Bewegungsmangel Kritik an kürzerem Sportunterricht in Sachsen

Zwischen Mathe- und Chemieunterricht sich mal richtig auspowern – auch dafür ist der Sportunterricht eine gute Gelegenheit. Doch in Sachsen wurde dem Sportunterricht ab diesem Schuljahr in manchen Klassenstufen eine Stunde weggenommen. Der Sportlehrerverband aber auch die Wissenschaft kritisieren die Kürzungen scharf.

von Thomas Matsche, MDR AKTUELL

Schulkinder der Vorstadt-Grundschule Strausberg nehmen an dem Projekt «Sport ohne Akkord» vom Kreissportbund Märkisch-Oderland e.V. teil, das von Ursula Bethke geleitet wird.
Körperwahrnehmung und soziales Miteinander werden laut Sportwissenschaftlern beim Sportunterricht vermittelt. Bildrechte: dpa

Montags, 7:45 Uhr, in der Sporthalle des Leipziger Heisenberg-Gymnasiums. Schüler der 7.Klasse sprinten übers gelbe Parkett. Es ist die Aufwärmrunde für eine Stunde Sportunterricht. Noch eine weitere Stunde steht für die Kinder in der Woche auf dem Plan. Die dritte Stunde, die früher 14-tägig am Freitag stattfand, ist ab diesem Jahr vom sächsischen Kultus jedoch gestrichen worden.

Paul Döring findet die Kürzungen skandalös. Der 38-Jährige ist Sportlehrer am Heisenberg-Gymnasium und sitzt auch im Vorstand des sächsischen Sportlehrerverbands. Insgesamt sind sechs Sportstunden an Sachsens Schulen wegfallen, erklärt Döring. "Das heißt ganz konkret in der vierten Klasse Grundstufe wurde eine Sportstunde weggenommen, am Gymnasium in der siebten Klasse eine Sportstunde." Am stärksten betroffen sei die Oberschule. Dort seien den Klassenstufen sieben bis zehn je eine Wochenstunde weggenommen worden.

Fehlende Lehrer, zusätzliche Fächer

Begründet wurden die Kürzungen mit einer zu vollen Stundentafel. Politische Bildung und Digitalisierung sind in den Schulplan gerückt. Dafür mussten andere Fächer weichen. Doch gerade wenn Computerarbeit immer wichtiger werde, sollte im Stundenplan ausreichend Platz für Sport und Bewegung sein, findet Paul Döring: "Die Kinder bewegen sich heute im Privaten zu wenig." Weiter sagt er:

Ein Jugendlicher nimmt am Sportunterricht des Kick-Programms, einem Abspeckprogramm für stark übergewichtige Jugendliche teil.
Bewegungsmangel gilt als großes Problem bei Kindern und Jugendlichen. Bildrechte: picture alliance / dpa

Die Schüler haben einen extrem hohen Medienkonsum. Das heißt neben der Schulsitzzeit wird am Nachmittag auch nur gesessen und sich nicht aktiv bewegt. Und da ist das in unseren Augen das völlig falsche Signal dort zu kürzen.

Paul Döring Sächsischer Sportlehrerverband

Sportangebote am Nachmittag

Trotz einer Petition mit 30.000 Unterschriften gegen die Kürzungen hat sich das Land dafür entschieden. Schweren Herzens, wie Wolf-Dietrich Rost, sportpolitischer Sprecher der sächsischen CDU-Fraktion, sagt. Doch es gebe einfach zu wenige Lehrer für den Sportunterricht. Auffangen wolle man nun die fehlenden Stunden durch ein anderes Sport-Angebot. "Deshalb haben wir jetzt mit dem Landessportbund auch eine Vereinbarung abgeschlossen, wo wir die Ganztagsangebote an den Schulen ausbauen können", erklärt Rost. Gemeinsam mit den Sportvereinen sollen an den nachmittagen weitere freiwillige Sportangebote für die Schüler gemacht werden.

Sportwissenschaftlerin unterstützt Lehrer

Das heißt umgekehrt, dass die Schüler an diesen Angeboten nicht teilnehmen müssen. Und nicht nur das könnte zu einem Problem bei dem Ganztagsschulangebot werden, sagt Prof. Heike Tiemann, Sportwissenschaftlerin an der Uni Leipzig. Denn die Frage sei ob mit dem Ganztagsschulangebot auch pädagogisch-didaktische Ziele des Sportunterrichts erreicht werden.

Tiemann hat da ihre Zweifel: "Es geht nicht nur um die Sportart sondern es geht um sehr viel mehr. Um Körperwahrnehmung, soziales Miteinander, es geht um die Gesundheitsperspektive. Um nur einiges zu nennen." Dies alles im im Blick zu haben, gelinge hoffentlich ganz vielen Übungsleitern und Trainer, hofft Tiemann. "Aber durch die grundständige ausgebildeten Sportlehrkräfte können wir die Qualität ganz anders sichern."

Kürzungen bleiben

Immerhin: Weitere Stunden kürzen wolle man ganz sicher nicht, verspricht CDU-Politiker Wolf-Dietrich Rost. Aber an den gegenwärtigen Kürzungen werde sich erst einmal nichts ändern. Das sei auch in Koalitionsgesprächen Konsens gewesen. Ziel müsse es aber sein, künftig wieder mehr Sportunterricht in die Schulen zu bringen. Wann das aber so sein kann, wollte der CDU-Politiker nicht sagen.

Digitaler Unterricht in der Regelschule Warza (Staatliche Regelschule "Nessetalschule" Warza.) 45 min
Digitaler Unterricht in der Regelschule Warza (Staatliche Regelschule "Nessetalschule" Warza.) Bildrechte: MDR/Cine Impuls Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 28. Dezember 2019 | 12:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Dezember 2019, 12:29 Uhr

37 Kommentare

Chemnitzer vor 3 Wochen

Unterschied?
Heute wird das subtiler gemacht. Manipulation auf allen Ebenen, da wählst du dann statt CDU die Grünen oder die Linken.... Lach. Da nehme ich mich nicht aus. Der Manipulation kann sich Niemand wirklich entziehen. Sogar so ein alter Knochen wie ich nicht völlig. Die Genossen in der DDR haben das nur sehr vordergründig gemacht. Ich hoffe jedenfalls auf ein Aufleben von Turnvater Jahn in der Schule. Soviel ich weiss, hatten wir 4 Stunden Sport in meiner Zeit pro Woche.

part vor 3 Wochen

Ja eben, die Lerninhalte sind andere geworden, früher gab es feste Lehrpläne und Schüler mussten nur das Vorgetragene wiederholen. Heute müssen die Schüler teilweise selbst den Unterricht gestalten mit mehr Eigeninitiative und weniger Verantwortung für die Lehrkräfte. Es geht hier aber vordergründig um den Sport, der früher in Freizeitangeboten außerhalb des regulären Unterrichts vermehrt angeboten wurde. Heute haben wir zwar Sportvereine hier und da, doch die kosten Geld, ebenso wie die Mondeintrittspreise zu Schwimmhallen oder Baggerseen. Selbst wenn Schüler sich nach der Schule noch etwas austoben möchten, es bleibt heute eine Frage des Geldes, die kostenlose Bereitstellung des Freizeitangebotes von früher gibt es nicht mehr.

winfried vor 3 Wochen

Chemniztzer, gehe ich recht in der Annahme, und habe ich Sie richtig verstanden, dass Sie in etwa ein, mir widerfahrenes, Erlebnis meinen ?

Ich bin in der DDR aufgewachsen und noch vor dem Mauerbau
"in den Goldenen Westen - geflohen".
Dort angekommen durchlief ich das sog. Notaufnahmeverfahren und bin seitdem Bundesbürger, jedoch ohne Bundeswehr-Erfahrung.

Aus meiner "Vita" ist mir in Erinnerung geblieben:
Im "Osten" hieß es in der Schule (ständig)
"der böse Feind kommt aus dem Westen"
und später im "Westen" heißt es (ständig) bis heute
"der böse Feind kommt aus dem Osten".

Gehirnwäsche hüben wie drüben, das wäre meine Meinung