Negativzins-Debatte Finanzexperte Tenhagen: "Verwahrentgelte sind ein Armutszeugnis"

Für Sparer sind es harte Zeiten: Manche Banken haben bereits Negativzinsen erhoben, viele diskutieren darüber. Wir haben Finanzexperten Hermann-Josef Tenhagen gefragt, was er davon hält und zu welchen Sparanlagen er rät.

Brennende Geldscheine
Negativzinsen lassen das Ersparte schrumpfen. Bildrechte: imago/Christian Ohde

Etwa 140 Banken in Deutschland erheben Negativzinsen, wie bewerten Sie das?

Hermann-Josef Tenhagen: Für den Normalkunden kann es sowas wie Verwahrentgelte eigentlich nicht geben. Das ist ja der Sinn der Bank: Ich trage mein Geld zur Bank und die Bank findet dann jemanden, der dieses Geld gut brauchen kann - es wirtschaftlich einsetzt, eine Rendite damit macht. Derjenige zahlt der Bank Zinsen und ich kriege etwas von den Zinsen ab.

Dann kann man immer noch Verständnis dafür haben, dass die eine oder andere Bank sagt: 'Da kommt jetzt einer mit 500.000 Euro, der nicht weiß, wohin damit. Der könnte ja auch eine Entscheidung treffen, selber etwas zu investieren. Der will die jetzt bei uns abladen - und das können wir als kleine Volksbank oder Sparkasse nicht leisten.'

Das ist für Sie ein Armutszeugnis?

Ja, Verwahrentgelte sind ein Armutszeugnis, weil sie sagen: Die Bank kommt ihrer Kernfunktion - nämlich: das Geld von Leuten, die gespart haben, da hinzubringen, wo das Geld vernünftig eingesetzt wird - nicht nach.

Es werden ja trotzdem die Argumente wiederholt: Die Banken können kein Geld mehr verdienen. Was halten Sie davon?

Also, nein, wenn die kein Geld mehr verdienen könnten, dann hätten sie in ihren Jahresbilanzen 2018 und 2019 ordentlich geschummelt. Die sagen nämlich: 'Wir haben ziemlich viel Geld verdient'. Das Zweite ist, wenn man sich dann die Gehälter, insbesondere die Gehaltsstruktur, in den Spitzen dieser Banken anguckt, da verdient ja keiner weniger als die Bundeskanzlerin. Die können Geld verdienen, die sollen sich darum kümmern, wie man dieses Geld vernünftig einsetzt. Und sie sind auch dazu da, dass die Kunden etwas davon haben. Im Übrigen: Bei der Europäischen Zentralbank (EZB) müssen die Banken dieses Jahr weniger Strafzinsen zahlen als letztes Jahr. Warum sie jetzt auf einmal mehr Strafzinsen von ihren Kunden wollen, erklärt sich dadurch auch nicht.

Geht es ums Abkassieren der Kunden oder ist das eher eine Abwehrhaltung?

Es ist vor allen Dingen ein Stück Fantasielosigkeit: Weil man den Kunden offenbar nicht Produkte verkaufen kann, mit denen sie vernünftig ihr Geld investieren. Ich verstehe nicht, warum wir in Deutschland keine Bank oder Bankengruppe, die etwa den norwegischen Staatsfonds nachbaut. Die Norweger legen seit 20 Jahren ihr Geld in einem Staatsfonds an - für die Altersvorsorge, für ihre Bewohner. Das machen sie sehr erfolgreich mit sehr niedrigen Kosten für die Kunden.

Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip
Hermann-Josef Tenhagen ist der Chefredakteur des Geld-Ratgebers Finanztip. Bildrechte: Finanztip

Stattdessen werden in Deutschland häufig immer noch Fonds verkauft, die sehr viele Gebühren haben und für den Kunden unattraktiv sind. Und häufig noch in einer Konstellation, wo der Kunde feststellt: 'Ich habe gar keine Rendite bekommen. Da ist die Börse um 30 Prozent raufgegangen, bei mir ist nichts angekommen'. Und dann sagt man den Leuten auch nicht: 'Börse ist nicht etwas für drei Tage oder drei Wochen oder drei Monate, Börse ist etwas für 15 Jahre'. Wenn man über lange Jahre an der Börse Geld anlegt, dann ist das Geldanlage. Wenn ich das für drei Wochen mache, dann ist das Glücksspiel.

Die meisten Banken erheben Negativzinsen erst ab hohen Freibeträgen.

Das ist natürlich schon ein Problem, insbesondere für Unternehmen, kleine Mittelständler, die tatsächlich so viel Geld verfügbar haben und das irgendwo lagern und möglichst keine Strafzinsen dafür zahlen wollen. Nun fragen Sie mal einen Klempnerbetrieb, der 20 Leute hat oder einen kleinen Verlag - die haben solche Probleme.

Für den Einzelnen: 100.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto sollte man nicht haben. Da ist auch schon wieder etwas falsch gelaufen bei der Beratung. Eigentlich müsste einem die Bank sagen: 'Hör mal - beim Tagesgeldkonto, da gehören drei, vier Monatseinkommen drauf, damit du nie wieder den Dispo brauchst, wenn es mal enger wird. Was du mehr hast, das musst du investieren, das musst du anlegen mit einer Perspektive. Ein bis fünf Jahre, vielleicht mit einem Festgeld oder sonst über längere Zeit auch gerne über einen Aktienindexfonds vom Aktienmarkt.' Das wäre eigentlich vernünftig, und das würde man auch erwarten, dass Bankangestellte das ihren Kunden sagen.

Inwieweit wird sich das Thema Negativzinsen aus Ihrer Sicht noch verschärfen?

Es kann durchaus sein, dass sich das noch weiter ausbreitet: Weil man jetzt schon sehen kann, mit Corona und der Situation, die wir im Augenblick haben, dass diese Negativzinsen von der EZB oder die niedrigen Zinsen, die Nullzinsen, vorläufig bleiben werden. Wer also jetzt glaubt, dass diese Nullzinsen über die nächsten zwei bis fünf Jahre einfach so weggehen – das wird nicht so sein.

Du kannst dein Geld einfach anlegen. Du hast ein Tagesgeldkonto, das bringt wenige Zinsen - aber es bringt noch Zinsen. Du hast ein Festgeldkonto, das bringt wenige Zinsen - aber es bringt Zinsen. Und den Rest trägst du in den Indexfonds. In den letzten 40 Jahren brachte im Schnitt das sieben Prozent. Und wenn es mal ganz schlecht läuft, mit zwei Börsenkrisen in 15 Jahren, dann habe ich nach 15 Jahren mein Geld wieder herausgekriegt. Das war das Schlechteste, was passiert ist. Es ist nie unter Null gegangen nach 15 Jahren. Es gab auch 15-Jahres-Zeiträume, da waren es deutlich über zehn Prozent im Jahr.

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MDR um 4 Di 06.10.2020 17:00Uhr 13:25 min

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Welche Alternativen empfehlen Sie Sparern bei höheren Beträgen? Und was ist genau ein Indexfonds?

Normalerweise sollte die Bank dem Kunden das erklären. Also. Du brauchst ein Tagesgeldkonto, damit du nie in den Dispo rutschst. Da kriegst du wenig Zinsen, aber 0,3 Prozent sind drin. Für ein Festgeldkonto mit einer Laufzeit von fünf Jahren, etwa für das nächste Auto, sind ein Prozent Zinsen drin.

Das Geld, das du länger übrig hast, zahlst du auf einen Indexfonds ein. Das ist ein Fonds, der sich genauso verhält wie der Markt, der dahinter liegt. Deswegen legst du weltweit an. So ein weltweiter Indexfonds ist gleichzeitig beteiligt an 1.600 Firmen. Das heißt, wenn es einer Firma mal schlecht geht, macht das nichts. Die hatten sogar Wirecard dabei mit 0,01 Prozent. Das ist eine gute Geldanlage - wie gesagt, in den vergangenen 40 Jahren gab es im Schnitt sieben Prozent.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Umschau | 13. Oktober 2020 | 20:15 Uhr