Steigende Pflegekosten in Mitteldeutschland Immer mehr Pflegebedürftige auf Sozialhilfe angewiesen

Beim Thema Bezahlung hat sich in der Pflege etwas getan, inzwischen gibt es mehr Geld für die Beschäftigten. Das führt aber auch zu steigenden Kosten – und das bringt viele Pflegebedürftige in Not. Denn laut Zahlen, die die Linkspartei erfragt hat, können viele ihren Eigenanteil nicht mehr zahlen – und sind auf Sozialhilfe angewiesen. In Mitteldeutschland betrifft das rund ein Viertel der Pflegebedürftigen in den Heimen.

Eine junge Frau hält die Hände einer alten Frau, die in einem Rollstuhl in einem Seniorenheim sitzt.
Jeder vierte Pflegeheimbewohner in Mitteldeutschland ist mittlerweile auf Sozialhilfe angewiesen. Bildrechte: dpa

Die Zahl der Menschen in mitteldeutschen Pflegeheimen, die auf die Sozialhilfe angewiesen sind, ist zuletzt gestiegen. Das belegen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Das gilt für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. 2018 konnten demnach rund 25.000 Pflegebedürftige ihren Eigenanteil nicht oder nicht mehr stemmen.

Pflegekosten stiegen um bis zu 30 Prozent

Mit Blick auf den Anstieg der Pflegekosten verwundert das nicht: In den vergangenen zweieinhalb Jahren sind sie in der Region teilweise um über 30 Prozent gestiegen. Das sei ein trauriges Zeichen dafür, wie man mit den Schwächsten in der Gesellschaft umgeht, sagt die Vize-Fraktionschefin der Linken in Sachsen-Anhalt, Eva von Angern. Dass die Kosten steigen, sei dabei nicht das Problem – schließlich habe man für höhere Löhne in der Branche gekämpft.

"Die Frage ist tatsächlich: Wer bezahlt dieses höhere Einkommen? Tragen wir das als Gesellschaft gemeinsam, als Staat? Oder legen wir es tatsächlich komplett auf die Pflegebedürftigen um?", fragt von Angern. Wenn man sich die Zahlen anschaue, sehe man, dass das überwiegend über die Pflegebedürftigen finanziert werde. "Das ist nicht mein Weg, das ist nicht der Weg der Linken, sondern wir sagen: hier ist der Staat in der Verpflichtung." Das könnte bedeuten: Steuern für die Pflege. Von Angern ist sich sicher, dass gerade beim Thema Pflege ein gesellschaftlicher Konsens zu erreichen wäre. Und wenn der Staat nicht direkt einspringen wolle, solle er doch zumindest die Kommunen stärken – als Träger der Sozialhilfe.

Sozialhilfe trotz Arbeit für die Rente

Die Sozialhilfe belastet aber nicht nur die Finanzen der Kommunen. Sie belastet auch viele betroffene Pflegebedürftige – und zwar besonders die Generation, die gerade ihren Lebensabend in den Heimen verbringt, sagt Michael Fritzsching. Er leitet zwei Pflegeheime des Arbeiter-Samariter-Bundes in Sachsen-Anhalt.

Die können nicht verstehen, warum sie, obwohl sie bis zur Rente gearbeitet haben, Sozialhilfeempfänger werden.

Michael Fritzsching, Pflegeheimleiter

Das gehe einigen so, sagt Fritzsching. Plötzlich sei kein Geld mehr da, auch für Kleinigkeiten nicht. Er erzählt von einem früheren Pflegekunden. Der habe jedes Jahr zu Weihnachten an Wohlfahrtsverbände und Tierheime gespendet, seiner Familie  Geschenke gekauft. Irgendwann wurde die Pflege zu teuer – und der Mann rutschte in die Sozialhilfe ab.

Es sei natürlich dann schwierig, wenn das Geld für so was nicht mehr ausreiche und man dann sowas nicht mehr schenken könne. Das sei für den Herrn Lebensqualität, erzählt Fritzsching. "Er hat zu mir mal gesagt: wenn ich nichts mehr geben kann, dann darf ich rein theoretisch auch nichts erwarten. Das macht nachdenklich."

Pro Seniore plädiert für Pflegevollversicherung

In der Branche ist man sensibilisiert, denn das Problem besteht bundesweit. Pro Seniore, einer der größten Pflegeheimbetreiber in Deutschland, teilte auf Anfrage von MDR AKTUELL mit, dass er seinen Pflegekräften entsprechende Leitlinien mit auf den Weg gibt: "Wesentlicher Kern ist dabei, dass alle Bewohner*innen gleich behandelt werden und  Herkunft oder finanzieller Background keine Rolle bei unserem Pflegeauftrag spielen. Dennoch wissen unsere Mitarbeiter*innen, dass es für viele Senioren eine emotionale Belastung ist, nach einem arbeitsreichen Leben nicht mehr selbst für den kompletten Lebensunterhalt aufkommen zu können. Wir versuchen das aufzufangen, indem wir den Respekt vor der Lebensleistung niemals vermissen lassen."

Das Unternehmen spricht sich für eine Pflegevollversicherung aus, die alle Leistungen abdeckt und ausnahmslos von allen Bürgern, also von Arbeitnehmern wie Selbständigen finanziert wird. Da sind Pro Seniore und die Linkenpolitikerin von Angern nah beieinander. Eine Reform der Pflegeversicherung halten beide für unbedingt nötig.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 04. August 2020 | 05:06 Uhr

35 Kommentare

THOMAS H vor 16 Wochen

Atheist: Könnte es nicht auch Dankbarkeit ihrer Mutter, gegenüber den Pflegekräften gewesen sein, da sie durch die ambulante Pflege in ihrer gewohnten Umgebung bleiben konnte. In Bezug Geldbörse, denken Sie bitte mal daran, was Sie ihre Mutter als Kind gekostet haben, denn sie hat Sie sicher gut versorgt, so daß es eine schöne Kinder- und Jugendzeit gewesen ist.

Atheist vor 16 Wochen

Meine Mutter war dank meiner Geldbörse „nur“ auf ambulanter Pflege angewiesen.
Beschämend, als ich vor Weihnachten erleben musste wie meine Mutter min 20 Pakete für die Pfleger packte um sich Ihre Menschenwürde zu erkaufen.

Hd71 vor 16 Wochen

Seniorenzentren, Seniorenwohnheime werden nicht umsonst mittlerweile als lukrative Geldanlage angepriesen. Das Problem sind dabei nicht die Personalkosten. Bei der Aufschlüsselung einer Monatsrechnung ist neben den Pflegekosten noch eine " Investitionspauschale" zu zahlen, die das Unternehmen selbst festgelegt. Eigentlich sollte kontrolliert werden, ob die Pauschale, die mitunter auch vierstellig sein kann, gerechtfertigt ist. Unabhängig davon kann jeder Interessent sich ein Bild von den Möglichkeiten der Gewinnmaximierung vermeintlich sozialer Unternehmen machen, indem er sich den Unternehmensverbund beim Bundesanzeiger anschaut. 7 stellige Gewinne nach Steuern? Geht auch schon mal. Man braucht nur 4 Häuser...
Das ganze "soziale" System dient nur der Gewinnmaximierung Einzelner. Die Belegschaft wird schlecht bezahlt, für Betroffene teuer und wenn dieser bedürftig wird, gibt es das Geld dafür eben vom Staat.