Fassaden von Altbauwohnung
Unser Reporter möchte mit seiner Familie in Halle umziehen - und gerät dabei an Online-Betrüger. Bildrechte: imago/Westend61

Betrug im Internet 800 Euro für eine Wohnungsbesichtigung

Der Wohnungsmarkt in deutschen Großstädten ist angespannt. Die Mieten steigen vielerorts, günstiger Wohnraum ist knapp. Das betrifft auch Mitteldeutschland und vor allem die Großstädte. Genau hier setzen Online-Betrüger an. Sie ködern Wohnungssuchende im Netz mit vermeintlich günstigen Mieten und wollen dann abkassieren, bevor es überhaupt zur Besichtigung kommt. Unser Reporter Niklas Ottersbach ging auf Wohnungssuche in Halle und sammelte eindrückliche Erfahrungen.

von Niklas Ottersbach, MDR AKTUELL

Fassaden von Altbauwohnung
Unser Reporter möchte mit seiner Familie in Halle umziehen - und gerät dabei an Online-Betrüger. Bildrechte: imago/Westend61

Es war auf den ersten Blick ein unschlagbares Angebot: 3 Zimmer, 80 Quadratmeter im beliebten Giebichenstein-Viertel von Halle. Das Ganze für 400 Euro warm. Also, rund halb so teuer wie vergleichbare Wohnungen in der Gegend. Und dann auch noch möbliert, inklusive Flachbildfernseher. Erster Gedanke: Da ist doch ein Haken. Aber einen Versuch ist es wert. Auf unsere Anfrage meldet sich eine Architektin aus England: Marlene Hills.

"Ich habe beschlossen, die Miete dieser Wohnung erschwinglich zu halten, da sie nicht meine Haupteinnahmequelle ist und mir bewusst ist, wie überteuert Immobilien in Deutschland sind", schreibt sie.

Okay, vielleicht ist das ja doch das eine Schnäppchen in Halle. Aber wir sind anscheinend nicht die einzigen Interessenten.

800 Euro für eine Registrierung

Lupe und Rotstift über der Zeitungsrubrik Wohnraumvermietungen
Eine günstige Wohnung in Halle, die von einer Architektin in England vermietet wird? Unser Reporter wird misstrauisch. Bildrechte: IMAGO

Meine Freundin und ich machen ein Familienfoto mit unserem 4 Monate alten Sohn. Schicken es der großzügigen Wohnungsbesitzerin, verbunden mit der Frage, wann wir die Wohnung besichtigen können. Es folgt ein nüchternes Antwortschreiben. Marlene Hills verweist auf eine englische Immobilienagentur, bei der wir uns doch bitte registrieren mögen. Anschließend sollen wir Geld überweisen.

Die Agentur schickt Ihnen die Rechnung über die erste Miete (€ 400) und die Kaution (nochmal € 400) per E-Mail. Das ist lediglich eine Reservierung der Immobilie und natürliche keine endgültige Zusage.

Antwortschreiben der vermeintlichen Vermieterin

"Sobald die Zahlung getätigt wurde, vereinbart die Agentur mit Ihnen einen Besichtigungstermin und innerhalb von ein bis zwei Tagen können Sie in Deutschland einen Makler treffen", heißt es in dem Schreiben weiter.

Das ist also der Haken: 800 Euro für eine Wohnungsbesichtigung. Wenn uns die Wohnung nicht gefällt, bekämen wir einfach das Geld zurück.  Auf die Frage, ob das auch ohne Vorkasse geht, antwortet Marlene Hills nicht mehr. Merkwürdig: Inzwischen ist die Wohnung auch vom Immobilienportal "Immonet" verschwunden. Ein Fake-Angebot, sagt Barbara Schmid, Sprecherin von "Immonet".

Es tut mir leid, das sagen zu müssen - aber immer, wenn was mit Englisch kommt, die Finger davon lassen. Ich nehme mal an, die haben das von Air BnB kopiert, denn das hört sich schon sehr nach Hotel an.

Barbara Schmid, Sprecherin von "Immonet"

Betrugsanzeigen als Masche

Trotzdem hat es das Angebot zu "Immonet" geschafft. Trotz einer Scanner-Software, die alle Angebote auf Betrugsmerkmale durchleuchtet. Und trotz eines 50-köpfigen Teams, das sich nur um Fake-Angebote kümmert.

"Es gibt eben irgendwo in Osteuropa - wir gehen davon aus, dass die in Osteuropa sitzen - Menschen, die verdienen relativ leicht Geld, indem sie Betrugsanzeigen veröffentlichen. Man kann jetzt dazu keine genauen Zahlen sagen. Es gibt mal mehr mal weniger. Mal kommt ein Angriff, dann kommen in kürzester Zeit hunderte. Wir machen die dann sofort raus", erklärt Schmid.

Rotes Aushängeschild "Wohnung zu vermieten" vor einem Mietshaus.
Ein vermeintlich unschlagbares Angebot auf dem Wohnungsmarkt entpuppt sich manchmal als Fälschung. Bildrechte: imago/CHROMORANGE

Aber ein paar Angebote kommen eben durch. Und sei es auch nur für Minuten oder gar Stunden. So wie das vermeintlich unschlagbare Angebot von Marlene Hills. Sie hat uns sogar eine Kopie ihres Personalausweises mitgeschickt. Sie hat braune Augen, braune Haare, ist 44 Jahre alt. Gibt es sie überhaupt? Ich rufe bei Camden Homes an. Das ist die Immobilienagentur, die mit ihr angeblich kooperiert.

The Person you´re trying to reach is currently unavailable.

Immobilienagentur Camden Homes

Keiner nimmt ab, so geht das noch ein paar Mal. Immerhin: Per Mail antwortet ein Peter Graham. Ja, mit Marlene Hills arbeitet seine Agentur Camden Homes zusammen, schreibt er und die Wohnung in Halle sei immer noch zu haben. Und die Wohnungsbesichtigung für 800 Euro?

Dafür findet er auch eine Begründung: "Für lokale Vermietungen brauchen wir keine Vorkasse-Gebühr. Aber für internationale Transaktionen, so wie diese hier, muss einer unserer Makler nach Deutschland reisen, das kostet Zeit und Geld. Deswegen brauchen wir eine Pfandgebühr als Sicherheit", schreibt Graham.

Alles gefälscht

Eine Frau sichtet Immolienanzeigen
Vor allem Großstädte wie Leipzig und Dresden, wo der Mietmarkt angespannt ist, sind betroffen. Bildrechte: IMAGO

Ich schaue mir die Homepage von Camden Homes nochmal genauer an. Sie wirkt erstmal seriös. Auch das "Immonet"-Symbol entdecke ich am Rand. Alles gefälscht, sagt Barbara Schmid, die "Immonet"-Sprecherin.

Die Firma Camden gebe es wirklich. Aber die von mir gefundene Website sei eine nachgebaute Seite, die auch sie vorher noch nicht gesehen habe. Dass diese Seite das "Immonet"-Logo und auch Logos von anderen großen Immobilienplattformen verwende, sei illegal.

Die versuchen, eine Legalität vorzutäuschen, die nicht gegeben ist.

Barbara Schmid, Sprecherin von "Immonet"

Das seien keine Anfänger. Es sei schwer zu sagen, wie viele auf die Betrüger hereinfallen. Es gebe für Vorkasse-Betrug im Internet keinen Deliktschlüssel, schreibt das Bundeskriminalamt auf MDR AKTUELL-Nachfrage. Das heiße, es falle im Bereich Internetkriminalität unter "sonstiger Betrug".

Katja Henschler von der Verbraucherzentrale Sachsen erlebt immer wieder die Masche mit der Vorkasse. Vor allem die Großstädte sind betroffen, dort wo der Mietmarkt angespannt ist: Dresden, Leipzig. Meist geht es um gefälschte Air BnB-Anzeigen.

Verlockende Air BnB-Objekte

"Es gibt Fotos, Bilder von Anzeigen von Objekten, Ferienwohnungen, die in der Realität gar nicht angeboten werden. Die erstmal verlockend klingen. Meist auch beim Preis. Und es ist hier in der Regel auch Vorkasse zu leisten. Man kann davon ausgehen: wer dieses Geld bezahlt, der hat es verloren", sagt Henschler.

Wir haben kein Geld überwiesen. Aber ich muss zugeben - nach drei Monaten erfolgloser Suche in Halle haben meine Freundin und ich zumindest kurz darüber nachgedacht.

Es hat zwar noch einmal zwei Monate gedauert, aber dann haben wir endlich eine Wohnung in Halle gefunden. Über eine echte Internet-Seite, mit echten Menschen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 21. April 2019 | 08:06 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. April 2019, 05:00 Uhr

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5 Kommentare

21.04.2019 20:42 Gerd Müller 5

Richtig so, nur am Portmonee merken die Leute, was Merkel mit der Massenimmigration erreicht hat.
Das ist das Land in dem wir gut und gerne leben, vielleicht geht auch dem letzten ein Licht auf.
Frohe Ostern

21.04.2019 11:13 Schöngeist 4

Betrüger gab es seit ca. 3,2 Millionen Jahren - Wissen ist Macht - Lemminge beweisen: nichts Wissen macht nichts

Ostern-Zeit Gottesfürchtig zu werden ^^ Franz-Peter Tebartz-van Elst sollte predigen bevor Vorbeter radikal-extreme Christen anprangern menschlich zu Handeln, Osten übernehmen und Chaos ausbricht

21.04.2019 11:04 part 3

Es soll in bekannten Deutschen Großstädten schon reale Wohnungsbesichtigungen gegeben haben mit Eintrittspreisen ab 50,- € aufwärts, auch so ein Geschäftsmodell bei 300 Interessenten für überteuerten Wohnraum.

21.04.2019 10:28 Fragender Rentner 2

Er/sie wird bestimmt meinen, man läßt sich doch keinen Schmutz umsonst in die Wohnung schleppen und dann nicht mal die Wohnung nehmen wollen.

21.04.2019 09:31 Zeitgeist 1

Gefällt mir, passt ! Und es wird noch schöner kommen......