Treuhand-Aufarbeitung: Der teilweise verwitterte Schriftzug - Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost -
Politiker und Wissenschaftler fordern mittlerweile eine Aufarbeitung der Treuhand-Geschichte. Bildrechte: dpa

Wahrheitskommission Treuhand-Vergangenheit soll aufgearbeitet werden

Die Treuhand steht sinnbildlich für die Abwicklung der DDR-Wirtschaft, das Verschwinden von Betrieben und den Verlust tausender Arbeitsplätze. Eine "Wahrheitskommission" soll deren Geschichte nun aufarbeiten.

von Jessica Brautzsch, MDR AKTUELL

Treuhand-Aufarbeitung: Der teilweise verwitterte Schriftzug - Gemeinschaftswerk Aufschwung Ost -
Politiker und Wissenschaftler fordern mittlerweile eine Aufarbeitung der Treuhand-Geschichte. Bildrechte: dpa

Nach der sächsischen Integrationsministerin Petra Köpping setzt sich jetzt auch der SPD-Ostbeauftragte Martin Dulig für eine Wahrheitskommission zur Arbeit der Treuhand ein. Diesen Schritt begründet Dulig in einer Pressemitteilung. Es sei ein Fehler gewesen, sich über 30 Jahre zu weigern, die Enttäuschung vieler Menschen anzunehmen. Es müsse eine Debatte darüber geführt werden, was damals schiefgelaufen sei.

Der SPD-Ostbeauftragte Martin Dulig sagt: "Wollen wir eine echte Deutsche Einheit, dann müssen wir uns in ganz Deutschland gemeinsam der Aufarbeitung der Treuhand stellen."

Am 1. Juli war es 28 Jahre her, dass das Treuhand-Gesetz in Kraft getreten ist. Die Treuhand-Anstalt sollte unter anderem für die Herstellung der Wettbewerbsfähigkeit der Ost-Betriebe und die Sicherung von vier Millionen Arbeitsplätzen sorgen.

Doch stattdessen verloren tausende Menschen ihren Arbeitsplatz. Und: 1993 flogen etliche betrügerische Investoren auf, die die aufgekauften Unternehmen im großen Stil ausgeplündert hatten. Das verstärkte das Misstrauen in der Bevölkerung.

Streit um den Begriff "Wahrheitskommission"

Das soll alles aufgearbeitet werden, sagen die SPD-Politiker.

Das findet auch der sächsische CDU-Generalsekretär Alexander Dierks. Von einer Wahrheitskommission als Mittel hält er allerdings nicht viel. Ein Blick in die Geschichte würde zeigen, dass Wahrheitskommissionen meist dann eingerichtet worden seien, wenn es um die Aufarbeitung von jahrzehntelangem, staatlichen Unrecht gegangen sei, beispielsweise nach Ende des Apartheitsregimes in Südafrika - oder auch in den ostmitteleuropäischen Staaten nach Fall des Eisernen Vorhangs. "Ich glaube einfach, dass die qualitative Dimension eine völlig andere ist."

Einen anderen Namen kann die sächsische Linke bieten, denn auch sie ist schon seit längerem für die Aufarbeitung der Treuhand-Arbeit. Thomas Dudzak, Landesgeschäftsführer der sächsischen Linken sagt, dass bei der Privatisierung der DDR-Volkswirtschaft nicht alles richtig gelaufen sei. Grundsätzlich stünden sie einer solchen Kommission positiv gegenüber, auch wenn sie bislang immer von einer Enquete-Kommission gesprochen hätten.

CDU will Treuhand-Aufarbeitung nicht "politisch aufladen"

Doch für die CDU gehört die Aufarbeitung der Treuhand-Arbeit letztendlich in die Wissenschaft, nicht in die Politik - erklärt Alexander Dierks. Er halte es für schwierig, diese durch eine Wahrheitskommission politisch aufzuladen.

Davor warnt auch Marcus Böick – Zeithistoriker an der Ruhruniversität in Bochum und Co.-Autor der Studie zur Wahrnehmung und Bewertung der Arbeit der Treuhandanstalt im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Und dennoch ist er für eine solche Kommission.

Eine Aufarbeitung könne viel weitreichendere Effekte haben. Der Wissenschaftler hofft, "dass wir von den Klischees und den Zerrbildern, die in den 90er Jahren entstanden sind, ein Stück weit wegkommen." Dabei solle nicht nur über das Ost-West-Verhältnis nachgedacht werden, sondern beispielsweise auch über den Umgang der deutschen Gesellschaft mit Minderheiten.

Was hält Deutschland als Gesellschaft zusammen?

"Da wäre auch die Möglichkeit, einen größeren Diskurs zu führen, was die Deutsche Gesellschaft zusammenhält", glaubt Böick. "Gerade auch mit Blick auf die jüngsten politischen Entwicklungen. Gerade in Ostdeutschland, wo populistische Kräfte Zulauf erhalten, da könnte dieser Ansatz sehr fruchtbar sein." Er ergänzt: "Da darf die Politik nicht einfach sagen, wir delegieren das an die Wissenschaft weiter und die kümmern sich dann drum."

Egal ob diese Aufgabe der Wissenschaft überlassen wird oder sich auch die Politik diesem Teil der deutschen Geschichte stellt – die Aufarbeitung dürfte noch eine ganze Weile dauern. Denn erst seit kurzem können die 35.000 Treuhand-Akten eingesehen werden - aneinandergereiht eine Strecke von 45 Kilometern.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 10. Juli 2018 | 05:08 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2018, 05:08 Uhr

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31 Kommentare

12.07.2018 15:39 Ullrich 31

Werter Dorfbewohner,
Die Unterstellung, ich hätte jemanden als faul oder unfähig bezeichnet ist eine Frechheit. Der Fehler und das hast selbst du mittlerweile erkannt, lag im System.
Die Auswirkungen unterm Strich war eine nicht wettbewerbsfähige Wirtschaft unter den neuen Rahmenbedingungen. Das Papier des ZK bestätigt dies sogar unter den alten. Insoweit war ein Einbruch in der Beschäftigung vorprogrammiert, da die Produktivität in einem eklatanten Missverhältnis zum neuen Lohnniveau Stand. Insoweit hatte Lafontaine Recht, der genau diese Entwicklung bei der Diskussion um die Währungsunion vorausgesagt hat. Schuld war also sozusagen die politische Entscheidung unter anderem die Löhne 1:1 umzutauschen!
Auf der anderen Seite gab es dazu aber in meinen Augen keine Alternative, da Anderenseits eine noch stärkere Wanderungsbewegung entstanden wäre, als die ohnehin schon bestand.
Insoweit ist deine Grundaussage - die DDR Wirtschaft wurde platt gemacht - falsch. Sie war schon kaputt.

12.07.2018 12:38 Dorfbewohner 30

Werter Mitkommentator Ullrich,

wenn Sie doch nur einmal auf konkrete Details, auch nur eines, meiner Argumente eingehen würden!

Sie diskutieren von einem Standpunkt aus, als ob die Menschen hier alle komplett unfähig und ungebildet waren, fern jeder geistigen Leistung oder Inspiration und der jetzige Wirtschaftsstand nur durch Anleitung von außen erreicht wurde.

Und sollte es Ihnen neu sein, die Unternehmen müssten damals das produzieren, was die Planvorgaben u.a. besonders auch durch das von Ihnen so oft erwähnte und als Beweis(genau konträr) angeführte Politbüro der SED als Gesetz in Form von staatlicher Planung vorschrieb!

Eine weitere Diskussion ist sinnlos, Ende.

12.07.2018 11:56 Bürger der früheren DDR 29

Ullrich: Und warum hat man dann es nicht getan?
Die Richtungskoeffizienten sagen noch nichts über die Leistungsfähigkeit aus.Das belegt auch die Aussage indirekt zum transferablen Rubel.Es gibt sehr viele, die die Augen davor verschließen, dass die Einführung der D-Mark eine Fehlentscheidung war(wenigstens) und kritische Nachfragen schlicht unterdrücken wollen.

12.07.2018 10:30 Ullrich 28

Nachtrag
https://www.deutschlandfunk.de/25-jahre-treuhandanstalt-eine-einzige-schweinerei.694.de.html?dram:article_id=312882

12.07.2018 09:35 Ullrich 27

Da der Deutschlandfunk ja zum ÖR gehört - hier der Link zum Interview mit Edgar Most

12.07.2018 09:17 Ullrich 26

"Na ja, das lässt sich deshalb nicht beziffern, weil die Einführung der D-Mark falsch war. Also nicht gegenüber der Bevölkerung der Eins-zu-eins-Kurs, aber gegenüber der Wirtschaft. Und da hätte man einen Kurs von ein zu sieben, eins zu acht nehmen müssen. Wir in der Staatsbank haben ja bereits alles das in diese Richtung umgerechnet. Wir haben also die gesamten Export-Import-Geschichten im RGW damals mit dem transferablen Rubel verrechnet, und der stand so bei eins zu 4,8. Und dann alles, was Ausland war, kapitalistisches Ausland in unserem Sinne, wurde über den Dollar gerechnet, wie steht die D-Mark zum Dollar. Und die stand eben 4,4. Und das wurde noch berichtigt durch einen Richtungskoeffizienten. Und dann hätte man die ganze Wirtschaft, die damit zu tun hätte, eins zu sieben, eins zu acht umrechnen müssen."
Edgar Most im Deutschlandfunk am 28.2.2015
Er ist zwar auch ein großer Kritiker der Treuhand gewesen, aber beschreibt das Problem ganz klar.

12.07.2018 08:54 Ullrich 25

@Dorfbewohner
Du willst einfach nicht begreifen, dass der Umtauschkurs der Mark der DDR ein entscheidender Faktor war, um Produkte der DDR im NSW zu verkaufen. Die Veränderungen 1990 haben dies dramatisch verändert.
Ich gebe dir ein einfaches Beispiel.
Eine analoge Praktika Kamera hat in der DDR ca. 800 Mark gekostet. In einschlägigen Versandkatalogen wurde diese für ca. 200 DM verkauft. Jetzt darfst du an diesem einfachen Beispiel einfach einmal nachvollziehen, wie dramatisch die Lage in vielen Betrieben war.

11.07.2018 23:13 Dorfbewohner 24

Und noch ein Nachtrag, Ullrich,

”...Bank oder Versicherungssektor war sehr einfach zu privatisieren…”.

Banken und Versicherung wurden nicht “privatisiert”, sondern von Banken und Versicherungen einfach übernommen und nur die Namensschilder ausgetauscht, natürlich inkl. Kassenbücher, ohne jemals auch nur einen Westpfennig an Kredit vergeben zu haben!

Und nach “weltmarktfähigen Produkten” haben Sie mich noch nie gefragt! Haben früher nicht nur Heidelbeeren exportiert, garantiert!

11.07.2018 22:18 Dorfbewohner 23

“Ullrich 22

@Dorfbewohner,
Das diese Betrachtung sich hauptsächlich auf das produzierende Gewerbe und den Agrarsektor bezieht sollte eigentlich klar sein…”

Dieser Satz dokumentiert wieder mal Ihr Detailwissen über die Treuhand!

Diese hat nämlich außer ein paar VE-Güter im My-Bereich nichts, aber auch gar nichts mit der Landwirtschaft zu tun. Dort herrsche nämlich kein volkseigenes Eigentum sonder Privateigentum in genossenschaftlicher Verwaltung! Also kein VEB sondern Privat(wenn auch zwangskollektiviert), man stelle sich mal vor, was dort auch passiert wäre, hätte auch ein Zugriff stattgefunden.

Ich würde Ihnen vorschlagen, sich erst mal genau über die Historie der Wendezeit, mit allen vorhandenen Bedingungen vertraut zu machen, eher Sie hier weiter belehren.

Und Sie wollen ein zu DDR-Zeiten in Sachsen Geborener sein, vom Wissen über damals eher unwahrscheinlich…, zumindest fraglich...obwohl, bei Banken und Versicherungen geben Sie Detailkenntnis vor...

11.07.2018 19:18 Ullrich 22

@Dorfbewohner,
Das diese Betrachtung sich hauptsächlich auf das produzierende Gewerbe und den Agrarsektor bezieht sollte eigentlich klar sein. Du drehst dich um die eigene Achse.
Ein Bank oder Versicherungssektor war sehr einfach zu privatisieren. Die Aussage von ostdeutschen Bankern zur Wirtschaft im allgemeinen solltest du aber vielleicht einmal lesen.
Noch einmal - die Aufarbeitung ist Ergebnisoffen zu begrüßen. Das sage ich als Deutscher/Europäer geboren in Sachsen - weit vor der Wende!
Beispiele zu weltmarktfähigen Produkten bleibst auch du schuldig.

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