Pandemie-Bekämpfung Corona-Warn-App: Wichtig ist auch, wer sie nutzt

Mindestens 60 Prozent müssten die geplante Corona-Warn-App installieren, um den gewünschten Erfolg zu erzielen. Für eine freiwillige App ist das eine sehr hohe Rate. Entscheidend ist aber auch, wer die App nutzt. Dr. Anja Knöchelmann vom Institut für medizinische Soziologie an der Uni Halle erklärt im Interview, welche sozialen Aspekte bei der App und der Pandemie-Bekämpfung eine Rolle spielen.

Dr. Anja Knöchelmann
Dr. Anja Knöchelmann forscht am Institut für Medizinische Soziologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg unter anderem zu Gesundheitskompetenz sowie zu sozialen Determinanten gesundheitlicher Ungleichheit. Bildrechte: Dr. Anja Knöchelmann

In anderen Ländern gibt es bereits Corona-Apps – welche zentralen Erfahrungen gibt es von dort bisher?

In Ländern, wo es solche Apps schon gibt, werden die viel weniger installiert als erhofft. Bei uns wurde ja auch gesagt, es müssten sehr viele Menschen die App installieren, damit sie wirklich sinnvoll ist. Aber in den Ländern, wo das freiwillig ist – so wie bei uns in Deutschland geplant – da machen es tatsächlich nicht so viele wie erhofft. Die "Stopp Corona"-App aus Österreich hat bislang zum Beispiel etwa 600.000 Downloads und damit nutzen diese App weniger als zehn Prozent der Bevölkerung. Man muss dazu sagen, dass auch das schon hilfreich ist, aber eben nicht zu einem wirklichen Eindämmen des Coronavirus führen wird.

Inwiefern kann die App denn helfen, Superspreading-Events zu erkennen?

Dabei kann die App sehr gut helfen. Bei den Superspreadern ist es so, dass eine Person sehr viele andere auf einmal ansteckt. Wenn man zum Beispiel in einem Raum ist oder in einer größeren Gruppe, kennt man nicht unbedingt alle Anwesenden. Das heißt, man kann dem Gesundheitsamt nicht alle Personen angeben, die man möglicherweise angesteckt hat. Unter diesen Personen kann aber ein Superspreader sein.

Ich denke, dass wir uns alle das Leben leichter machen und wieder strengere Maßnahmen ersparen können, wenn wir die App nutzen.

Dr. Anja Knöchelmann Institut für medizinische Soziologie Halle

Durch die App wäre es dann so, dass auch diejenigen benachrichtigt werden, die ich nicht persönlich oder namentlich kenne. In Verbindung mit Tests können dann damit weitere Superspreader relativ zeitig erkannt und isoliert werden. Eine weitere Verbreitung würde so gestoppt werden.

Superspreading Die meisten mit Corona infizierten Personen stecken nach bisherigen Erkenntnissen sehr wenige oder keine anderen Menschen an. Bei sogenannten Superspreading-Events dagegen steckt ein Infizierter gleich mehrere Menschen auf einmal an.

In Deutschland gab es solche Superspreadings zuletzt unter anderem bei Gottesdiensten und in Schlachthöfen.

Also müssen auch diejenigen informiert werden, die in der Nähe einer Kontaktperson eines bestätigten Infizierten waren?

Auf dem Bildschirm eines Smartphones ist der Startschirm einer Corona Warn-App abgebildet
Bei der Corona-Warn-App liegt eine hohe Eigenverantwortung bei den Nutzern. Bildrechte: dpa

Wenn jemand positiv getestet wird, muss er oder sie sich bei einer Hotline melden, damit die Funktion zur Meldung an die Kontakte freigeschaltet wird. Später soll das über einen QR-Code funktionieren, den man über den Arzt oder das Gesundheitsamt erhält. Dann werden alle, die in den letzten 14 Tagen in der Nähe dieser Person waren, automatisch über die App informiert.

Die nächsten Schritte wären dann, sich direkt in die Isolation zu begeben und sich beim Gesundheitsamt oder Arzt zu melden, um selbst getestet zu werden. Wenn das Ergebnis wieder positiv ist, trägt man das in die App ein und die App meldet das wieder an alle, die möglicherweise Kontakt hatten.

Welche Schwachstellen sehen Sie bei der App?

Erstmal muss wirklich die Nutzungsrate erreicht sein, ansonsten bringt die App nicht so viel, wie wir es uns erhoffen. Außerdem liegt relativ viel Verantwortung bei den Nutzern: Man muss immer das Handy dabei und Bluetooth immer eingeschaltet haben. Teilweise ist das Problem auch, dass Smartphones und Apps sehr ungleich genutzt werden. Ältere und sozial benachteiligte Gruppen nutzen diese Technik generell weniger – das sind aber genau diejenigen, die ein höheres Risiko für eine Erkrankung und einen schweren Verlauf haben. Damit könnten einige Superspreader nicht erfasst werden, aber auch diejenigen mit einem höheren Risiko für eine Covid-19-Erkrankung könnten dann teilweise nicht gewarnt werden.

Welche Rolle spielt es für die App, dass das Infektionsrisiko je nach Situation unterschiedlich ist – etwa ob Menschen eine Maske tragen oder sich im Freien aufhalten?

Natürlich ist die Ansteckungsgefahr geringer, wenn ich und mein Gegenüber eine Maske aufhaben oder wenn ich mich im Freien aufhalte. Trotzdem warnt die App erstmal alle. Man kann nicht nachverfolgen, ob man eine infizierte Person im Biergarten oder im Café drinnen getroffen hat. Dadurch können auch Personen in Isolation geschickt werden, wo das nicht sein müsste.

Besteht dann nicht die Gefahr, wiederholt durch einen Fehlalarm in Isolation geschickt zu werden?  

Diese Gefahr besteht durchaus. Und die Folgen davon, wenn man sich immer wieder in Isolation begeben soll, sind auch nicht zu unterschätzen. Daher ist es wichtig, dass man sich weiterhin an die Abstandsregeln hält. Es ist auch wichtig, dass man sich schnell beim Gesundheitsamt meldet und dass diese noch mehr Personal bekommen, um Tests schnell zu ermöglichen, um so die Zeit in Isolation möglichst zu verkürzen.

Wer wird denn die App Ihrer Einschätzung nach vor allem nutzen oder umgekehrt: Wer wird sie vor allem ablehnen?

Ich denke, die App wird vor allem von Personen mit höherer Bildung und höherem Einkommen genutzt. Jedenfalls wurde bei anderen gesundheitsbezogenen Apps und Webseiten häufig festgestellt, dass diejenigen mit niedrigerer Bildung oder auch ältere Menschen die weniger nutzen.

Was bedeutet das dann konkret für die Wirksamkeit der App bei der Pandemiebekämpfung?

Grundsätzlich ist es hilfreich, dass die App überhaupt genutzt wird. Denn es ist wahnsinnig wichtig, allen Betroffenen sehr schnell Bescheid zu sagen. Besonders wirksam ist die App aber vor allem dann, wenn diejenigen sie nutzen, die durch mehr Kontakt zu anderen ein hohes Risiko haben, selber angesteckt zu werden oder auch diejenigen, die ein hohes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. Wenn insgesamt eine Nutzungsrate von 60 Prozent erreicht wird, wäre das schon sehr gut. Aber prinzipiell ist es auch wichtig, wer die App installiert.

Was müsste denn noch passieren, um von der Pandemie besonders betroffene oder gefährdete Gesellschaftsgruppen besser schützen zu können?

Ich denke, Aufklärung ist da extrem wichtig. Die Quellcodes für die App wurden ja schon veröffentlicht und die Datenschutzbestimmungen wurden geprüft. Aber das muss auch kommuniziert werden. Man kann eben nicht jedem ein Smartphone in die Hand drücken und sagen: du nimmst das jetzt und lädst dir die App runter. Sondern es muss erklärt werden, warum die App wichtig ist, wie jeder seinen eigenen Beitrag leisten kann und welchen Nutzen ich davon habe, dass ich die App installiere.

Wichtig ist und bleibt auch, dass alle sich an die Abstandsregeln halten, die Handhygiene einhalten und sich testen lassen und isolieren, wenn sie Symptome bei sich erkennen. Covid-19 ist leider eine Krankheit, bei der man auch sehr auf die Mithilfe der anderen angewiesen ist, um sich selbst schützen zu können. Daher sollten sich möglichst alle beteiligen. Von Seiten der Regierung wäre es wünschenswert, wenn Masken verteilt werden. Dabei denke ich auch vor allem an sozial benachteiligte Gruppen. Man muss bedenken, dass es sich vielleicht nicht jeder auf Dauer leisten kann.

Wo sehen Sie die besonderen Stärken der App?

Wenn wirklich viele das nutzen, ist damit eine schnelle Kontaktverfolgung möglich und Studien haben gezeigt, dass das der Schlüssel ist, um die Pandemie unter Kontrolle zu bekommen. Dadurch, dass die App Personen automatisch über einen Kontakt zu einem Infizierten informiert, können wir viel mehr Menschen erreichen, wir können die Ausbreitung des Virus schneller eindämmen und ich muss mich nicht an jeden erinnern, den ich getroffen habe.

Welche praktische Bedeutung hat die App für den Alltag und wie wir möglicherweise unser Verhalten ändern können?

Momentan findet ja ohnehin vieles draußen statt, wo die Wahrscheinlichkeit, dass man sich infiziert, nicht so hoch ist. Aber wenn wir uns wieder mehr in geschlossenen Räumen aufhalten, kann die App dazu beitragen, dass die Maßnahmen nicht wieder so streng angezogen werden müssen, weil man viel schneller und gezielter nachverfolgen kann, wer wen getroffen hat.

Ich sehe aber auch, dass viele das eigene Risiko nicht mehr wirklich wahrnehmen. Es gibt viele, die das Problembewusstsein haben und die werden das auch beibehalten und wahrscheinlich diese App installieren. Aber Studien zeigen, dass die Einsicht, dass man selbst gefährdet ist, immer mehr zurückgeht. Und da sehe ich die große Gefahr, dass die App nicht installiert wird, weil man denkt, die Zahlen gehen doch runter und es ist doch alles gut.

Was sollte aus Ihrer Sicht passieren, um die Akzeptanz der App zu erhöhen?

Wenn die App auf den Weg gebracht wird, sollte das auch wissenschaftlich gut begleitet werden. Wenn man rausfindet, dass die App wirklich etwas bringt, kann das auch das Vertrauen stärken und dazu führen, dass die App besser angenommen wird.

Das MDR-Magazin "Hauptsache Gesund" widmet sich in seiner Ausgabe am Donnerstagabend ab 21:00 Uhr im MDR FERNSEHEN ebenfalls dem Thema Coronavirus. Hier erfahren Sie mehr dazu.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 09. Juni 2020 | 21:00 Uhr