Roboter 'Pepper'
Pflegeroboter wie "Pepper" können Patienten zum Trinken und zu Bewegung animieren. Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

Digitalisierung Experte: "Vom Pflegeroboter sind wir Millionen Jahre entfernt“

Der Verbraucherzentrale Bundesverband will Algorithmen strenger regulieren. Vor allem im Gesundheitsbereich sehen die Verbraucherschützer ein hohes Risiko. Können Pflegeroboter Patienten wirklich gefährlich werden? Nein, sagt Hans-Joachim Böhme, Professor für Künstliche Intelligenz der Hochschule Dresden. Im Interview mit MDR AKTUELL erklärt er, warum trotzdem Skepsis angebracht ist.

Roboter 'Pepper'
Pflegeroboter wie "Pepper" können Patienten zum Trinken und zu Bewegung animieren. Bildrechte: MDR/Karsten Möbius

MDR AKTUELL: Können Pflegeroboter eine Gefahr für Patienten darstellen?

Hans-Joachim Böhme: "Die Frage ist eher, ob es Pflegeroboter überhaupt geben kann. Was es schon gibt, sind Assistenzsysteme für den Gesundheits- und Pflegebereich. Aber von einem Roboter, der eine Person pflegt, sind wir Millionen Jahre entfernt."

Das heißt, die Befürchtung, dass Patienten ihre Medikamente bald von Robotern anstatt von Pflegekräften verabreicht bekommen, ist unrealistisch? Und dass sie dabei einen Fehler machen könnten?

"Dass Roboter einen Fehler machen, kann passieren, aber das Szenario ist nicht realistisch. Worüber man intensiv nachdenkt und was sicherlich auch Sinn ergibt, ist, dass der Roboter die Patienten zum Beispiel an die Medikamenteneinnahme oder die Flüssigkeitsaufnahme erinnert. Was man aber definitiv auch in lang absehbarer Zeit nicht machen kann, ist den Roboter ein Medikament verabreichen zu lassen. Der Roboter kann dem Patienten das Medikament zwar geben, aber er kann nicht wissen, ob er das Medikament dann wirklich nimmt oder es in der Spüle entsorgt. Medikamentengabe ist eine rein menschliche Aufgabe und wird es auch bleiben."

Können Roboter Patienten verletzten – etwa, wenn sie sie aus dem Bett heben?

"Das ist sicherlich ein Thema. Bei solchen Systemen müssen Gefährdungsanalysen gemacht werden und sie müssen vor der Anwendung zugelassen werden. In Deutschland und Europa sehe ich diese Systeme in absehbarer Zeit aber noch nicht auf dem Markt. Was von den Pflegekräften gewünscht wird, sind Unterstützungssysteme, die beim Heben oder Umlagern von Personen helfen. Das sind sogenannte Exo-Skelette, die die Bewegungen der Pflegekraft verstärken und sie zum Beispiel in die Lage versetzen, einen 100 Kilo schweren Patienten in den Rollstuhl zu haben.

Hans-Joachim Böhme
Hans-Joachim Böhme ist Professor für Künstliche Intelligenz und erforscht deren Einsatzmöglichkeiten in der Pflege. Bildrechte: HTW Dresden/Peter Sebb

Ein System, das das selbständig macht, ist technisch aber ausgesprochen anspruchsvoll. Es ist ganz wichtig, dass man ein allgemeines Verständnis schafft, was von technischer Seite her möglich ist. Das kann an vielen Stellen die Angst und die Sorge der Leute nehmen, dass in fünf Jahren ein Roboter früh zur Tür reinkommt und sie wäscht. Das ist völlig illusorisch. Aber diese Unsicherheit und Skepsis existiert."

Finden Sie diese Skepsis übertrieben?

"Dass eine gesunde Skepsis angebracht ist, ist keine Frage. Das bezieht sich ja nicht nur auf die Pflegeroboter, sondern allgemein auf Algorithmen und Künstliche Intelligenz. Es gibt ganz viele Bereiche, in denen man kritisch hinterfragen muss, was diese Algorithmen machen. Wenn ich mir zum Beispiel etwas bei Amazon bestelle und dann kaufe ich noch etwas dazu – bestelle ich das dann, weil ich das wirklich haben wollte oder weil Amazon es mir vorgeschlagen hat? Da ist es legitim zu sagen: 'Da müssen wir aufpassen‘. Ob das autonomes Fahren ist, die Kreditvergabe oder die Aufzeichnung von Bewegungsprofilen. Da muss man wirklich hinterfragen, was passiert, was man von sich Preis gibt und welche Konsequenzen es hat, wenn man einen digitalen Service nutzt."  

Und auf die Pflegeroboter trifft das nicht zu? Ist eine Diskussion darüber, ob diese Systeme einen Fehler machen könnten, also hinfällig?

"Es kann immer sein, dass ein System eine Fehlfunktion aufweist. Die Frage ist, was diese Fehlfunktion bewirkt und wo das System eingesetzt wird. Da sehe ich im Moment keinen Diskussionsbedarf. Ich sehe keine robotische Lösung in der Pflege, die so unmittelbar an der Person operiert, dass da mit größeren Schäden zu rechnen ist. Dass sich ein System, das über den Flur fährt, sich vielleicht mal vertut und Herrn Maier mit Herrn Müller verwechselt, kann passieren. Wenn man daraus dann bestimmte therapeutische Dinge ableitet, kann das schon kritisch sein. Hier kann man zum Beispiel darüber nachdenken, dass sich derjenige über eine Fingerabdruckerkennung authentifizieren muss, damit eben keine Fehlfunktion auftritt."  

Wie sieht es mit dem Datenschutz aus? Können die Entwickler da Fehler vermeiden?

"Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Im Pflege- und Gesundheitsbereich arbeiten wir immer mit hochsensiblen Daten. Das Thema beschäftigt uns schon ganz lange. Wir müssen uns Datenschutzaspekten stellen. Und wir müssen natürlich generell sicherstellen, dass alle Daten, die erhoben werden und eine bestimmte Sensibilität aufweisen, nur von den Personen eingesehen werden können, die auch dafür authentifiziert sind. Das muss man am Anfang der Entwicklung gleich berücksichtigen und nicht nach drei Jahren feststellen: 'Wir haben hier zwar tolle Funktionen, können sie aber nicht nutzen, weil sie gegen die Datenschutzrichtlinien verstoßen.'"

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 09. Mai 2019 | 13:37 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. Juni 2019, 05:00 Uhr