Landarztgesetz in Sachsen-Anhalt Nicht nur Studienplätze gegen Hausarztmangel

Sachsen-Anhalt hat als eines der ersten Bundesländer ein "Landarztgesetz" beschlossen. Im Herbst haben die ersten 20 Bewerber die Zusage erhalten und das Studium aufgenommen. Das "Landarztgesetz" reserviert fünf Prozent der Medizinstudienplätze für Kandidaten, die sich verpflichten, nach dem Studium in ländlichen Regionen als Hausarzt niederzulassen. Das Sozialministerium fordert aber auch mehr Engagement von den Kommunen.

Landarzt am Telefon macht sich Notizen. Fahrzeug des Arztes mit Hinweisschild Arzt im Einsatz
Es gibt zu wenig Hausärzte in Sachsen-Anhalt. Deshalb vergibt das Land seit dem Herbst 2011 Studienplätze an Medizinstudenten, die sich danach in ländlichen Regionen niederlassen. Bildrechte: imago images / Jochen Tack

Marie Luise Greulich gehört zum ersten Studiengang in Sachsen-Anhalt, der von der Landarztquote profitiert. Die  24-Jährige lässt sich jetzt in Magdeburg zur Medizinerin ausbilden und erfüllt sich damit einen Traum: "Endlich das machen zu können, was ich mir immer gewünscht habe. Wo ich das Gefühl habe, das ist genau das Richtige für mich. Da passe ich rein. Das will ich. Das werde ich gut machen."

Mit Berufserfahrung punkten

Normalerweise wäre sie an den strengen Zulassungsvoraussetzungen für das Medizinstudium gescheitert. Dazu gehört zum Beispiel ein überdurchschnittliches Abitur. Doch Marie Luise Greulich kann mit ihrer Berufserfahrung punkten. Sie ist ausgebildete Krankenschwester, hat zuvor in der Notaufnahme einer Klinik gearbeitet und hat damit den meisten anderen Studienanfängern etwas voraus. Für Bewerber wie sie ist das Programm gedacht.

Greulich sagt, sie wisse ganz genau, was auf sie zukomme - und auch, dass es stressig werde: "Ich werde mich auch richtig durchbeißen müssen. Ich muss bestimmt auch viel nachholen in Physik und Biologie. Ich habe aber auch ganz viele ärztliche Kollegen und Freunde von der Arbeit, die alle an mich glauben und mich bei den Tests und beim Lernen unterstützt haben. Und die mir sagen, dass ich mit meiner Berufserfahrung und meinem Wissen viel Glück habe und einen Vorsprung."

Keine Extrawurst für angehende Landärzte

Alle Bewerber mussten zuvor umfangreiche Tests bestehen. Insgesamt gab es für die 20 Plätze über 200 Kandidaten, sogar aus Österreich. Das große Interesse freut Professor Thomas Frese. Er leitet die Medizinerausbildung an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Professor Thomas Frese exakt
Prof. Thomas Frese Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Er stellt aber auch klar, dass es für die angehenden Landärzte keine Extrawürste geben werde: "Das Medizinstudium ist in Deutschland in einem sehr hohen Maße standardisiert. Das heißt, die Studierenden kriegen im Wesentlichen die gleichen Inhalte wie alle anderen Studierenden auch. Es wird für sie nicht leichter. Es wird auch nicht schwerer."

Thomas Frese denkt aber schon weiter und glaubt, dass das Studium durch die Quereinsteiger deutlich praxisorientierter werden könnte. Denn der Alltag eines Landarztes hat viel mit Arbeitsorganisation und Betriebswirtschaft zu tun. Und oft ist die Praxis auch Kummerkasten und Umschlagplatz für die neuesten Nachrichten.

Es ist eine Chance und eine Bereicherung.

Prof. Thomas Frese Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Frese zufolge wird man Studierende sehen, "die über Berufsausbildungen verfügen, die eine andere Perspektive mitbringen als jemand, der unmittelbar nach dem Abitur ins Studium einsteigt. Das wird immens wertvoll sein. Studierende stellen einfach Fragen. Das bringt einen selber immer wieder zum Nachdenken, zum Nachlesen und manchmal treibt es sogar Forschung an. Und das ist gut so und schön."

Gesundheitsministerin fordert Engagement von den Kommunen

Das Potential der Landärzte hat auch Gesundheitsministerin Petra Grimm-Benne längst erkannt und freut sich nun über eine planbare Größe: "Ich bin ganz stolz darauf, dass einige Gemeinden erkannt haben, dass auch die Kommunen etwas tun müssen um im ländlichen Raum ärztliche Versorgung zu erhalten."

Sachsen-Anhalts Sozialministerin Petra Grimm Benne (SPD)
Sachsen-Anhalts Sozialministerin Petra Grimm Benne (SPD) fordert mehr Engagement von den Kommunen. Bildrechte: imago images / Christian Schroedter

Die Ministerin sagte MDR AKTUELL, Stipendien seien ganz wichtig. Gleichzeitig weiß die SPD-Politikerin aber, dass damit nicht alle Probleme bei der medizinischen Versorgung auf dem Lande gelöst werden können. Sie nimmt deshalb die Städte und Gemeinden in die Pflicht: "Ich bin stolz darauf, dass sich Osterburg und Stendal in der Altmark auf den Weg machen. Das wäre auch ein schönes Praxisbeispiel für den Burgenlandkreis oder Mansfeld-Südharz. Die können einfach nachziehen."

Große Versorgungslücken auf dem Land

Die Versorgungslücken jedenfalls sind in den vergangenen Jahren immer größer geworden. Nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt sind in den Landkreisen aktuell rund 250 Hausarztstellen nicht besetzt. Um die Mediziner auf das Land zu locken, gibt es inzwischen verschiedene Anreizprogramme. Sie locken mit Stipendien, Praxisräumen und Wohnungen.

Diese Programme werden noch eine Weile gebraucht. Denn die neuen Landärzte haben gerade erst mit ihrem Studium begonnen. Es wird also noch einige Jahre dauern, bis sie ihre erste Sprechstunde anbieten können.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 03. Januar 2021 | 05:00 Uhr

8 Kommentare

THOMAS H vor 2 Wochen

Uwe B: Deshalb hat ja das MDR-Team einen Hinweis angegeben, wo sich alle informieren können, wie das System in Büsum funktioniert. Dort geht es nicht nur um die Ärzte, sondern auch um die Versorgung der Patienten in der Häuslichkeit. Ich hatte ja geschrieben, daß dieses Einrichtung als Vorbild herangezogen werden sollte. Einfach mal reinschauen.

Uwe B vor 2 Wochen

Was ist eigentlich aus dem Agnesprogramm geworden? Die Ideen eines Thomas H entlasten ja die Ärzte nicht. Dazu braucht man qualifizierte Helfer. Zur Bewältigung der Bürokratie braucht man keine medizinische Ausbildung, eher eine kaufmännische.

Anni22 vor 2 Wochen

Warum nur 5 Prozent? Wenn die dringend gebraucht werden, dann halt 50 Prozent oder eben alternativ eine 5 Jahres Pflicht für alle, dahin zu gehen, wo sie gebraucht werden.