Autozeit Autopapst Andreas Keßler: Corona-Krise vor allem Mobilitätskrise

Individuelle und selbstbestimmte Mobilität ist ein Grundbedürfnis und die Voraussetzung für soziale Teilhabe eines jeden Einzelnen. Deshalb ist das Automobil in seiner 135jährigen Geschichte ein echtes Erfolgskonzept geworden. Jedes Mobilitätsformat muss sich daher am Auto messen lassen. Andreas Keßler hinterfragt und diskutiert mit den Zuschauern von MDR um 4 die automobilen Visionen. Hier sein Standpunkt:

Alles, was vor einem halben Jahr ziemlich sicher war, hat die Corona-Krise förmlich pulverisiert. Das gilt insbesondere für Fragen der Mobilität: Die Corona-Krise ist vor allem eine Mobilitätskrise. Die staatlichen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit lassen keine andere Definition zu. Ob, wann und wie sich das wieder ändert, wird die Zukunft zeigen.

Das war natürlich schon immer so, aber die Mobilitätsperspektiven haben sich krisenbedingt ordentlich verschoben. Der so viel propagierte öffentliche Nah- und Fernverkehr ist ins Gerede gekommen: Zu eng, zu unsauber und fahrplanmäßig zusammengeschrumpft präsentiert sich das, was bis vor kurzem noch als "Mobilitätsform der Zukunft" bezeichnet wurde.

Der öffentliche Nahverkehr

Ein Frau fährt auf einem E-Tretroller auf einem Fahrradweg.
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Die Krise hat die Schwachstellen des Mobilitätsformates ÖPNV deutlich hervortreten lassen. Der mobile Mensch hat entsprechend reagiert und ist mehrheitlich aufs Fahrrad und in den privaten PKW gewechselt.

Dass Verkehrsstrategen darüber nicht erfreut sind, kann man sich denken. Was sie aber noch viel mehr verstimmt, sind katastrophale Einnahmeausfälle, die es den Verkehrsunternehmen faktisch unmöglich machen dürften, die Zukunftsaufgaben zu finanzieren.

Neben diesem Problem lastet das Ausschreibungs- und Beschaffungsrecht schwer auf Bussen und Bahnen, was bei Verbesserungen des Angebotes regelmäßig als Bremsklotz wirkt. Da spielt es fast keine Rolle mehr, dass die politischen Entscheidungsgremien ewig für Entscheidungen brauchen: Bis eine neue Strecke gebaut oder ein neuer Zug auf die Gleise gesetzt wird, vergehen nicht selten Dekaden. Die Mobilität der Zukunft wird sich so nicht in die Realität umsetzen lassen.

Zukunft und Visionen

Dabei fehlt es nicht an Ideen und Visionen, nur am Mut zur Umsetzung. Der vor einem Vierteljahrhundert hochgelobte Transrapid wurde in Deutschland so lange zerredet, bis man die Planungen auf- und die Konstruktion nach China gab. Dort erfreut er sich heute großer Erfolge.

Parkplatz zum Laden
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In der letzten Zeit gab es kaum einen Mobilitätskongress, der nicht die Verkehrs- und Mobilitätswende beschwor und die Elektromobilität als die Lösung aller verkehrlichen Umweltprobleme erkor. Derjenige, der das alles finanzieren sollte, nämlich der Autokäufer und Steuerzahler, hielt (und hält) sich dabei aber sehr zurück. Unattraktiv, lautet das Urteil.

Dabei ist es wenig zukunftsorientiert, das Prinzip der automobilen Mobilität, wie wir es kennen und lieben, einfach mit anderen Antriebsformen weiter zu schreiben. Wenn E-Mobilität, Wasserstoff und andere alternative Antriebsformen als „Mobilitätswende“ bezeichnet werden, ist das zu kurz gedacht.

Umdenken

Was heute als besonders störend empfunden wird, wenn es um Mobilität geht, ist zum einen die schiere Masse der Fahrzeuge und zum anderen die Ballung von Mobilitätsnachfrage an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten. Davon betroffen sind alle Mobilitätsformate, der Stau ist immer dann am längsten, wenn es in Bussen und Bahnen besonders eng ist.

Unabhängig von Antriebs-, Kraftstoff-, Mengen- und Größenüberlegungen muss vor allem zu sozialen Aspekten der Mobilität geforscht werden. Muss halb Deutschland um 9.00 Uhr von A nach B und um 17.00 Uhr wieder zurück nach A? Müssen attraktive und gut bezahlte Arbeitsplätze sich in einigen wenigen Regionen ballen und Pendlerströme erzeugen?

Die Corona Krise hat es gezeigt: Sobald sich die starren Regeln der Arbeitswelt ändern, ändert sich auch das Mobilitätsverhalten!

Ein Mann sitzt auf einer Bank und hat Kopfhörer im Ohr.
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Trotzdem steht fest: Der Mensch möchte selbst über seine Mobilität entscheiden können. Er möchte selbstbestimmt individuell mobil sein. Das hat das Automobil in den letzten 135 Jahren perfekt ermöglicht und die Messlatte damit extrem hoch gelegt.

Jede andere Mobilitätsform mag als Ersatz dafür taugen, kommt aber qualitativ nur schwer (wenn überhaupt!) in dessen Nähe. Zumindest nicht in den nächsten zehn Jahren.....

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 20. Mai 2020 | 17:00 Uhr