Sprechstörungen Stottern: Wenn das Sprechen schwerfällt

Vom Stottern sind vor allem Kinder betroffen. So Stottert jedes zehnte Kind zwischen zwei und vier Jahren – zumindest eine Zeit lang. Bei den allermeisten verschwindet es von alleine wieder. Aber auch Erwachsene können unter der Sprechstörung leiden.

Wie entsteht Stottern?

Stottern ist neurologisch bedingt. Prof. Martin Sommer ist der Vorsitzende der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V. (BVSS) und Oberarzt an der Klinik für Klinische Neurophysiologie in Göttingen. Hier wurden in den letzten Jahren mehrere Studien zum Stottern durchgeführt. "Dabei zeigte sich, dass bei stotternden Menschen das für die Steuerung der Sprechmuskeln zuständige Gehirnareal die Signale aus den anderen beteiligten Gehirnregionen zeitlich nicht in der notwendigen Präzision erhält", erklärt er. Daher könne sich dieser Bereich des Hirns nur unzureichend auf die anstehende Sprechaufgabe vorbereiten. Das Wort kommt dann gestottert über die Lippen. Die weit verbreitete Meinung, dass Stottern nur an einer falschen Atemtechnik liege, ist falsch.

Wer kann vom Stottern betroffen sein?

Eine Veranlagung zum Stottern wird nach heutigem Kenntnisstand vererbt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit, aber nicht zwangsläufig, kommt es dann auch in der nachfolgenden Generation zum Stottern. Doch in einigen Bereichen tappt die Forschung noch im Dunkeln. So verschwindet das Stottern bei gut 75 Prozent der betroffenen Kinder von alleine wieder. "Allerdings können auch Fachleute bis heute nicht zuverlässig vorhersagen, welches Kind sein Stottern verlieren wird und welches nicht", sagt Prof. Sommer. Klar ist: Eine Heilung des Stotterns nach der Pubertät ist sehr selten. Generell hört das Stottern bei Mädchen häufiger wieder auf als bei Jungen. "Deshalb stottern im Erwachsenenalter etwa vier- bis fünfmal mehr Männer als Frauen."

Wie wirkt sich Stottern auf die Betroffenen aus?

Geschlossene Lippen.
Betroffene versuchen oft, ihr Stottern zu verbergen. Bildrechte: imago/Photocase

Mit Stottern zu leben, ist für die Betroffenen schwer. Das Reden ist dann oft schambesetzt. "Psychische Belastungen wie Ängste oder ein Verlust des Selbstwertgefühls können entstehen", sagt der Neurologe Martin Sommer. Im schlimmsten Fall ziehen sich Betroffene aus der Gesellschaft zurück, meiden Kontakt und bleiben stumm, um ihr Stottern nicht offenbaren zu müssen. Viele entwickeln auch Vertuschungsstrategien: "Sie tauschen zum Beispiel blitzschnell Wörter aus und nehmen dabei auch in Kauf, dass das Ersatzwort vielleicht nicht treffend beschreibt, was sie sagen wollten. Hauptsache, sie konnten es fließend aussprechen. Andere lenken durch unnötige Füllwörter oder -laute von ihrem Stottern ab; Kinder spielen manchmal bewusst den Klassenclown und verbergen dabei auch die tiefe Unsicherheit, die das Stottern in ihnen selbst auslöst." Für den Stotternden ist das extrem anstrengend – die permanente Anspannung kann dann eine zusätzliche körperliche und psychosomatische Belastungen zur Folge haben.

Wo bekommen Stotternde Hilfe?

Wer Probleme beim Sprechen hat oder bei seinem Kind bemerkt, kann sich ersten Rat bei einem Logopäden holen. Unabhängige Beratung zu Hilfsangeboten bekommt man auch bei der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V.. Einerseits geht es darum, eine geeignete Therapieform zu finden. Andererseits können sich Betroffene in Selbsthilfegruppen austauschen. "Die Teilnahme kann die persönliche Entwicklung stotternder Menschen positiv beeinflussen und ihnen helfen, ihren persönlichen Weg im Umgang mit ihrem Stottern zu finden oder weiter zu verfolgen", sagt Prof. Sommer. Leidensdruck kann so abgebaut und Selbstbewusstsein aufgebaut werden. Außerdem bieten Selbsthilfegruppen einen geschützten Raum, in dem man das Sprechen üben kann.

Wie wird Stottern behandelt?

Logopädin übt mit einem kleinen Mädchen.
Stottern wird in der Regel in Logopädie-Praxen behandelt. Bildrechte: imago/imagebroker

"Das Leiden am Stottern ist heilbar", sagt Prof. Martin Sommer. Man kann bis ins hohe Alter lernen, das Stottern zu verändern oder zu reduzieren. Zwei therapeutische Hauptrichtungen haben sich im Bereich der Stottertherapie entwickelt. Meist geht man dafür zum Logopäden.

Fluency Shaping heißt die erste Therapie-Methode, die sich bei Erwachsenen bewährt hat. "Dabei wird das Sprechen insgesamt verändert und diese neue Sprechweise, beispielsweise mit weichen Stimmeinsätzen, schrittweise in Alltagssituationen eingebaut", erklärt Sommer.

Stottermodifikation oder Nicht-Vermeidungs-Ansatz nennt man die zweite übliche Therapie-Methode. "Hierbei lernen Betroffene, Stotterereignisse in einer den Redefluss weniger störenden Art und Weise zuzulassen und kontrollierter zu gestalten. Dies kann das Stottern reduzieren und mildert die Anstrengung beim Stottern", sagt Sommer. So werde den Stotternden auch die Angst vorm Sprechen genommen.

Betroffene probieren oft verschiedene Methoden aus oder kombinieren sie miteinander, um den für sie funktionierenden Ansatz zu finden. Prof. Martin Sommer weiß: "Eine gute Stottertherapie braucht Zeit. Beide Behandlungswege erfordern mehrmonatiges Üben und oft jahrelange Nachsorge." Da die beschriebenen Therapien anerkannt sind, werden die Kosten von den Krankenkassen übernommen.

Dieses Thema im Programm: MDR JUMP bei der Arbeit | 17. Januar 2020 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Januar 2020, 00:10 Uhr