Justizwachtmeister üben im Landgericht in Hannover (Niedersachsen) den Einsatz von Pfefferspray während einer Angreifersituation.
Solange Häftlinge keinen Überraschungsmoment ausnutzen, kommt es selten zu Entweichungen. Bildrechte: dpa

Justiz in Sachsen-Anhalt Zu wenige und zu alte Wachtmeister angestellt

Es ist ein Jahr her, da floh ein Häftling trotz zweier Wachtmeister und Handschellen aus dem Amtsgericht in Quedlinburg. Kein Wunder, hieß es vom Verband der Justizwachtmeister sinngemäß. Die Kollegen hätten die 50 zum Großteil weit überschritten, seien dem jungen Klientel nicht gewachsen. Seit 2016 sind in Sachsen-Anhalt fünf Gefangene bei einem Gerichtstermin geflohen. Vier allein im vergangenen Jahr.

von Anne-Marie Kriegel, Landeskorrespondentin Sachsen-Anhalt MDR AKTUELL

Justizwachtmeister üben im Landgericht in Hannover (Niedersachsen) den Einsatz von Pfefferspray während einer Angreifersituation.
Solange Häftlinge keinen Überraschungsmoment ausnutzen, kommt es selten zu Entweichungen. Bildrechte: dpa

Einer nutzte ein Gespräch mit seinem Verteidiger auf dem Gerichtsflur, um noch in Handschellen einfach abzuhauen – zu entweichen, wie es im Fachjargon heißt. Ähnliches Spiel in zwei weiteren Fällen. Wieder auf dem Gerichtsflur, wieder der Überraschungseffekt. In den zwei anderen Fällen waren die Häftlinge so aggressiv, dass sie die Beamten verletzten und dann fliehen konnten.

Sorge vor aggressiver werdenden Häftlingen

Rolf Ihlau arbeitet seit fast 30 Jahren am Amtsgericht in Stendal. Dort ist er erster Justizhauptwachtmeister und Vorsitzender des Verbandes der Justizwachtmeister. Wenn er auf das vergangene Jahr seit den Vorfällen zurückblickt, stellt er fest:

Verändert hat sich in dem Sinne nicht viel. Die Kollegen geben sich die beste Mühe, um eben sowas zu verhindern. Sie bemühen sich.

Rolf Ihlau, Amtsgericht Stendal

Aber es fehle immer noch vor allem an Kollegen. Denn der Job werde nicht einfacher sagt Ihlau. Sorge bereite ihm die zunehmende Aggressivität: "Ein Bürger kommt hier her, hat eine bestimmte Sichtweise seiner Wahrheit, seines Rechtsempfindens, die dann eventuell nicht bestätigt wird", schildert der Justizhauptwachtmeister. In dem Fall zeige der Bürger kein Verständnis und reagiere– verbal oder auch körperlich – aggressiv. Dagegen müsse man gewappnet sein.

Durchschnittsalter von Wachtmeistern knapp über 50

Weiteres Problem: Der Altersdurchschnitt ist konstant hoch. Das sieht auch die zuständige Justizministerin Anne-Marie Keding von der CDU so. Seit 2017 bilde man deshalb vermehrt Justizwachtmeister aus, sagt die Ministerin. Im vergangenen Jahr sei das Durchschnittsalter das erste Mal leicht auf knapp über 50 gesunken. Ein erster, kleiner Erfolg.

Sachsen-Anhalts Justizministerin Anne-Marie Keding gibt ein Interview
Sachsen-Anhalts Justizministerin Anne-Marie Keding. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Altersdurchschnitt müsse aber weiter sinken. Aber die Justizministerin meint: "Entweichungen sind immer ein Problem. Wenn der Überraschungseffekt ausgenutzt wird, oder wenn jemand mit hoher krimineller Energie vorgeht, dann sind Sie manchmal auch nicht davor gefeit, wenn Sie 25 und durchtrainiert sind."

Sportlichkeit und psychische Stärke seien für den Beruf dennoch unabdingbar, erwidert Beatrix Schulze, Vorsitzende der Deutschen Justizgewerkschaft in Sachsen-Anhalt. Für sie könne der Altersdurchschnitt im Idealfall gut und gern bei 30 bis 35 liegen, sagt sie. Und jünger gehe immer.

Investitionen für bröckelnde Strukturen wichtig

Wirklich helfen könne aber den Justizwachtmeistern nur eins, ist Beatrix Schulze fest überzeugt. Geld. "Wenn nicht kräftig seitens des Finanzministeriums und der Landesregierung in die personelle Ausstattung, in allen Bereichen, in die Sachausstattung, in die Infrastruktur, in die Technik investiert wird, sehe ich da schwarz," meint Schulze. Momentan bröckele die Säule, das Fundament.

Es werden hier und da Löcher gestopft. Mal hier ein bisschen Mörtel, mal da ein bisschen Zement, auf der anderen Seite wirft sich wieder ein neues Loch auf.

Beatrix Schulze, Deutsche Justizgewerkschaft Sachsen-Anhalt

Die Haushaltsverhandlungen laufen in Sachsen-Anhalt derzeit auf Hochtouren. Da sei man am Verhandeln, versichert Ministerin Keding.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 20. August 2019 | 05:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. August 2019, 05:00 Uhr

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7 Kommentare

21.08.2019 17:40 Gerd Müller 7

Polizisten sollten nicht schlechter als Soldaten gestellt werden und uniformiert Bahn kostenlos nutzen dürfen. Ich bin dafür das die freie Fahrt auf alle bewaffneten Organe angewendet wird. Wir brauchen mehr junge motivierte Beamte die bundesweit gleich entlohnt bzw. besoldet werden da sie falls erforderlich bundesweit eingesetzt werden.

20.08.2019 18:09 GRUEN UNSERE ZUKUNFT 6

von Weitsicht bei der Planung sollte nicht gesprochen werden. Die Hürden Polizeianwärter zu werden sollten schon hoch sein und natürlich sollte ein Wachtmeister einen wegrennenden Angeklagten einholen können, wobei aus sicherheitsgründen Angeklagte ruhig mit Hand und Fußfesseln am Wegrennen oder andere Angreifen gesichert werden sollten. Vllt. sollten die bestehenden Vorschriften den aktuellen Gegebenheiten angepasst werden.

20.08.2019 17:06 Fragender Rentner 5

Wo sollen auch die Jüngeren herkommen?

Viele Jüngere nach 1990 abgewandert und wer soll dann wohl die Kinder bekommen ?

War die Rede von ca. 2 Mio. !

20.08.2019 13:37 Anja 4

du Herr kluger Oberlehrer Mediator mußt dir mal die Frage stellen wenn du es überhaubt kannst warum sind überaltert, warum ? weil unsere Frauen arbeiten gehen mußten wieder nach der Wende und viele ungereimtheiten / unsicher es zu dieser Zeit es waren nach 1990, was zu DDR- Zeiten nicht der Fall war, da konnte man sich noch Kinder anschaffen die in Sicherheit, Anstand, Ordnung guter Bildung aufgewachsen sind, danach Asche !

20.08.2019 12:14 Anja 3

@ 1 , was dich nichts angeht !

20.08.2019 10:17 Bingo 2

Man versteht das ganze gejammer nicht mehr, angeblich geht die Kriminalität ja zurück. Jetzt werden die Häftlinge auf einmal zunehmender aggressiv. Was sind da die Ursachen ?? Liegt das vielleicht an der Herkunft der Häftlinge ,Stichwort" Andere Länder andere Sitten". An der "Weichspülerziehung" der jugendlichen Bevölkerung, in Kika und Schule kann es ja wohi nlcht liegen.

20.08.2019 09:42 Mediator 1

Stellt sich die Frage, wo man die jungen Menschen für diese Ausbildung in einem kontinuierlich schrumpfenden und überalterndem Land hernehmen will.

Demografie ist eine verdammt fiese Sache.
"Mit einem Durchschnittsalter von mehr als 47 Jahren ist Sachsen-Anhalt das Bundesland mit den ältesten Einwohnern." meldete der MDR erst vor kurzen. (Beitrag: "Studie bescheinigt Sachsen-Anhalt schlechteste Zukunftschancen")

Der Altersdurchschnitt im Bund liegt bei 44,3 Jahren. Insgesamt ist der Osten überaltert, was sich wohl auch in den Wahlergebnissen niederschlägt, wo in Sachsen 43% der Wähler über 60 sind. Was die wohl wählen?