Landtagswahl Thüringen FDP will Digitalisierung der Bildung

MDR AKTUELL empfängt die Thüringer Spitzenkandidaten zum Interview. FDP-Chef Thomas Kemmerich war nun der zweite im Reigen. Kemmerich will in Thüringen Bildung digitalisieren und Bürokratie abbauen.

Der FDP-Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Thüringen, Thomas L. Kemmerich, fordert im Kampf gegen Unterrichtsausfall neue Unterrichtsformen. Im Interview mit MDR AKTUELL sagte er, man solle sich mehr an Digitalisierungsvorreitern wie Estland orientieren. Hier würden 30 Prozent der Schulstunden online gegeben. Das sei besser als wenn Stunden ausfallen würden.

Schule mit Digitalisierung auf dem neusten Stand halten

Kemmerich sprach sich außerdem dafür aus, pensionierte Lehrer für den Schuldienst zu reaktivieren und mehr Quereinsteiger zu suchen. Es dürfe kein Unterricht ausfallen. Es sei wichtig, dass überhaupt Wissen vermittelt werde, wenn es schon nicht auf die perfekte Art ginge.

Christian Lindner (l), FDP-Bundesvorsitzender, und Thomas Kemmerich (r), FDP-Landesvorsitzender, stehen bei einer Kundgebung zum Wahlkampfauftakt der FDP Thüringen, nebeneinander.
FDP-Landeschef Kemmerich (re.) mit dem Bundesvorsitzenden der Partei, Christian Lindner. Bildrechte: dpa

Langfristig fordert Kemmerich, dass die Digitalisierung eine größere Rolle in der Schule einnimmt. Er kritisierte, dass Schulbücher häufig zu alt seien. Deswegen setze die FDP auf digitale Bildung. Mit Google könne man sich das aktuellste Wissen ziehen und die Wissensvermittlung immer auf den neusten Stand bringen. Dafür müssten auch den Lehrern Fort- und Weiterbildungen zum Thema geboten werden.

Kemmerich sprach sich dafür aus, dass das Handy auch einen Platz im Unterricht haben müsse.

Handys gehören zur Schule. Nicht in jeder Minute aber auch in den Unterricht. Kreidezeit darf nicht das Vorbild sein.

Thomas Kemmerich, FDP-Spitzenkandidat in Thüringen

Zudem forderte Kemmerich mehr Geld vom Bund für die Schulen. Das Leitbild der FDP sei die "selbstverantwortliche Schule". Sie wolle den Schulen mehr Kompetenz und Budgethoheit geben. Damit sollten Schulen besser auf kurz- und langfristige Engpässe reagieren können. Damit gemeint sind laut Kemmerich auch die Einstellung pensionierter Lehrer und Quereinsteiger für die Unterrichtsversorgung.

Kemmerich bekräftigte die zuletzt laut gewordene Forderung nach einem Zentralabitur, hält aber gleichzeitig am Bildungsföderalismus fest. Er glaube, der Wettbewerb um die Ideen der Schulsysteme sei durchaus gefragt. Der Lernerfolg und das Lernziel am Ende eines Schuljahres müssten aber einheitlich sein.

Teure Städte – entlegener ländlicher Raum

Jena von oben mit Eichplatz, Friedrich-Schiller-Universität und Intershop-Tower
Jena hat in Ostdeutschland mit die höchsten Mieten. Bildrechte: imago images / Karina Hessland

Angesichts der immer teurer werdenden größeren Städte in Thüringen, wie zum Beispiel Jena, sprach sich Kemmerich gegen eine Mietpreisbremse aus. Die Strategie der FDP sei "Bauen, Bauen, Bauen". Es müssten mehr Bauflächen ausgewiesen und das Baurecht vereinfacht werden. Dieses sei so verkompliziert worden, dass Bauen viel zu teuer und geworden sei.

Die FDP, deren alles überspannendes Thema auch in Thüringen die Digitalisierung ist, strebt außerdem eine Digitalisierung der Mobilität an. Über eine (noch zu entwickelnde) App könnten sich Bewohner kleinerer Orte zusammenfinden und gemeinsam einen Kleinbus oder Sammeltaxi bestellen, um im Halbstundentakt in die größeren Städte zu gelangen. Kemmerich forderte außerdem ein Thüringenticket. 23 Verkehrsverbünde seinen "unsinnig".

Kemmerichs Leitbild: "Breitband und Bratwurst"

In Deutschland zeichnet sich derzeit eine Rezession ab. Kemmerich sieht den Freistaat dafür schlecht gerüstet. In Thüringen gebe es erhöhte Kurzarbeit, außerdem sei der Fachkräftebedarf hier besonders hoch. Das seien Hemmschwellen für die Wirtschaft. er forderte eine Fachkräfteagentur, die weltweit Arbeitskräfte anwerben könne.

Thüringen müsse den "Sprung nach Vorne" schaffen. Als Vorbild nannte er Bayern, das vor 50 Jahren den Wandel vom Agrarland zum modernen Bundesland geschafft habe. Was dort "Laptop und Lederhose" geworden sei, müsse in Thüringen "Breitband und Bratwurst" werden.

Auch die vielen bürokratischen Hürden kritisierte Kemmerich. Hunderte Vorschriften wolle die FDP nach der Wahl schleunigst prüfen und auch streichen. Als Beispiel nannte er die Abmilderung der Datenschutzgrundverordnung in Thüringen, bei der zunächst gemahnt werden könnte, bevor eine Strafe folge.

Kemmerich kann sich Minderheits-Regierung vorstellen

Die Thüringer FDP rechnet nach der Landtagswahl mit einer schwierigen Regierungsbildung. Spitzenkandidat Kemmerich sagte, er gehe davon aus, dass Rot-Rot-Grün abgelöst werde. Dafür sei auch das Ergebnis der Liberalen entscheidend. Man wolle sieben bis acht Prozent erreichen. Darüber, ob seine Partei wie in Sachsen und Brandenburg, an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern könnte, mache er sich keine Sorgen.

Vielleicht müsse man auch neue Wege gehen und eine Minderheitsregierung wagen. Nach aktuellen Umfragen hätten weder Rot-Rot-Grün noch eine andere Koalition unter Ausschluss der AfD eine Mehrheit. Die Landtagswahl in Thüringen ist am 27. Oktober.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 22. September 2019 | 08:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 22. September 2019, 05:00 Uhr