Ein Obdachloser schläft am 25.10.2013 in einer Fußgängerzone in Dortmund (Nordrhein-Westfalen) eingepackt in Decken und zwischen Plastiktüten auf dem Boden.
Viele Obdachlose fühlen sich in den Notunterkünften der Städte nicht wohl. Deshalb bleiben sie lieber auf der Straße. Bildrechte: dpa

Keine Erhebungen Kritik an fehlender Obdachlosen-Statistik

Die Zahl der Obdachlosen steigt. Das ergeben Schätzungen. Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht. Diejenigen, die in den Notunterkünften schlafen müssen, sind wütend. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe und viele Landespolitiker fordern ein Umdenken.

von Theresa Liebig, MDR AKTUELL

Ein Obdachloser schläft am 25.10.2013 in einer Fußgängerzone in Dortmund (Nordrhein-Westfalen) eingepackt in Decken und zwischen Plastiktüten auf dem Boden.
Viele Obdachlose fühlen sich in den Notunterkünften der Städte nicht wohl. Deshalb bleiben sie lieber auf der Straße. Bildrechte: dpa

Guido Arndt ist einer von vielen wohnungslosen Menschen in Halle. Er ist 48 Jahre alt und sitzt in der Wärmestube der evangelischen Stadtmission in Halle: "Ich lebe auf der Straße. Im März habe ich meine Arbeit gehabt. Dann hat mein Arbeitgeber nicht gezahlt, gar nichts. Seitdem lebe ich auf der Straße, wohne in der Sparkasse."

Hat die Regierung kein Interesse an einer Statistik?

Wie viele Obdachlose es in Deutschland gibt, wird nicht erhoben. Eine Tatsache, die Werena Rosenke, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, folgendermaßen begründet: "Alle Bundesregierungen der letzten Jahre haben offensichtlich kein Interesse daran gehabt, genau wissen zu wollen, wie viele Menschen denn in Deutschland ohne Wohnung leben."

Darum schätzt die Arbeitsgemeinschaft diese Zahl alle zwei Jahre. Die letzte Schätzung ergab: 2016 lebten etwa 860.000 Menschen in Deutschland ohne eigenen, mietvertraglich abgesicherten Wohnraum. Sie waren also per Definition wohnungslos. Knapp die Hälfte davon waren allerdings Flüchtlinge, die zum Beispiel in Gemeinschaftsunterkünften lebten. Wirklich obdachlos waren nach Schätzung der Wohnungslosenhilfe etwa 52.000 Menschen. Rund ein Drittel mehr als noch 2014.

Städte stellen Notunterkünfte zur Verfügung

Gründe, weshalb Menschen obdachlos werden, gebe es viele, sagt Rosenke: "Zum einen reicht das Geld nicht. Schulden wurden angehäuft. Hinzu kommen Mietschulden. Außerdem gibt es oft persönliche Probleme: Trennung, Scheidung und Gewalt in der Beziehung. Oft gibt es auch untragbare Familienverhältnisse, die dazu führen, dass junge Leute die Wohnung verlassen oder auch von den Eltern vor die Tür gesetzt werden."

Der Satz "In Deutschland muss niemand auf der Straße leben", stimme also nicht. In Mitteldeutschland stehen zwar theoretisch allen Menschen genug Unterkunftsplätze zur Verfügung. Die Stadt Leipzig zum Beispiel stellt nach MDR-Recherchen 87 Plätze zur Verfügung. In Magdeburg sind es 88 kommunale Plätze, wobei nur 57 genutzt werden.

Bezahlbarer Wohnraum fehlt

Allerdings sagen diese Angaben offenbar nicht viel über die wirkliche Zahl von Obdachlosen in diesen Städten aus. Viele Menschen würden nämlich nicht in die Unterkünfte gehen, weil man sich dort nicht wohlfühlen könne, sagt Werena Rosenke von der Wohnungslosenhilfe. Die Gäste in der Wärmestube in Halle bestätigen diesen Eindruck:

  • "Mir haben sie die Schlüpfer geklaut, was eigentlich unnötig ist."

  • "Elektrogeräte darf man nicht mit reinnehmen. Kein Essen mit reinnehmen, was eigentlich gegen die Würde des Menschen verstößt."

  • "Man hat zwar ein Bett, wo man schlafen kann. Man wird aber beklaut. Ich sage mal so: Es ist ekelhaft."

Ob und inwiefern sich die Situation wohnungsloser Menschen in Deutschland verbessern wird, lässt sich schwer vorhersagen. Die Grundvoraussetzung seien mehr bezahlbare Wohnungen, sagt Werena Rosenke: "Da vermissen wir Maßnahmen der aktuellen Bundesregierung. Mit Baukindergeld für die Mittelschicht lässt sich die Wohnungsnot der einkommensarmen Menschen nicht lindern." Wenn gebaut werde, sagt Rosenke, dann im Luxussegment. Das helfe den Wohnungslosen nicht.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung des Artikels hatte es geheißen: "2016 lebten etwa 860.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung. Das sind gut 500.000 mehr als noch 2014. (...)." Diese Passage des Textes wurde überarbeitet und mit weiterführenden Informationen versehen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. Januar 2019 | 06:08 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Januar 2019, 19:26 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

51 Kommentare

20.01.2019 13:16 Kiel_oben 51

hier im Norden gibt es weniger vllt. weil steife priese weht und es nah Klimaanlagen im Eingangsbereich nobler Kaufhäuser der Kö kuschliger auf Karton ist
warum werden die nicht in die leerstehenden Wohnungen 4+5 OG der Plattenbauten oder in leergezogene Dörfer angesiedelt.

19.01.2019 12:17 Wo geht es hin? 50

@Peter - Zitat von Ihnen: "Ich habe aber noch nie davon gehört, dass Rechte etwas für Obdachlose tun." Zitat Ende. Bitte sehr: „Bündnis Deutscher Patrioten“, „Brigade 8 Eastside“, „Soldiers of Odin“, „Fellbach hilft“ „Thügida", „Ein Volk hilft sich selbst“, „Bürgerbündnis Hand in Hand“ im Havelland, „Aktion Deutsche Winterhilfe“, „Vom Volk fürs Volk Sachsen-Anhalt“ , "Verein Volksgemeinschaft“, „Volkshilfe e.V.“, „Junge Nationaldemokraten“, „Jugend packt an“ oder „Dresdner Bürger helfen Dresdner Obdachlosen und Bedürftigen e.V.“ . Alles "Rechte", wenn man den Mainstreammedien Glauben schenkt. Und die "instrumentalisieren" natürlich nur für ihre politischen Zwecke auch alle. Was sonst. Helfen wollen die nicht. Neeeeeiiiin...

18.01.2019 22:07 Bernd Bayer 49

1. Obdachlosigkeit hat immer eine Vorgeschichte. Meist folgt Obdachlosigkeit nach sozialem Abstieg und langer Leistungsabhängigkeit.
2. In Leipzig beispielweise konkurrieren Studenten, Migranten aus dem Aus- und Umland, Sozialleistungsempfänger und Singles um preiswerten Wohnraum.
3. Schauen Sie sich die Wohnungsangebote genauer an und Sie werden feststellen, dass der überwiegende Anteil einer Plausibilitätsprüfung seitens des Amtes nicht standhalten wird (Stichwort: Schaufensterangebote, Vergleichsmieten, Nebenkosten).

18.01.2019 21:30 007 48

Kritik an fehlender Obdachlosen-Statistik!

Was ist an dieser Aussage moralisch u menschlich abscheulich Freunde der Vernunft?

Die Kritik an fehlender Obdachlosen-Statistik ist wichtiger, als die Obdachlosen selbst. Ja, dass ist Deutschland im 21ten Jahrhundert. Geiz ist geil.

Die Menschlichkeit einer Regierung u der gesamten Gesellschaft zeigt sich, wie man mit den Ärmsten u Schwächsten umgeht. Diese Gesellschaft verkommt sichtlich immer mehr. Die setzen auf Zuwanderung u lassen das eigene Volk unter Brücken hausen. Abscheulich ...

18.01.2019 21:05 Peter 47

@45: Welche Sankitionen?
Wer noch nicht Hartz IV beantragt hat, ich meine die Obdachlosen, kann auch nicht sanktioniert werden.
Und zu den KdU-Sätzen: Im Bericht werden Fälle in Halle geschildert. Tun Sie einfach mal das, was ich getan habe: Ich habe mich über die KdU-Sätze in Halle informiert, habe diese in Immobilienscout24 eingegeben. Das Ergebnis: 120 Single-Wohnungen werden angeboten.
Ergo: 120 Obdachlose in Halle hätten, wenn sie Hartz IV beantragen würden, die Möglichkeit, eine Wohnung zu erhalten.
Ist das naiv?

18.01.2019 20:41 ein schon länger in Deutschland lebender 46

@Peter 43

ich habe es gelesen
und alle andren haben es gelesen
und wissen nun was sie von Peter dem SPD Mitglied zu halten haben.

Hätten sie sich Entschuldigt und vielleicht geschrieben das sie sich unglücklich ausgedrückt haben,

nein, in Gegenteil, sie bestehen darauf.

Mehr konnte ich ihnen zur ihrer Ehrenrettung auch nicht anbieten!

18.01.2019 20:14 Bernd Bayer 45

@Peter: Wohl jeder Obdachlose könnte über Hartz IV eine Wohnung bezahlt bekommen.

Diese Aussage ist an Naivität kaum noch zu überbieten. Informieren Sie sich über die Sanktionspolitik des Jobcenters oder die lächerlichen KdU-Sätze in urbanen Zentren.

18.01.2019 19:17 Halligalli 44

Was nicht in der Statistik erscheint, kann auch nicht negativ wirken, keine Obdacholsenstatistik, Messerangriffe Statistik, u.s.w., so zeigt sich nichts sehen , nichts hören, nichts wissen, das zeichnet unsere Politiker besonders aus.

18.01.2019 18:53 Peter 43

@32: Lesen Sie den Artikel und dann wissen Sie, was ich meine.
Das ist das Mindeste, was man erwarten kann.

18.01.2019 18:51 Peter 42

@31: Ja klar tut die SPD was.
Wohl jeder Obdachlose könnte über Hartz IV eine Wohnung bezahlt bekommen.
Und die SPD-geführte Stadtverwaltung stellt, wie im Bericht erwähnt, Unterkünfte für Obdachlose bereit.
Und was tun die Rechten? Meckern! Da lob ich mir die Kirchen.