Gera So ist die Stimmung vor der OBM-Stichwahl

Gera ist ein Sorgenkind. Die aktuelle Arbeitslosigkeit ist mit 9,4 Prozent Thüringer Rekord, die Stadtkasse hängt seit zehn Jahren am Tropf der Landesregierung. Durch dieses schwere Fahrwasser wird künftig ein ganz neuer Politiker die Stadt Gera lenken. Denn in der Stichwahl zum Geraer Oberbürgermeister treten zwei Politikneulinge gegeneinander an: Dieter Laudenbach von der AfD und der parteilose Julian Vonarb. Wie blicken die Geraer auf die Entscheidung?

von Ludwig Bundscherer, MDR AKTUELL Landeskorrespondent Thüringen

Die amtierende Oberbürgermeisterin ist abgewählt, so viel ist seit dem ersten Urnengang in Gera klar. Wer der CDU-gestützten Oberbürgermeisterin folgt, steht am Sonntagabend nach der Stichwahl fest. Entweder wird Gera dann die erste AfD-regierte Großstadt oder ein parteiloser Neuling der Geraer Politikwelt gewinnt.

Schwierige Bürgerpflicht

Die Stichwahl ist für viele Geraer schwierige Bürgerpflicht. Auf der Straße sind Sätze wie diese zu hören: "Das ist jetzt für mich nur noch eine Pest-und-Cholera-Entscheidung." "Ich gehe nicht zur Stichwahl, weil ich beide Kandidaten nicht dafür in der Lage halte, Gera vorwärts zu bringen." "Wer nicht wählt, wählt rechts, das ist meine Meinung!"

Eine Mammutaufgabe wartet

Der oft gehörte Unmut über beide Kandidaten verwundert nicht weiter, wenn man sich die erste Wahlrunde genauer ansieht. Sowohl für AfD-Kandidat Dieter Laudenbach als auch für den parteilosen Julian Vonarb haben nur jeweils gut 20 Prozent der Wähler votiert. Für die Stichwahl hat das gereicht.

Weil aber beide Kandidaten bisher kein Amt im Stadtrat innehatten, meint dieser Passant: "Ich bin am schwanken. Für mich sind beide von der politischen Seite her unbekannt. Auf alle Fälle muss in Gera etwas passieren: Gera macht sich nach außen hin schlechter als es ist. Wir brauchen eine neue Infrastruktur. Es muss Industrie angesiedelt werden, dass die Kaufkraft auf alle Fälle wieder gesteigert wird."

Die finanzielle Lage der Stadt ist für die meisten befragten Wähler Hauptthema, eine Frau meint allerdings auch: "Naja, ich will ja nicht meckern, aber schon die vielen Ausländer, was da hier abgeht, das ist der Hauptgrund, warum wir gehen. Naja und Sie wissen schon, wen ich wähle."

Laudenbach will sparen

AfD-Kandidat Dieter Laudenbach weiß selbst, dass ihm Unmut über Bundes- und Landespolitik viele Wähler zutreibt. Ändern könnte er gewähltermaßen aber vor allem etwas in der Lokalpolitik. Und da stehen dann wieder die Geras Finanzen im Mittelpunkt.

AfD-Mann Laudenbachs Kurs heißt, Sparen - etwa bei Parks. Laudenbach sagt: "In erster Linie würde ich versuchen, den Haushalt ausgeglichen aufzustellen. Mit 260 Millionen ist es doch ein enormes Volumen, über das wir hier verfügen, also dass wir ohne Bedarfszuweisungen oder Hilfen vom Land Thüringen auskommen. Dann können wir auch wieder die Geschicke in dieser Stadt selbst bestimmen."

Vonarb will investieren

Sein Gegenkandidat, Julian Vonarb, will die Sache lieber so angehen, wie er es als Banker gelernt hat: Er will investieren. Die Haushaltssicherung solle bleiben, aber das Landesverwaltungsamt müsse überredet werden, die zwanghaft hohe Gewerbesteuer zu drosseln.

Den durchgerechneten Businessplan dafür hat Vonarb nach Eigenauskunft in der Schublade, wie er sagt: "Ich werde dafür Sorge tragen, dass wir das notwendige Geld an Mehreinnahmen reinbekommen - über zusätzliche Ansiedlungen, über Entwicklung von Gewerbe. Einfach ausgedrückt: Zu Tode gefürchtet, ist auch gestorben. Weil dann können wir zuschließen, wenn wir jetzt nicht bewusst da auch investiv rangehen."

Vonarb wird bei der Stichwahl gegen die AfD auch von Grünen, SPD und der Linken unterstützt. FDP und CDU haben keine Wahlempfehlung für einen Kandidaten abgegeben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 27. April 2018 | 06:11 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. April 2018, 06:44 Uhr

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13 Kommentare

28.04.2018 22:06 Hans 13

Es braucht jemanden,mder bewiesen hat, dass er ein Macher ist und der Ideen hat. Und das ist Vonarb.

28.04.2018 21:37 ST 12

Eine Schande ist es, wenn so eine schöne Stadt durch die AfD überall zum Gespött gemacht wird.
An alle die noch nicht gewählt haben, bitte unterstützt nicht diese Bländer!
Die Ausländer werden dadurch nicht weniger.
Sollte eine AfD hier regieren, so bekräftigt das die Rechtsradikalen und dann haben wir hier nur noch Krieg auf den Straßen!
Gera braucht Unterstützung und keine verhassten Parolen!

28.04.2018 19:44 Gottlieb 11

"Laudenbach will sparen". Das klingt nach solider Politik. "Vonarb will investieren". Und zwar mit Geld, das er nicht hätte und das die Stadt noch mehr von auswärtigen Institutionen abhängig machen würde. Da ist Laudenbachs Richtung zukunftsträchtiger: "Dann können wir auch wieder die Geschicke in dieser Stadt selbst bestimmen." Davon können manche Städte im Ruhrgebiet nur träumen.

28.04.2018 17:45 Ich bins 10

Hätte ich in Gera wählen müssen wäre meine Entscheidung klar gewesen. Aber dennoch wünsche ich beiden Kandidaten viel Glück. Der der die Wahl gewinnt die wünsche ich dass ein Gera etwas verändert.

28.04.2018 14:50 R.W. 9

Traue keinem Banker.

28.04.2018 11:37 Odin 8

Ich als ehemaliger Geraer der immer wieder mal nach Hause kommt wegen der Familie, bin entsetzt was aus dieser Stadt geworden ist. Wenn ich den Unterschiedlichen Quellen trauen kann wurde udn wird Gera mit sogenannten Flüchtlingen regelrecht geflutet nur um nicht einen noch größeren Rückgang der Bevölkerungszahlen beklagen zu müssen. Dies kann ja nicht zielführend sein.
Desweiteren ja klar muss man mehr Industrie ansiedeln, aber doch bitte auch Löhne zahlen von denen man leben kann. Ich mache mir immer wieder mal den Spaß mich in Gera und Umgebung zu Bewerben, was ich da für Lohnangebote bekomme spottet echt jeder Beschreibung und ist echt ein gewichtiger Grund niemals zurück zu kommen. Was die Wahl betrifft wäre ein Mischung aus Sparen und Investieren der bessere Weg.
Da alle anderen Partein schon bewiesen haben das sie es nicht können lasst es doch mal die neuen Versuchen, noch schlimmer können die es garnicht machen.

27.04.2018 21:32 Wieland der Schmied 7

Im Kaiserreich gehörte Gera zu den 10 reichsten Städten. Wie auch in Leipzig und anderswo kamen 1990 die Glücksritter aus den Westen mit ihrer 68iger links-grünen Dominanz und hauten auf den Pútz, obwohl sie keinerlei Ahnung hatten.
So kam es wie es kommen mußte, die Stadt war urplötzlich pleite.Man hatte zur Abwehr versucht, soviel wie möglich „Tafelsiber“ zu verscherbeln. Die größte Nummer war das Heizkraftwerk Nord, das an einen französichen Großinvestor ging, der lange feilschte, bis man ihm ein großzügiges Angebot machte, man wolle alle Verluste aus dem Werk aus der Stadtkasse erstatten. Da war die Tinte auf dem Vertrag noch nicht trocken, da wuchsen die Verluste und wachsen wahrscheinlich immer noch weiter.
Die Stadt steht seit Jahren unter Kuratel, d.h. Zwangsverwaltung. Der Fiskus gibt von den Einnahmen nur soviel heraus, was er nach der Schuldendeckung noch übrig hat.
Die rot-ultrarot-grüne Landesregierung steht nicht besser da leidet an den gleichen Symptomen.

27.04.2018 19:29 Ex-AfD-Wähler aus Gera 6

Also, ich hab im ersten Wahlgang AfD gewählt, aber ich bin nur noch entsetzt. Was soll denn bitte in Gera noch gespart werden? Es muss mal ordentlich Geld investiert werden. Totgespart haben wir uns seit der Wende bereits genug. Das Ergebnis ist doch immer nur gewesen dass die Stadt noch weniger attraktiv wurde und noch mehr Familien weggezogen sind.

27.04.2018 16:43 Walter 5

Das linke Gera wählt plötzlich rechts. Für manche eine Katastrophe.

Wenn die Linken halt versagt haben, müssen es halt andere versuchen!

Aber egal, Gera ist eh eine tote Stadt.

Wenn ich in die „Stadt“ fahre, dann an Gera vorbei weiter nach Chemnitz.

27.04.2018 13:22 oTToDix 4

@Peter: das Ihnen als Genosse (SPD) das Wort Sparen fremd ist, haut mich nicht wirklich um. Der "Rest" Ihres und @Andre's Beitrages schon, es wird ja immer amüsanter...