Zwei Automechaniker in einer Werkstatt, die gemeinsam das Auto untersuchen.
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Rückrufaktionen für Fahrzeuge Auto-Rückrufe: Wichtige Reparatur oder Werbemasche?

Defekte Warnleuchten, rostige Benzinleitungen oder fehlerhafte Verkabelungen – bei modernen Autos kann im Grunde jede technische Komponente eine Rückrufaktion des Herstellers auslösen. Was Fahrzeughalter dann tun müssen, erklärt Autopapst Andreas Keßler.

Zwei Automechaniker in einer Werkstatt, die gemeinsam das Auto untersuchen.
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Die Zahl zurückgerufener Fahrzeuge steigt

546 Kfz-Rückrufe wurden 2018 in der Datenbank des Kraftfahrtbundesamtes erfasst. Ein Rekord. Und der könnte 2019 sogar gebrochen werden. Zur Zeit laufen unter anderem Rückrufe bei Mercedes, BMW, Toyota, Jeep, Porsche und VW. Mal wegen defekter Gurtschlösser, mal geht es um Batterie-Probleme, zum Teil besteht sogar Brandgefahr. Und immer wieder geht es natürlich auch um manipulierte Diesel.

Der Hintergrund bei Fehlfunktionen ist fast immer: komplexere Fertigungsmethoden, die zu schnell in die Produktion einfließen, und der immense Kostendruck, der sich negativ auf die Qualität der Autos auswirkt.

Wie kommt es zum Rückruf?

Zunächst muss ein Mangel entdeckt werden. Da ein Autohersteller mit seinen Produkten Geld verdienen will, steht vor dem Rückruf oft eine "Risikobewertung", die die zu erwartenden Rückrufkosten mit möglichen Schadenersatzforderungen vergleicht. Im Extremfall könnte ein Unternehmen dann entscheiden, lieber eine relativ geringe Summe für Schadenersatzzahlungen zu opfern als einen viel teureren Rückruf durchzuführen. In der Vergangenheit gab es durch diese Vorgehensweise aber schwere Imageschäden.

Blick in ein Unfallauto. Die Airbag haben sich geöffnet. Der Airbag auf der Fahrerseite ist bereits wieder zusammengefallen, der auf der Beifahrerseite ist noch prall gefüllt.
VW und Porsche haben im September wegen eines Problems mit Airbags und Gurtstraffern weltweit knapp 227.000 Autos zurückrufen.
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Wenn sich sicherheitsrelevante Probleme häufen, kann bei Untätigkeit oder zu großer Trägheit des Herstellers das Kraftfahrtbundesamt in Flensburg einen Rückruf anordnen. Das unterstützt die Hersteller dann dabei, indem es die Daten der Halter der betroffenen Modelle zur Verfügung stellt. Oft erregen solche Rückrufe kaum öffentliches Aufsehen und der Imageschaden für den Hersteller lässt sich gering halten.

Sind nur kleinere, nicht sicherheitsrelevante Mängel am Auto vorhanden, werden alternativ zur "richtigen" Rückrufaktion so genannte "stille Rückrufe" durchgeführt. Das geschieht meistens ohne Wissen des Kunden, etwa im Rahmen einer ohnehin fälligen Inspektion des Autos in der Vertragswerkstatt.

Wie erfahre ich von einem Auto-Rückruf?

Bei Rückrufaktionen wird zunächst über Anzeigen in den Medien, oft in Tageszeitungen, der Besuch eines Vertragshändlers empfohlen. Problematisch ist die kurze Wirksamkeit solcher Anzeigen, die meist weniger als 20 Prozent der betroffenen Kunden erreichen. Inzwischen befassen sich auch einige Internetportale wie kfz-auskunft.de oder autoservicepraxis.de mit der Veröffentlichung von Produktrückrufen. Die Idee ist, dem Verbraucher eine feste Anlaufstelle im Internet zu bieten, wo wesentliche Daten zu einer Rückrufaktion auch dauerhaft verfügbar sind. Der Halter erfährt aber auch per Post, durch Hersteller oder Kraftfahrtbundesamt, ob sein Fahrzeug von einer Rückrufaktion betroffen ist.

Muss einem Rückruf Folge geleistet werden?

Ordnet das Kraftfahrtbundesamt eine Rückrufaktion an, weil es Bedenken gegen den weiteren Betrieb eines Kfz hat, muss der Fahrzeughalter diesem Folge leisten. Das KBA kann sonst im Extremfall die Betriebserlaubnis eines nicht nachgebesserten Fahrzeugs entziehen, welches dann nicht mehr gefahren werden darf. Zuletzt gab es einige solcher Fälle im Zusammenhang mit unzulässigen Abschalteinrichtungen in der Abgasreinigungsanlage von Autos mit Dieselmotor.

Wer zahlt den Werkstattbesuch?

Ein Kfz-Mechaniker überprüft die Batterie im Motorraum eines Pkw.
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Die Reparatur nach einem Rückruf ist für den Autobesitzer fast immer kostenlos. Auf den Kosten für An- und Abfahrt zur Werkstatt bleibt der Autobesitzer aber meist sitzen. Die Hersteller müssen auch keine Kosten für ausgefallene Termine oder längere Arbeitszeiten übernehmen, auch nicht für einen Ersatzwagen. Aus Kulanz machen das manche Hersteller dennoch.

War mein Gebrauchtwagen von einem Rückruf betroffen?

Für Gebrauchtwagenkäufer ist es wichtig von zurückliegender Rückrufaktionen zu wissen, um das Auto darauf überprüfen zu können. Welches Fahrzeugmodell zu welcher Zeit an einer Rückrufaktion beteiligt war, hat der ADAC in seiner Rückruf-Datenbank zusammengestellt. In ihr sind alle Rückrufaktionen seit 1995 aufgeführt.

Rückruf oder Werbemasche?

Autoreifen liegen gestapelt auf dem Hof eines Reifenhändlers.
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In letzter Zeit deuten Autohersteller und - Importeure die häufigen Rückrufaktionen immer öfter zum Kundenbindungsinstrument um und beteiligen ihre Marketing- und PR-Abteilungen an der Abwicklung. Eine Rückrufaktion hat nämlich einen Nebeneffekt, den der Autofahrer gar nicht bemerkt.

Ist er mit seinem Auto erst einmal in der Werkstatt (in die er vielleicht ohne Rückruf gar nicht gefahren wäre), kann er mit Hilfe der dort arbeitenden Verkäufer zu weiteren Arbeiten am Fahrzeug oder zum Kauf von Zubehör wie Winterreifen oder Alufelgen überredet werden.

Teilweise wurde die Vokabel Rückruf auch schon für Verkaufsaktionen lokaler Händler verwendet. Das ist aus Sicherheitsgründen höchst bedenklich: Wenn man nämlich drei "falsche" Rückrufe im Briefkasten findet, mit deren Hilfe Standheizungen oder Nanobeschichtungen vermarktet werden, könnte der nächste echte Rückruf im Mülleimer landen.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 04. Dezember 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Dezember 2019, 11:34 Uhr