge 56 2.826 1,7
Leipzig, Stadt 112 5.317 17,8
Leipzig 69 2.932 1,77
Nordsachsen 55 2.436 1,2
Sachsen 1.068 18.416 2,7

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. Juni 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2018, 05:00 Uhr

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9 Kommentare

15.06.2018 07:15 Amgehöriger 9

Die Problemlagen wird nur unzureichend diskutiert. Es muss unterschieden werden zwischen was muss akut gemacht werden und was kann mittelfristig unternommen werden. Akut müssen wohl irgendwoher 5000 Leute kommen die es nicht gibt. Also keine Ahnung. Mittelfristig muss das Einkommen der Pflegekräfte deutlich steigen. Das ist überhaupt keine Frage. Außerdem müssen sich die Arbeitsbedingungen drastisch verbessern. Und hier sollten die Verantwortlichen konkret werden. Wie viel verdient man in Zukunft und wie sieht die Arbeit aus.

14.06.2018 17:05 Markus 8

@6 mattotaupa - solange unsere Beiträge für Pflege- und Krankenversicherung vom Staat bestimmt bleiben, darf man nicht behaupten, alles sei die Sache von privaten Firmen. Hier hat der Staat vieles in Händen. Hauptsache, der Staat wollte das machen, was leider kaum stimmt.

14.06.2018 15:28 zeitgeist 7

Ob der Herr auf dem Foto " Pflegedienstleiter" auch ohne wenn und aber nur mit der Hand und Tuch Scheiße oder Blut vom Boden wegwischt?
Ich habe damit kein Problem !
So und nun veröffentlicht den ersten Kommentar !

14.06.2018 15:04 mattotaupa 6

@#2: sind pflegedienste behörden oder private unternehmen? wenn der staat privaten firmen ernsthaft gehälter diktiert, ist der aufschrei noch größer als beim minimalkonsens zum mindestlohn. was sind sie bereit privaten firmen für pflegeleistung zu bezahlen? @#3: art 3 gg ist ihnen also ein dorn im auge? man kann gerne das asylverfahren effektiv gestalten aber wer nunmal anerkannt wird, der darf auch sozialleistungen beziehen. die zufällig hier erfolgte geburt ist keine sonderlich erhebende leistung. warum ist die pflege der älteren generation in ihren augen eigentlich eine staatliche aufgabe? warum sollte z.b. ein selbst. deutscher steuervermeider oder steuerflüchteline mehr anrecht auf pflege haben als z.b. ein pakistanischer pizza-fahrer mit mindestlohn oder der vietnamese vom asia-imbiß, der letztens sein 25jähriges bestehen feierte, oder die polin, die 1988 den brandenburger heiratete und sich erst aufm feld und dann in der pflege den rücken ruinierte?

14.06.2018 13:40 Na so was 5

"Politik will schnell handeln", ich habe im Artikel leider keinen Namen eines Politikers gefunden, der das so gesagt haben soll. Das hätte mich auch gewundert, wer bürgt schon mit seinem Namen für so eine Mißwirtschaft im Pflegebereich. "Gut 70% der Pflegebedürftigen werden zu Hause betreut". Das bedeutet, das ein Familienmitglied entweder gar nicht oder nur verkürzt arbeiten kann. Das kann keine Lösung sein. Allerdings, neue Alten- und Pflegeheime, wie und wann sollen die gebaut werden, wir kommen schon mit Schulen und Kindergärten nicht hinterher. Für ein angeblich "so reiches Land wie Deutschland " ist das ein Armutszeugnis hoch 3.

14.06.2018 13:22 Gaihadres 4

@MDR: Unterscheiden Sie bitte Begrifflich endlich zwischen Kranken- und Altenpflege. Dahinter stehen zwei unterschiedliche Sozialversicherungen! Die Gelder aus denen sich also die Gehälter letztlich speisen stammen aus zwei unterschiedlichen Töpfen. Pflege ist nicht gleich Pflege. @Nr.1-3: Wieder Kommentare mit viel Meinung und ohne Fachwissen. Es geht hier um Probleme der Sozialversicherung und nicht um Steuergelder. Wenn eine Sozialversicherung nicht alleine Tragfähig ist, dann muss der Beitragssatz rauf. Steuergelder können nur kurzfristige Zeiträume überbrücken. Dieser Stuss zu Asylsuchenden war ja zu erwarten - das ist nicht Diskussionswürdig. Es lenkt wieder einmal nur vom Thema ab. Das Kernproblem ist und bleibt die Finanzierung. Höhere Löhne bringen im übrigen gar nichts, wie ich aus erster Hand sagen kann (Tarifgebunden) - die Zahl der offenen Stellen ist etwa gleich groß. Das einzige wirksame Mittel wäre ein soziales Pflichtjahr für alle Bürger unabhängig ihres Alters.

14.06.2018 10:01 Burghard Jenert 3

Die Pflege betrifft zum größten Teil die ältere Generation, die dieses Land aufgebaut und zu wirtschaftlicher Stärke geführt haben. Es ist ein Armutszeugnis der verantwortliche Politiker der großen Koalition, allen voran der Bundeskanzlerin und dem verantwortlichen Ministerien, dass für diese Aufgabe kein Geld vorhanden ist und der Beitrag der Pflegeversicherung erhöht werden soll. Bevor Asylsuchenden und Migranten der Anspruch auf Sozialleistungen in Höhe des Hartz IV Regelsatzes gewährt wird (hier scheinen ja die finanziellen Steuermittel unbegrenzt zu sein), sollte das Geld für die Menschen aufgewendet werden, die durch ihre Lebensleistung unsere Politiker erst in die Lage versetzt haben, solche fraglichen Wohltaten mit der Gießkanne auszuschütten.

14.06.2018 09:25 Markus 2

Wenn Sachsen wirklich Pflegekräfte dringend braucht, so gibt es nichts einfacher. Lohn und Arbeitsbedingungen spürbar besser als in Nachbarländern machen - und Menschen kommen nach Sachsen. Haben die Minister das nicht kapiert?

14.06.2018 08:25 SabineSorglos 1

Nanu?! Merkel hat doch hunderttausende von Fachkräften ins Land geholt?! EU, Kirchen, Arbeitgeber, Medien usw waren begeistert. Waren das nicht die richtigen? Kann mir das mal einer erklären?

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