Ein Mann ohne Haare steht mit einem Mikrofon in der einen Hand vor einer Leinwand. Mit der anderen Hand gestikuliert er
Für FDP-Spitzenkandidat Thomas L. Kemmerich ist Estland Vorbild bei der Digitalisierung in der Bildung. Bildrechte: MDR/Bernhard Klingborn

Interviewreihe zur Thüringenwahl Thüringens FDP-Spitzenkandidat im Faktencheck

Bei MDR AKTUELL beziehen die Spitzenkandidaten der Thüringen-Wahl Stellung. Der Kandidat der FDP, Thomas L. Kemmerich, hat sich im Interview dafür ausgesprochen, Schule digitaler zu gestalten. Außerdem ging es um eine Reform des Baurechts und ums Wohnen außerhalb der Städte.

Ein Mann ohne Haare steht mit einem Mikrofon in der einen Hand vor einer Leinwand. Mit der anderen Hand gestikuliert er
Für FDP-Spitzenkandidat Thomas L. Kemmerich ist Estland Vorbild bei der Digitalisierung in der Bildung. Bildrechte: MDR/Bernhard Klingborn

"In Estland finden 30 Prozent der Schulstunden online statt"

Das sagte Thomas L. Kemmerich, als es im Interview mit MDR AKTUELL um den großen Komplex "Bildung und Digitalisierung" ging, dem sich die FDP und ihr Spitzenkandidat verschrieben haben. Im Radio-Interview sagte Kemmerich, das große Problem sei, dass Schule ausfalle und Schulstunden nicht gegeben würden. Das müsse kurzfristig gelöst werden. Als Beispiel nannte er Estland, in dem 30 Prozent der Schulstunden online stattfinden würden, was besser sei, als wenn sie ausfielen.

Alle Schulen in Estland seit 1999 am Netz

Tatsächlich ist Estland so etwas wie der Vorreiter für digitales Lernen in Europa: Alle Schulen im Land sind bereits seit 20 Jahren online, Smartphones, Tablets und Computer sowie digitales Lernmaterial gehört quasi zu Grundausstattung fast jeder Schule. Ab 2020 soll es alle Schulbücher digital geben. Estland ist nicht nur europäischer Spitzenreiter beim Einsatz von moderner Technik im Unterricht, sondern derzeit auch Europas Nummer eins im PISA-Ranking.

Wie das estnische Bildungsministerium auf Anfrage von MDR AKTUELL mitteilte, verwendet mehr als die Hälfte der Schulen kostenloses digitales Lernmaterial. Außerdem gibt es Programme wie das digitale Klassenbuch "eKool" (e-school), in dem Eltern, Schüler und Lehrer kommunizieren. Es bietet Zugriff auf Noten, Fehlstunden, Hausaufgaben sowie Lerninhalte.

Schüler, die krank zu Hause bleiben müssen, können den Unterrichtsstoff und Hausaufgaben abrufen.

Das breite Angebot an verschiedenen Online-Lösungen bedeutet laut Ministerium jedoch nicht, dass Kinder in Estland alles online lernen. Die meiste Zeit seien die Kinder in der Schule. Außerdem verwendeten fast alle estnischen Schulen elektronische Lösungen zur Aufzeichnung des Studienprozesses.

Die Frage, ob mit Hilfe des digitalen Schulsystems in Estland auch Lehrer ersetzt werden, beantwortete der Sprecher des Ministeriums nicht explizit. Richtig sei aber, dass mindestens 30 Prozent des Schulunterrichts online stattfindet, was bedeute, dass digitale, elektronische und Online-Lösungen verwendet werden.

Mehr Eigenverantwortung gefordert

Zum Thema Bildung sagte Kemmerich außerdem, dass sich die FDP für "selbstverantwortliche Schulen" einsetze. Das solle vor allem mehr Budgethoheit bedeuten, damit die Schulen auf kurz- und langfristige Engpässe, auch beim Personal, schneller reagieren könnten. So sollten unter anderem auch reaktivierte, pensionierte Lehrer und Quereinsteiger mit dafür sorgen, dass kein Unterricht ausfiele.

Dazu erklärte der Sprecher des Thüringer Bildungsministeriums, Frank Schenker, dass die Thüringer Schulen ein Budget von 30 Euro pro Schüler und pro Jahr erhielten. So habe eine Schule mit 300 Schülern zum Beispiel 9.000 Euro zur Verfügung. Damit sollen außerunterrichtliche Maßnahmen wie Arbeitsgemeinschaften finanziert werden. Außerdem werde das Geld zur Gesundheitsförderung für Lehrkräfte und Erzieher eingesetzt.

Zur Unterrichtsabsicherung selbst könne das Geld aus rechtlichen Gründen nicht eingesetzt werden, sagte Schenker. Kemmerich beziehungsweise die FDP müssten hier die Gesetzeslage entsprechend ändern. Zum Teil liegt die Zuständigkeit auch nicht allein beim Land: Aufgrund bundesrechtlicher Regelungen dürfe Honorartätigkeit keine reguläre Beschäftigung ersetzen, erklärt Schenker. Es gebe aber bereits die Möglichkeit für pensionierte Lehrkräfte oder solche, die kurz vor dem Ruhestand stünden, länger zu arbeiten oder wieder in den Lehrberuf zurückzukehren.

54 Quereinsteiger in diesem Jahr

Wenn sich für eine Stelle kein ausgebildeter Fachlehrer oder keine Fachlehrerin findet, können seit knapp zwei Jahren auch Seiteneinsteiger eingestellt werden. Vorher war dies nur in berufsbildenden Schulen möglich. Dabei kamen allein bis Juli dieses Jahres 54 Nicht-Pädagogen in den Schuldienst, bei 851 Neueinstellungen insgesamt. Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke) hatte bei der Vorstellung der Zahlen Mitte August allerdings eingeräumt, dass es trotzdem zu Unterrichtsausfällen kommen könnte. Auch sei es schwer, die restlichen Stellen zu besetzen. Der Bewerbermarkt sei leergefegt. Insgesamt wollte Holter in diesem Jahr 1.200 Lehrkräfte in den Schuldienst holen.

Ministeriumssprecher Schenker zufolge können Schulleitungen bei der Personalfindung mitwirken. Schulleiter könnten geeignete Bewerber vorschlagen, sofern keine weiteren Bewerbungen vorlägen.

Thema Wohnungsbau

Im Interview sagte Kemmerich, das Baurecht sei so verkompliziert und mit Auflagen versehen, dass Bauen viel teurer als notwendig sei. Er setzt sich dafür ein, dass neue Bauflächen ausgewiesen werden und das Baurecht allgemein vereinfacht werden soll. Als Vorbild nannte Kemmerich Holland.

Wir sagen: Bauen, bauen, bauen!

Thomas L. Kemmerich FDP-Spitzenkandidat Thüringen

Experten kritisieren seit Jahren vor allem die vielen Auflagen im deutschen Baurecht. In einer Studie hat das Institut für Wirtschaft in Köln in Richtung Niederlande geblickt. Während in Deutschland die Kosten für Neubauten in Deutschland in den letzten zehn Jahren um 33 Prozent gestiegen sind, waren es laut der Studie in den Niederlanden nur sechs Prozent.

Ein Grund für den großen Unterschied zwischen den beiden Ländern sind Baunebenkosten wie Maklerprovisionen und Notarkosten. Sie liegen in den Niederlanden wesentlich niedriger und lassen sich teilweise sogar von der Steuer absetzen. Auch schlägt zu Buche, dass die Grunderwerbssteuer in den Niederlanden nur zwei Prozent beträgt, Neubauten sind oft komplett von der Steuer befreit. In Deutschland werden je nach Bundesland noch einmal zwischen 3,5 und 6,5 Prozent des Kaufpreises für eigenen Grund und Boden fällig.

"Blick weg von den Zentren richten"

Laut Kemmerich sind die Wohn-Probleme in größeren beziehungsweise beliebten Städten "sehr lokale Ereignisse". Zwanzig Minuten außerhalb von Jena sei der Wohnungsmarkt "völlig entspannt".

Der Marktplatz mit dem Rathaus in Apolda.
In Apolda ist Wohnen deutlich billiger als in Jena. Bildrechte: MDR/Conny Mauroner

Laut dem Webportal Immobilienscout24 weist Jena das mit Abstand höchste Mietpreisniveau für ganz Thüringen auf. Zwei Besonderheiten gibt es: zum einen die hohe Zahl an Studenten, die etwa ein Viertel der Einwohner der Stadt ausmachen. Außerdem sind laut Immobilienscout24 etwa die Hälfte der Haushalte in Jena Einpersonenhaushalte. Der durchschnittliche Mietpreis beträgt 8,66 Euro pro Quadratmeter.

Schaut man in die nähere Umgebung, sieht diese Zahl tatsächlich "entspannter" aus. In 20 Auto-Minuten Entfernung von Jena Richtung Norden befindet sich Apolda. Dort liegt laut dem Immobilienportal immowelt.de der durchschnittliche Quadratmeterpreis bei 5,25 Euro. Richtung Südosten liegt Stadtroda mit 6,25 Euro pro Quadratmeter. Im Süden werden in Kahla durchschnittlich 6 Euro pro Quadratmeter verlangt und in Richtung Westen, in Magdala, waren es zuletzt im Schnitt 6,25 Euro pro Quadratmeter.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. September 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. September 2019, 17:22 Uhr

1 Kommentar

part vor 10 Wochen

Wie Herr Kemmrich hätte wissen müssen, ist zur Digitalisierung gar nicht die Infrastruktur in Thüringen und ganz Deutschland vorhanden wegen gewisser Kartelle. Die BRD liegt im unteren Mittelfeld in Europa zum Ausbau informeller Strukturen. Die Schwesterpartei der FDP hat daran einen entscheidenten Anteil, schließlich gilt es eine schwarze Null vorzugaukeln und die interessen von Parteispendern zu vertreten, ähnlich der FDP. Das aber der heutige Bildungsmangel Ursachen in vorangegangenen Koalitionen hat wird gern verdrängt und den Problemlösern zugeschrieben. Dieser Politiker sollte sich besser um sein eigenes Unternehmen etwas mehr bemühen, das er einem Familienmitglied übertragen hat, denn vor der eigenen Tür kehrt sichs besser...Nebenher bemerkt nimmt die Abwesenheit von in Thüringen geborenen Politikern in Führungspositionen schon einen breiten Raum ein...