Thüringen Lehrergewerkschaft kritisiert Schulstart

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft hat Kritik am Schulstart in Thüringen geübt. Die Landesvorsitzende Kathrin Vitzhum sagte MDR AKTUELL, viele Lehrerinnen und Lehrer gehörten zu Corona-Risikogruppen. Dazu komme die doppelte Belastung durch Präsenzunterricht und Homeschooling. Es wäre besser gewesen, wenn man sich intensiver auf das nächste Schuljahr hätte vorbereiten können.

Schüler und Schülerinnen einer 12. Klasse nehmen mit Mundschutz am Unterricht teil
In den Schulen ist nichts mehr so wie Mitte März, als sie geschlossen werden mussten. Bildrechte: dpa

An der Gesamtschule "Grete Unrein" in Jena wird jede Woche, manchmal sogar täglich, an einem neuen Stundenplan gebastelt. Weil nur eine bestimmt Anzahl von Schülern in einem Raum sein darf, wird teilweise in Schichten unterrichtet.

Schulleiter Rüdiger Schütz erklärt das Prinzip anhand einer zehnten Klasse, die er in Geschichte unterrichtet: "Acht Uhr ist die Gruppe A bis neun Uhr. Dann kommt 12 Uhr das zweite Drittel, die Gruppe B. Und dann kommt am nächsten Tag die Gruppe C zu mir, dann wieder die Gruppe A, die B auf den Donnerstag wieder. Ohne ein solches System wäre das ganze überhaupt gar nicht möglich."

Das heißt, dreimal die gleiche Stunde für eine Klasse. Noch sind nicht alle Klassenstufen wieder in der Schule. Das wäre auch gar nicht machbar, sagt Rüdiger Schütz. Schon jetzt bräuchte er manchmal doppelt so viele Lehrer, um den Unterricht abzudecken.

Nicht genügend Räume

Aber auch die Räume werden knapp, wie Schütz erklärt: "Den Jahrgang sieben und acht, die kann ich wirklich erst die letzten vier Wochen wieder in die Schule nehmen. Die kann ich erst wieder reinnehmen, wenn die Abiturienten raus sind, wenn die zehnten Klassen ihre Prüfungen gemacht haben, habe ich dort Personalkapazitäten und Raumkapazitäten, um die vier siebten und die vier achten Klassen wieder in den Unterricht zu nehmen."

An der Gesamtschule "Grete Unrein" liegt der Anteil der Lehrer, die zur Risikogruppe gehören, bei 60 Prozent. Dazu gehören zum Beispiel die über 60-Jährigen, Raucher über 50 Jahre oder Personen mit einer Vorerkrankung. Diese Lehrer müssen keinen Präsenzunterricht an der Schule geben. Einige von ihnen kommen trotzdem zum Unterricht.

Bildungsministerium: Risikogruppe bei 30 Prozent

Schütz selbst gehört zum Beispiel auch dazu. Thüringenweit, schätzt das Bildungsministerium, liegt der Anteil der Risikogruppe unter den Lehrern bei 30 Prozent. Wie viele davon trotzdem in die Schule gehen, wurde bisher noch nicht gezählt.

Um die Schulen nicht zu überlasten, heißt es aus dem Ministerium schriftlich, findet eine statistische Erhebung erst nachlaufend statt. Die Schulen seien jedoch angehalten, bei sich abzeichnenden und konkret auftretenden Kapazitätsproblemen die Schulämter zu informieren.

Kathrin Vitzthum, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, gibt zu bedenken, dass zu den Risikogruppen die der Langzeiterkrankten dazu kommt: "Insofern ist der Mangel, der vorher schon da war, jetzt sozusagen genauso spürbar durch die Risikogruppen noch mal erhöht. Und dann kommt die doppelte Belastung durch Präsenz- und Distanzunterricht. Da knallen gerade unterschiedliche Probleme aufeinander."

Vorbereitung auf kommendes Schuljahr

Sie hätte sich gewünscht, dass der Fokus bei den Schulöffnungen nicht auf den Unterricht gelegt worden wäre: "Sondern dass Lehrer und Schüler überlegen können, wie kann man das nächste Schuljahr vorbereiten. Wie kann das aussehen? Wir müssen nach wie vor davon ausgehen, dass es Phasen geben wird, wo Distanzunterricht Vorrang haben wird. Und es wäre jetzt die Zeit und die wäre notwendig, dafür Konzepte zu entwickeln."

Neben Plänen A, B und C werden die Schulen auch an ihren Lehrplänen arbeiten müssen, meint Schulleiter Schütz aus Jena: "Wir müssen uns, denke ich, auch völlig darüber im Klaren sein, dass wir im nächsten Schuljahr, wenn man Stoff und Lehrpläne nimmt, Streichungen vornehmen, neue Ideen entwickeln müssen."

Die aktuellen Lehrpläne im nächsten Jahr nahtlos fortsetzen zu wollen, sei utopisch, sagt Schütz.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 19. Mai 2020 | 05:00 Uhr

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