Stühle stehen auf einer Schulbank in einem leeren Klassenraum.
Trotz akuten Lehrermangels kommen viele Bewerber nicht zum Zuge. Doch warum ist das so? Bildrechte: dpa

Bewerbung als Lehrer Wer entscheidet über Quereinsteiger an Schulen?

Ohne Seiteneinsteiger sähe es momentan schlecht an sächsischen Schulen aus. Die Not ist groß, ausgebildete Lehrer fehlen. Jeder zweite neueingestellte Lehrer ist Seiteneinsteiger. Und trotzdem kommen lange nicht alle Bewerber mit Hochschulstudium zum Zug. Als Begründung wird Betroffenen oft gesagt, sie hätten nur ein Fach. Ein Hörer, der anonym bleiben möchte, fragt: Warum darf zum Beispiel ein Chemiker nicht auch Mathe unterrichten, wenn er mehrere Semester höhere Mathematik belegt hat?

von Regine Förster, MDR AKTUELL

Stühle stehen auf einer Schulbank in einem leeren Klassenraum.
Trotz akuten Lehrermangels kommen viele Bewerber nicht zum Zuge. Doch warum ist das so? Bildrechte: dpa

Der erste Teil der Frage sei schnell beantwortet, sagt Roman Schulz, Sprecher der Landesämter für Schule und Bildung in Leipzig und Chemnitz. Die Mitarbeiter, die über die Einstellung der Seiteneinsteiger entscheiden, "sind entweder ausgebildete Juristen, Verwaltungsmenschen mit entsprechender Ausbildung, teils mit einer pädagogischen Hochschulausbildung. Das ist bei uns im Landesamt für Schule und Bildung insgesamt sehr breit gewürfelt."

Damit steht und fällt alles: Credit Points

Ihre vorrangige Aufgabe: Sie vergleichen im Detail die Studienabschlüsse der akademischen Bewerber mit denen der Lehrerausbildung. Da bleibt wenig persönlicher Spielraum. Nur Master haben eine Chance. Am besten, ein Studienfach entspricht einem Unterrichtsfach. Bei einem Chemiker also kein Problem. Allerdings ergibt die Auswertung seiner Credit Points in Mathematik, dass da einiges fehlt, was ein Lehrer braucht, zum Beispiel Geometrie. Ein zweites Fach wird dem Bewerber deshalb nicht anerkannt. "Wir trennen auch nicht in der Ausbildung zwischen Erst- und Zweitfach", erklärt Schulz. Beide seien gleichberechtigt. "Da haben wir vergleichbare Anforderungen. Das kann ich für Sachsen sagen und das ist gut so."

Chemiker müssten für Mathe nochmal zur Uni

Im konkreten Fall könnte der Seiteneinsteiger in der Schule anfangen, müsste aber für einen vergleichbaren Lehrerabschluss ein zweites Fach nachstudieren. Roman Schulz betont, dass Sachsen nicht bereit ist, die Qualitätsstandards der Lehrerbildung zu unterlaufen. Auch wenn andere Bundesländer da großzügiger seien. Einen besonders langen Weg zum Lehrer haben diejenigen vor sich, deren Studienfach Gewässerökologie, Ernährungswissenschaft oder Museologie lautet. Hier müssen noch zwei Fächer an der Uni nachgeholt werden. Das trifft aber auch auf Erziehungswissenschaftler oder Sozialpädagogen zu.

Praxis mit Kindern wird oft nicht angerechnet

Ein Frau steht im Grünen
Ursula-Marlen Kruse Bildrechte: MDR/Cindy Baumgart

Ursula-Marlen Kruse, die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Sachsen kritisiert, dass pädagogische Vorkenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit Kindern und Jugendlichen bei der massenhaften Sichtung der Bewerber keine Rolle spielen und nur mechanisch Credit Points verrechnet würden: "Wichtiger wäre mir eigentlich, dass man mit den Seiteneinsteigern in Ruhe redet. Was hat man sich vorgestellt, warum glaubt man, dass man geeignet ist. Und es gibt ja auch standardisierte Verfahren, wo man mitbekommt, wie jemand persönlich für diesen Beruf geeignet ist."

Ohne Pädagogik und Didaktik - viele Quereinsteiger verzweifeln

Jeder siebente Seiteneinsteiger gibt auf, vor allem weil ihm pädagogisches Rüstzeug fehlt. Daran ändert auch ein dreimonatiger Crash-Kurs vor Schuleintritt nichts. Erst nach der Fachausbildung, also oft Jahre später, steht im Referendariat wieder Pädagogik und Didaktik auf dem Plan. Und das angesichts wachsender Aufgaben, wie Inklusion und Integration von Migrantenkindern. Nico Leonhard, an der Universität Leipzig mit der Ausbildung von Seiteneinsteigern beschäftigt, meint, dass da natürlich eine besondere Herausforderung bestehe, die pädagogisch zu bewältigen sei und nicht nur rein fachlich. Die falsche Schwerpunktsetzung könnte Langzeitfolgen haben, befürchtet der Erziehungswissenschaftler.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. September 2018 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. September 2018, 05:00 Uhr

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1 Kommentar

10.09.2018 09:45 Wachtmeister Dimpfelmoser 1

So ziemlich alles hätte ich vor 28 Jahren für möglich gehalten - aber nicht, eines Tages einen solchen Artikel lesen zu müssen.