Plastefiguren stehen auf Bauklötzen
Bildrechte: imago images / Westend61

Chancen und Risiken Geld verdienen mit Genossenschaften?

In Zeiten niedriger Zinsen können Genossenschaftsanteile eine interessante Geldanlage sein. Über die Chancen und Risiken einer Beteiligung an einer Genossenschaft klärt Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen auf.

Plastefiguren stehen auf Bauklötzen
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Als Genosse Geld verdienen

Genossenschaften sind aktuell ein spannendes "Selbsthilfeprojekt" für Finanzen, auch wenn das Konzept schon relativ alt ist. Vor mehr als 150 Jahren haben vor allem Landwirte und Handwerker Genossenschaften gegründet, um sich auf den harten Märkten besser durchschlagen und um den alltäglichen Finanzbedarf der Mitglieder decken zu können. Heute können Sparer mit Genossenschaften Geld verdienen.

Was ist eine Genossenschaft?

Die grundlegende Idee ist immer die Gleiche: keine Gewinnmaximierung, sondern Nutzenmaximierung für die Mitglieder. Dabei setzen die Genossenschaften auf Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung.

Geschichte der Genossenschaften

Deutscher Sozialpolitiker und Jurist, Hermann Schulze-Delitzsch.
Die erste Genossenschaft Deutschlands wurde 1849 von Hermann Schulze-Delitzsch im sächsischen Delitzsch gegründet. Bildrechte: dpa

Eine der berühmtesten Gründungen war die der Schuhmacher-Assoziation, die 57 Schuhmacher 1849 in Delitzsch in Sachsen gründeten. Im Westerwald wurden zeitgleich die ersten Kreditgenossenschaften gegründet; treibende Kraft war dort Dorfbürgermeister Friedrich-Wilhelm Raiffeisen.

Wenig später entstanden in den wachsenden Städten der Gründerzeit Wohnungsbaugenossenschaften, um gemeinsam die Wohnungsnot zu bekämpfen, Produktionsgenossenschaften wie Molkereien, um gemeinsam Nahrungsmittel zu erzeugen und auf den Markt zu werfen, Einkaufsgemeinschaften, die die gemeinsame Marktmacht nutzten, um günstiger einzukaufen und in ihren Läden preiswerter anbieten zu können (so entstand zum Beispiel Edeka).

Noch später dann entstanden Genossenschaften von findigen oder auch nur verärgerten Stromkunden, die beschlossen, gemeinsam Strom zu erzeugen oder zumindest billig einzukaufen und zu vermarkten. In den vergangenen 20 Jahren hat die Zahl der Genossenschaften deutlich zugenommen. Interessante genossenschaftliche Geschäftsmodelle reichen heute von der Berliner Tageszeitung "taz", die mehr als 19.000 Genossinnen und Genossen gehört, über Greenpeace Energie, die denic eG, die die deutschsprachigen Internetadressen vergibt, oder Datev, der Genossenschaft der Steuerberater, die auch jeden Monat Millionen von Lohnkostenabrechnungen organisiert, bis hin zur Genossenschaft Zentralkonsum, die u.a. das Berghotel Oberhof und die Kaffeerösterei Röstfein betreibt.

Genossenschaftsbanken

Heute kennen die meisten Bürgerinnen und Bürger die Vielfalt des Genossenschaftswesens zwar nicht mehr im Detail, nutzen sie aber fleißig, zum Beispiel im Bankenwesen.

  • Über 900 Volks- und Raiffeisenbanken bieten in Deutschland ihren Kunden praktisch alle klassischen Bankdienstleistungen an. Das reicht von sehr kleinen Instituten in bayrischen Dörfern, die neben der Funktion als Bank auch noch einen Landhandel mit Blumenerde betreiben bis hin zu großen Instituten wie der Berliner Volksbank mit 200.000 Genossenschaftsmitgliedern.  
  • Daneben gibt es gleich noch zwei andere Bankgruppen, die aus der Genossenschaftsbewegung stammen, die Sparda-Banken, einst Genossenschaftsbanken der Eisenbahner, und die PSD-Banken, einst Genossenschaftsinstitut der Postbeamten. Beide glänzten und glänzen oft mit günstigen Angeboten in einem Filialbetrieb.
  • Und dann gibt es im genossenschaftlichen Bankensektor auch noch die größte Ökobank GLS und die APO, die Ärzte und Apothekerbank.

Wohnungsbaugenossenschaften

In diesem mehrgeschossigen Bau aus Holz entstehen im Berliner Stadtteil Wedding 98 Wohnungen und sieben Gewerbeeinheiten.
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Deutschland kennt über 2.000 Wohnungsbaugenossenschaften mit über zwei Millionen Wohnungen. In vielen Großstädten stellen sie nach der öffentlichen Hand den größten Wohnungsbesitz. Die Namen reichen von Wohnungsgenossenschaft Saalfeld bis hin zum Vaterländischen Bauverein im Berliner Wedding.

Sie agieren dabei nur für ihre Inhaber, den Genossen, die gleichzeitig auch die Mieter der Wohnungen sind. Weil Genossenschaften dem Kostenprinzip verpflichtet sind, sind die Mieten in den Genossenschaftswohnungen in den vergangenen Jahren deutlich weniger gestiegen als im übrigen Wohnungssektor. Das hat die Genossenschaften und ihre Wohnungen zuletzt sehr populär gemacht.

Gerade die Wohnungsbaugenossenschaften haben in der Vergangenheit oft eine besondere Förderung auch vom Gesetzgeber erfahren. Auch heute noch können Sparer ihre vermögenswirksamen Leistungen auch in Anteilen an Wohnungsbaugenossenschaften oder ihr "Wohnriester" dort anlegen – genau so, als wenn sie privates Wohneigentum erwerben würden.

Geld verdienen mit Genossenschaften?

Oft liefern Genossenschaften den Service in ihren Wirtschaftsbereich gut und sehr preiswert. Daneben bieten Genossenschaften aber im Prinzip auch gute Geldanlagemöglichkeiten. An Wohnungsgenossenschaften und Genossenschaftsbanken kann man sich mit Erspartem beteiligen und dabei häufig ganz ordentliche Renditen einstreichen.

Dies ist allerdings nicht ganz risikofrei. Auch wenn in den vergangenen 50 Jahren sehr wenige Genossenschaften Insolvenz anmelden mussten, und noch keine Genossenschaftsbank wirklich pleite gegangen ist, und deshalb Anleger ihr Geld dort nicht verloren haben, könnte dies passieren. Und dann wäre das Geld weg. Unter Umständen müsste man sogar noch Geld nachschießen, wenn dies in der Satzung nicht ausdrücklich ausgeschlossen ist.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 16. Juli 2019 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Juli 2019, 12:58 Uhr