"Vertrauensperson" statt "Vertrauensmann" Sachsen führt geschlechterneutrale Sprache in Gesetzen ein

Die sächsische Staatsregierung wird Gesetze und Rechtsverordnungen künftig nur noch in geschlechtergerechter Sprache formulieren. "Längst überfällig", sagen die einen, "das ist doch Quatsch", sagen die anderen.

Auf einem Holztisch liegen ein deutsches Gesetzbuch, ein weißer Zettel und eine rote Richter-Mütze nebeneinander.
Auch in Gesetzestexten wird in Sachsen auf eine geschlechtsneutrale Sprache geachtet. Bildrechte: IMAGO

Katja Meier, Sachsens grüne Justiz- und Gleichstellungsministerin, will Gleichberechtigung, auch auf dem Papier. Die Ministerin sagt: "Mit einer geschlechtergerechten Sprache wird eine andere Sicht auf die Welt  geschaffen, in der Männer eben nicht nur die prototypische Erstbesetzung sind."

Richter, Minister, Staatssekretär: Bislang wird in Gesetzen und Rechtsverordnungen im Freistaat in der Regel die männliche Form verwendet. Kein haltbarer Zustand, sagt auch Susanne Köhler. Sie ist Chefin des Deutschen Juristinnenbundes in Sachsen und des Landesfrauenrates.

Beide Institutionen hätten zum sogenannten generischen Maskulinum schon lange eine Meinung: "Nämlich, dass das 'mit gemeint' doch diskriminierend ist," so Susanne Köhler.

Dass die weibliche Form "mit gemeint ist", dieser Hinweis taucht häufig in Fußnoten von Texten auf, in denen nur die männliche Form verwendet wird. Das Argument für eine geschlechtergerechte Sprache: Frauen und Menschen, die sich keinem Geschlecht zuordnen wollen oder können, sichtbarer zu machen.

Wie das Sprechen das Denken beeinflusst

Susanne Köhler vom Deutschen Juristinnenbundes in Sachsen sagt: "Man kann das an sich selber testen, wenn man Nachrichten hört und immer alles nur über männliche Sprache hört, dass man sich dann oft auch gar keine Frauen vorstellt und wir damit auch keine weiblichen Vorbilder bekannt machen."

Oliver Bär vom Verein Deutsche Sprache nennt das "eine lobenswerte Absicht". Aber die Rechtssprache dürfe nicht noch komplizierter werden.

Außerdem warnt Oliver Bär davor, die Sprache zu verballhornen: "Was schon in Rechtstexten steht: Radfahrende und Autofahrende. Der Bürger empfindet das als lächerlich und das ist gefährlich. Denn an sich sollte er die Rechtstexte ernst nehmen und nicht darüber schmunzeln."

Das sogenannte Binnen-I kommt nicht in die Gesetze

Denn Radfahrende seien eben nur genau in dem Moment Radfahrende, in dem sie Rad fahren. Entwarnung für die Sprachpuristen: Radfahrende oder auch Richtende wird es künftig in sächsischen Normtexten ebenso wenig geben wie RichterInnen, sprich: mit dem sogenannten Binnen-I.

Radwege
Radfahrende, Radfahrer*innen, Radfahrer oder RadfahrerInnen? Bildrechte: imago images/Sven Simon

Auch der Gendergap oder das Gendersternchen werden sich nicht von nun an in Sachsen ausbreiten. Denn die Staatsregierung orientiert sich am Handbuch der Rechtsförmlichkeiten. Diese Bürokratiebibel setzt vor allem auf geschlechtsneutrale und dudenverträgliche Personenbezeichnungen: "Vertrauensperson" statt "Vertrauensmann", "Teilzeitkraft" statt "Mitarbeiter in Teilzeit".

Aus Sicht von Volker Dringenberg, Sprecher für Verfassung und Rechtspolitik der sächsischen AfD-Fraktion, ist der Vorstoß der grünen Justizministerin nicht mehr als "hysterischer Aktionismus", "der das berechtigte Anliegen nach Gleichberechtigung von Mann und Frau keinen Deut weiter bringt."

Jetzt alle neuen Normtexte geschlechtergerecht zu formulieren, würde außerdem eine Zweiklassengesellschaft etablieren. Dringenberg sagt: "In gute, weil gegenderte und schlechte, weil nicht gegenderte, alte Gesetze. Das ist absurd."

Oliver Bär vom Verein Deutsche Sprache meint wie Dringenberg, dass die Gesellschaft nicht wesentlich gleichberechtigter wird, wenn sich die Sprache in den Gesetzen ändert. Trotzdem geht Oliver Bär einen Schritt auf die zu, die Sprache gerechter machen wollen:

Wenn Friede einkehren kann im Sprachbereich, dann können wir uns ruhig bemühen, das so zu machen.

Oliver Bär Verein Deutsche Sprache
Nicole Thomas und Julia Ryssel verabreden sich vorm Erotikmarkt sprechen über Frauen und die Liebe. 30 min
Nicole Thomas und Julia Ryssel verabreden sich vorm Erotikmarkt sprechen über Frauen und die Liebe. Bildrechte: MDR/SINN Filmproduktion GbR

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 14. Juli 2020 | 05:00 Uhr

70 Kommentare

Maria A. vor 3 Wochen

Ja, praktisch ist weniger Entgegenkommen spürbar. Was soll also dieses schriftliche Honigpinseln? Als würde der Ausdruck das innere Bild verändern. Beim Radfahrer sehe ich nicht unbedingt einen Mann vor mir, denn Frauen auf dem Rad sind genauso unterwegs. Das gleiche auch, wenn vom Autofahrer die Rede ist. Ich habe mich noch nie benachteiligt gefühlt, wenn man von Bürgern und Rentnern schrieb, nicht extra noch von Brügerinnen und Rentnerinnen. Wie wenig sonstige Aufgaben oder Beschäftigungen müssen Menschen haben, die sich auf derartige Krümelkackerei fokussierten und uns allen damit überflüssige Kosten verursachen? Denn es wird dafür wieder Geld verbraucht, was woanders fehlen wird.

Felix vor 3 Wochen

Es ist nichts anderes als die Zerstörung der Sprache. Wer rein vom Artikel auf das biologische Geschlecht schließt, hat die deutsche Sprache einfach nicht verstanden. Mit Gleichberechtigung hat das nichts zu tun und hilft dieser auch keinen Deut weiter. Und wie unlogisch ist es, wenn man schon dem Wahn verfallen ist, vom Artikel auf das biologische Geschlecht zu schließen, dass man nun z.B. "Vertrauensperson" und "Teilzeitkraft" verwendet und meint, damit wären eher alle gemeint als bei "Vertrauensmann" und "Mitarbeiter". Schon hier sollte man eigentlich feststellen können, dass grammatikalisches Geschlecht und biologisches Geschlecht zwei Paar Schuhe sind. Es geht mir jetzt aber nicht um diese zwei Beispiele, sondern generell um den Genderwahn.

Chemnitzer vor 3 Wochen

Bernd1951: Richtig. Alles nur ein Feigenblatt. Da kommt Zynismus
bei mir auf. Solche Kinkerlitzchen müssen wir nun nach 30 Jahren ertragen. Haben die nicht anderes zu tun?