Fahrerassistenzsysteme Können Assistenzsysteme Lkw-Unfälle verhindern?

Lastwagen machen nur um die fünf Prozent der Fahrzeuge auf Autobahnen aus, sind aber in über 80 Prozent der Unfälle dort verwickelt. MDR-AKTUELL-Hörer Björn Mehlhorn aus Jena sieht regelmäßig Lkw-Unfälle, wenn er auf dem Weg zur Arbeit über die A4 nach Erfurt fährt. Er fragt sich, ob Lastwagen keine Assistenzsysteme besitzen, die Unfälle verhindern könnten.

Internationale Lkws stehen auf einem Autobahn-Rastplatz
90 Prozent der Lkw auf deutschen Autobahnen verfügen über Notbremsassistenten. Bildrechte: imago/Future Image

Auch Lastwagen haben längst Fahrerassistenzsysteme – wie viele Fahrzeuge allerdings über welche Assistenzsysteme verfügen, dazu gibt es keine statistischen Angaben.

Viele Lkw haben Assistenzsysteme

Karsten Beese, Geschäftsführer der B&H Spedition im westthüringischen Hörsel und Präsident des Thüringer Verkehrsgewerbe-Verbandes ist sich aber sicher, dass in den meisten Lkw Assistenzsysteme verbaut sind – wie Spurverlassenwarner und Aufmerksamkeitsassistenten. Das Wichtigste seien aber die Notbremsassistenten. Letztere sind schon seit fast vier Jahren gesetzlich vorgeschrieben.

Notbremsassistenten gehören zur Grundausstattung

Überhaupt sind Lkw den Pkw weit voraus. 90 Prozent der großen Last- und Sattelzügen auf der Autobahn seien mittlerweile mit Notbremsassistenten ausgestattet, so die Schätzungen. Und zwar unabhängig davon, ob die Trucks hier oder irgendwo sonst im europäischen Ausland zugelassen sind.

Ein Grund dafür ist sicherlich, dass diese Fahrzeuge in aller Regel nach fünf bis höchstens sieben Jahren durch neue, modernere ersetzt werden. Warum gibt es aber immer wieder Unfälle, die Fahrerassistenzsysteme doch eigentlich verhindern müssten?

Viele Assistenzsysteme werden abgeschaltet

Seit Jahren führt der ADAC akribisch Unfallstatistiken. Die legten den Finger in die Wunde, sagt Helmut Büschke vom ADAC Vorstand in Sachsen.

Denn aus eben diesen Daten geht hervor, dass an erster Stelle mit 36 Prozent Auffahrunfälle stehen, gefolgt von Abkommen von der Fahrbahn und Abbiegeunfälle, fasst Büschke die Statistik zusammen. "Aus dieser Analyse wissen wir auch, dass leider viele Systeme abgeschaltet werden."

Forderung nach gesetzlicher Vorschrift

Deshalb fordert der ADAC vom Gesetzgeber, nicht abschaltbare Fahrerassistenzsysteme in Lkw vorzuschreiben. Eine Forderung, die übrigens auch die Berufsverbände in der Güterverkehrsbranche unterstützen. Doch warum schalten Lkw-Fahrer Assistenzsysteme eigentlich ab oder gar nicht erst an?

Die Persönlichkeitsstruktur spiele da eine Rolle, erklärt Verkehrspsychologe Dr. Matthias Beggiato von der TU Chemnitz. "Wenn ich von mir überzeugt bin, dass ich ein sehr guter Fahrer bin, dann werde ich keine Assistenz aktivieren. Ich bin dann der Meinung, ich kann das ohnehin besser."

Systeme müssen nutzerfreundlicher werden

Ein weiteres Problem ist die Nutzen-Aufwand-Rechnung, die oft zu Ungunsten der Assistenzsysteme ausfällt. Die zum Beispiel dauerpiepsen, wenn der Lkw in Baustellen gar nicht anders kann als rechts auf oder über dem Fahrbahnrand zu rollen. Oder dass Überholwege endlos lang werden, weil die Assistenzsysteme den Lastwagen auf solch großer Distanz halten, dass sich ständig Pkw in den Sicherheitsabstand setzen.

Das kritisiert auch Verkehrspsychologe Beggiato, denn für den Fahrer sollte es bei solchen Systemen einen klar erkennbaren Nutzen geben und eine Unterstützung sein. "In dem Moment, wo das noch ein Zusatzaufwand für mich ist, werde ich das System abschalten", meint Beggiato.

Fahrer im Umgang schulen

Harry Bittner, Vorsitzender des Thüringer Fahrlehrverbandes, kennt das Problem aus dem Alltag. Manche Systeme hätten noch ihre Kinderkrankheiten. Vor allem aber würden Fahrer viel zu oft ins kalte Wasser geworfen und mit den Assistenzsystemen allein gelassen. "Den Nutzen der Systeme erkennt er nur, wenn er trainiert wird", ist Bittner überzeugt.

So ein professionelles Training würden Fahrschulen beispielsweise anbieten. Fahrlehrer Bittner kann es Fuhrunternehmern nur ans Herz legen, ihren Fahrern dieses Training zu ermöglichen. Denn: Im Ernstfall reagiere kein noch so guter Fahrer auch nur annähernd so schnell wie die Fahrerassistenzsysteme.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 31. Juli 2019 | 07:22 Uhr

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3 Kommentare

02.08.2019 09:59 Fragesteller 3

Frage: Gibt es eine Quellenangabe/Statistik für die Aussage im Bericht:

"Lastwagen machen nur um die fünf Prozent der Fahrzeuge auf Autobahnen aus, sind aber in über 80 Prozent der Unfälle dort verwickelt."

Ich habe deswegen andere Verkehrsstatistiken mir angesehen, komme aber nicht auf die genannten 5% LKW auf Autobahnen, die in 80 Prozent der Unfälle verwickelt sind. Wenn das so sein sollte, würde es meinen Verdacht bestätigen, dass der LKW-Verkehr - nicht nur auf Autobahnen - wesentlich problematischer ist, als aus vielen Statistiken herausgelesen werden kann. Da wird die Sache meistens in viele Rubriken und Untergruppen aufgeteilt, aber das Wesentliche geht dabei verloren. Deswegen war der Bericht im Radio-Nachtprogramm sehr interessant.

Vielen Dank im Voraus für eine Antwort des Redakteurs.

31.07.2019 17:12 Fragender Rentner 2

Wenn man nicht mehr mit dem Handy oder ähnlichen Geräten in den LKWs rumhandiert, dann können bestimmt sehr viele Unfälle vermieden werde.

Oder so manche Assistenten auch nicht mehr ausschalten kann.

31.07.2019 07:57 Critica 1

Schon über die Frage muss ich schmunzeln. Und eine Gegenfrage stellen. Wie blöd sind die Menschen eigentlich, dass sie nichts mehr selbst können?