Wahlplakate aus Sachsen.
Vernachlässigen Parteien ihre Wahlwerbung im ländlichen Raum? Ja, meint der Politikwissenschaftler Matthias Quent. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Kommunalwahlen 2019 Weniger Wahlplakate im ländlichen Raum

Wer auf dem Dorf lebt, bekommt weniger Wahlplakate zu Gesicht – das sagt jedenfalls ein Politikwissenschaftler aus Jena. Er befürchtet, dass viele Parteien den ländlichen Raum vernachlässigen. Doch hängen auf dem Land tatsächlich weniger Plakate?

von Mareike Wiemann, MDR AKTUELL

Wahlplakate aus Sachsen.
Vernachlässigen Parteien ihre Wahlwerbung im ländlichen Raum? Ja, meint der Politikwissenschaftler Matthias Quent. Bildrechte: MDR/Diana Köhler

Nicht einmal drei Wochen sind es noch bis zu den Wahlen. Doch im Städtchen Borna südlich von Leipzig ist davon nicht allzu viel zu spüren: Selbst an der B93, die quer durch den Ort führt, lassen sich nur vereinzelt Wahlplakate an Laternenpfosten entdecken.

Für Aufsehen bei den Bürgern sorgt das hier aber nicht. Bei einer kleinen Umfrage auf der Straße fielen Antworten wie "Ich guck da gar nicht drauf, weil es mich eigentlich nicht interessiert" und "Ich gehe eh nicht wählen".

Wahlkampf im Internet

Ob die meisten Wahlplakate in Borna also nur noch nicht aufgehängt wurden? Nein, sagt Henry Kunze von der lokalen CDU. Seine Partei gehe bei der Werbung für die Kommunalwahl einen neuen Weg: "Wir machen zwei große Plakate an den Hauptstraßen. Und konzentrieren uns dann mehr auf Flyer, über die wir mit den Leuten direkt in Kontakt kommen wollen."

Direkt ins Gespräch kommen, das ist es, worauf Kunze setzt. Außerdem lege der Ortsverband den Fokus auf das Internet, sagt er. Die Homepage werde wöchentlich aktualisiert und die Facebook-Seite noch häufiger.

Keine Zeit fürs Plakatieren

All das sei wichtiger, als viel Energie in die Plakate zu investieren, denn die Parteien müssten diese selbst auf- und dann auch wieder abhängen, erklärt Kunze.

Die Kandidaten seien auch alle beruflich eingespannt. Deshalb sei das Plakatieren auch nicht so einfach, denn dafür fehle die Zeit. Kunze sieht die Sache pragmatisch und meint, dass er auch ohne Plakate die Wähler mobilisieren könne.

Bürger könnten sich vernachlässigt fühlen

Für den Politikwissenschaftler Matthias Quent vom Jenaer Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft aber hängt viel mehr an diesem Verzicht. Denn die Anwohner könnten das Gefühl entwickeln, dass sie von den Parteien im Stich gelassen werden und die sich nicht um die Region kümmern würden.

Rechtsextreme nutzen gezielt Plakatwerbung

Dr. Matthias Quent
Matthias Quent sieht in der mangelnden Plakatierung der Parteien eine Lücke, die vor allem Rechtsextreme für ihren Wahlkampf nutzen würden. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Diese Entwicklung sieht Quent problematisch, denn das sei ein Zeichen dafür, "dass es einen Rückzug gibt und Nischen entstehen, die Rechtsradikale füllen können".

Quent spielt auf den Landkreis Hildburghausen in Thüringen an: Dort hängt bislang fast nur Wahlwerbung des "Bündnis Zukunft Hildburghausen" um den Neonazi Tommy Frenck. Das sei aber nicht das einzige Beispiel, schon seit einigen Jahren gebe es die Tendenz, dass die Alt-Parteien sich bei Wahlkämpfen aus der Fläche zurückziehen würden, weil sich die Arbeit dort nicht rechne, erklärt Quent.

Parteien weisen Vorwurf zurück

Es sind Beobachtungen, die die Parteien so nicht stehen lassen wollen. Auf Anfrage von MDR AKTUELL antwortet etwa die FDP Sachsen, die Plakatierung in den Großstädten sei genau so wichtig wie in den ländlichen Gebieten.

Die Linke erklärt, es gebe keine Beschlüsse im Sinne von "Dort hängen wir nichts auf". Die AfD möchte keine Auskunft geben zu ihrem wahlstrategischen Vorgehen.

Wahlwerbung bestimmen Ortsverbände selbst

Lokalpolitiker Henry Kunze sagt, bei der CDU könne jeder Ortsverband selbst entscheiden, welcher Fokus bei der Wahlwerbung gelegt werde. In Borna habe man sich eben gegen viele Plakate entschieden. Die Demokratie sehe er dadurch nicht in Gefahr.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 07. Mai 2019 | 06:09 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. Mai 2019, 05:00 Uhr

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8 Kommentare

07.05.2019 20:18 D.o.M. 8

... sagt der Wissenschaftler !

07.05.2019 18:42 Gerald 7

Bürger könnten sich vernachlässigt fühlen
Glaube ich eher nicht! Die Meisten sind froh, daß solche Plakate mit Ihren Slogan nicht aufgestellt werden! Sind doch soundso nur Worthülsen, was da draufsteht! Meistens noch ohne Sinn!
Außerdem wer macht heutzutage seine Wahlentscheidung von den Slogan der Wahlplakate abhängig! Ich kenne nicht eine Person, der wegen diese Plakate eine bestimmte Partei wählt! Nicht mehr zeitgemäß!
Da gibt es andere Möglichkeiten in der heutigen Zeit, um sich zu informieren, welche Partei man in der Wahlkabine wählt!

07.05.2019 15:34 Spottdrossel 6

Wahlplakate sind Ressourcenverschwendung. Diese Plakate liest doch kaum noch jemand, da diese doch ohnehin nur Worthülsen bieten.

07.05.2019 11:56 Michael Möller 5

Entschuldigung: letzter Satz sollte eigentlich wie folgt heißen : eine Schande ist das

07.05.2019 10:47 Wo geht es hin? 4

Je weniger von diesem Schildermüll, um so besser!

07.05.2019 10:46 winfried 3

Herr Quent spricht von einer Lücke, die "den Rechten" gelassen wird.
Herrn Quent bleibt es unbenommen diese Lücke mittels aufhängen ihm genehmer Partei-Plakate zu füllen.
Damit könnte er sein akademisches Anliegen durch handeln untermauern.
Bis jetzt habe ich den Eindruck, er frönt dem Motto ...
... Was ist richtig ?! ... Laß mir oder laß mich arbeiten ?! ... Richtig, laß Andere arbeiten !

07.05.2019 10:26 Michael Möller 2

interessanter Artikel der sehr Tief blicken lässt wie unsere Politiker sowie ihre Parteien über den Ländlichen Raum denken würde ich die Behauptung aufstellen. nicht nur das die Infrastruktur fehlt, nein auch die Parteien sind nicht vor Ort und dann aufschreien wenn auf dem Land andere Parteien gewählt werden. was für eine scheinheilige Auffassung kann man da nur sagen. auch bei uns hier in Hessen wurde bis jetzt keine Person von den Parteien gesehen oder Material im Briefkasten gefunden für was die Parteien stehen oder die Politiker. eine Schande ich sagen.

07.05.2019 05:43 Frank von Bröckel 1

TROTZ zwischenzeitlich erfolgter Ersatzenkelstampede wird der demographische Wandel in den 2020er Jahren ja TROTZDEM nicht ausfallen!

Da müssen sich wohl sehr viele Leute noch sehr viele gute Ausreden einfallen lassen!

Und die müssen schon SEHR gut sein!