Mehr Ärzte bieten Videosprechstunden an Telemedizin: Die Sprechstunde der Zukunft?

Im Zuge der Corona-Pandemie bieten immer mehr Ärzte Videosprechstunden an. Das hat vor allem Vorteile für Patienten: kein Anfahrtsweg, weniger Wartezeit. Doch nicht für alle ist die Videosprechstunde geeignet. Und aktuell gibt es zum Teil noch große Hürden bei der Nutzung der relativ neuen Technologie in Deutschland.

Arzt und Patient kommunizieren via Videokonfenrenztechnik.
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Die Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder stellen seit Beginn der Corona-Pandemie einen enormen Zuwachs an Videosprechstunden fest. Das hat die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) auf Anfrage des MDR-Magazins "Hauptsache Gesund" mitgeteilt. Schätzungen der KBV zufolge nutzen derzeit rund 25.000 Arztpraxen die Videosprechstunde und damit etwa ein Viertel aller Praxen. Das sei ein Anstieg von rund 1.370 Prozent. Noch bis Ende Februar dieses Jahres hätten lediglich 1.700 Praxen Videosprechstunden angeboten.

Im ersten Quartal 2020 konnten wir einen deutlichen Zuwachs am Angebot von Videosprechstunden feststellen. Zuvor haben nur einzelne Ärzte, überwiegend im städtischen Raum, Videosprechstunden angeboten. Ende April haben in Thüringen 423 ambulant tätige Ärzte und Psychotherapeuten in 387 Praxen eine Genehmigung zur Nutzung der Videosprechstunden. Zum Vergleich: Ende 2019 waren es noch 21 Praxen.

Veit Malolespy Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen

Gründe für den Anstieg

Roland Stahl, Pressesprecher der KBV, sagte gegenüber "Hauptsache Gesund", die Nutzung habe zum Ende des ersten Quartals stark zugenommen: "Der Grund dafür sind Ausweitungen der Nutzungsmöglichkeiten, die die KBV gemeinsam mit den Krankenkassen vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie beschlossen hat." Bislang durften Ärzte und Psychotherapeuten höchstens zwanzig Prozent ihrer Behandlungen als Videosprechstunde abrechnen - diese Deckelung fällt seit April 2020 weg. Die Limitierung ist nach Angaben der AOK zunächst bis zum 30. Juni 2020 aufgehoben.

Telemedizin – Was ist das? Telemedizin ist ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche ärztliche Versorgungskonzepte. Ihre Gemeinsamkeit besteht darin, dass eine Patientenversorgung über räumliche Entfernung hinweg stattfindet. Das betrifft beispielsweise die Diagnostik, Therapie und Rehabilitation. Videosprechstunden bilden einen Teilbereich der Telemedizin.

Chancen und Hürden

Unbestritten ist, dass speziell Videosprechstunden Patienten den Zugang zu ärztlicher Versorgung erleichtern können. So entfällt der Anfahrtsweg, was vor allem für Patienten im ländlichen Raum für eine Entlastung sorgen könnte. Auch die Wartezeit, die Patienten häufig in Arztpraxen in Kauf nehmen müssen, verkürzt sich.

Investitionen und technische Herausforderungen

Allerdings bringt die Telemedizin auch Hürden mit sich. Beispielsweise bei digitalen Sprechstunden sind grundsätzlich Arzt und Patient auf entsprechende Geräte angewiesen – beispielweise Computer mit Webcam, Tablet oder Smartphone. Für beide Seiten fallen dementsprechend Kosten an. Hinzu kommt, dass vor allem für ältere Patienten, die von Videosprechstunden profitieren könnten, die Technik eine große Herausforderung darstellt.

Software und strukturelle Voraussetzungen

Möchten Arzt und Patient eine digitale Sprechstunde durchführen, müssen sie das außerdem über zertifizierte Programme tun. Ein Gespräch über Video-Messenger wie Skype oder Zoom ist nicht möglich. Patienten sind also gezwungen, die vom Arzt ausgewählte Software zu nutzen. Auch die strukturellen Voraussetzungen können problematisch sein: So wird beispielsweise für die Videosprechstunde eine stabile Internetverbindung benötigt wird. Diese ist aufgrund des fehlenden Breitbandausbaus in ländlichen Gegenden nicht überall vorhanden.

Vergütung der ärztlichen Leistungen

Was vielen Patienten nicht bekannt ist: Ärzte erhalten für ihre Beratung per Videosprechstunde eine andere Vergütung als für die Beratung in der Praxis.

Der Hausarzt kann bei der Behandlung in der Praxis eine Grundpauschale und einen sogenannten Strukturzuschlag zu je 100 Prozent ansetzen und kommt damit auf rund 30 Euro für einen Patienten. In der Praxis könnten noch Leistungen hinzukommen – z.B. Blutabnehmen.

Bei der Videosprechstunde werden Grundpauschale und Strukturzuschlag nur zum Teil angerechnet, hinzu kommen aber noch Zulagen für Technik und die sogenannte Anschubförderung für Videosprechstunden. Mit ihr soll es für Ärzte attraktiver werden, auch diese Form der Telemedizin zu nutzen. Die Arztpraxis kann am Ende rund 40 Euro abrechnen, zusätzliche Leistungen sind aufgrund der räumlichen Distanz nicht möglich.

Eignung in medizinischen Bereichen

Videosprechstunden sind bei weitem nicht für alle Erkrankungen und medizinischen Bereiche geeignet. Die Krankenkasse Barmer teilt dazu mit: "Telemedizinische Angebote sollen die klassische ärztliche Versorgung wie beispielsweise eine körperliche Begutachtung nicht ersetzen, diese jedoch ergänzen. Um Medikationsfragen zu klären, muss ein Patient nicht mehr extra in die Praxis kommen. Die aktuelle Situation zeigt anschaulich, dass es verschiedene sinnvolle Aspekte gibt, nicht unbedingt in ein Sprechzimmer zu gehen, wenn der Gesundheitszustand nicht akut gefährdet ist oder der Arzt es für notwendig erachtet."

Erfahrung mit Videosprechstunden fallen unterschiedlich aus

Die Nutzung von Videosprechstunden ist noch ein relativ neues Feld. Trotz einiger Vorteile ist die ungewohnte Handhabung gerade für Patienten eine Herausforderung, wie eine Facebook-Umfrage von "Hauptsache Gesund" in zeigt.

Videosprechstunde - Erfahrungen von Patienten

Grafik - Erfahrung mit Videosprechstunden von Patienten: "Ich bevorzuge es live bei meiner Hausärztin zu sein und mit ihr zu reden. Wer weißt denn, wer bei der Online-Geschichte alles so mithört? Bei einer Fachärztin hatte ich das letztens ausprobiert, es ging, gefiel mir aber nicht besonders."
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Grafik - Erfahrung mit Videosprechstunden von Patienten: "Ich bevorzuge es live bei meiner Hausärztin zu sein und mit ihr zu reden. Wer weißt denn, wer bei der Online-Geschichte alles so mithört? Bei einer Fachärztin hatte ich das letztens ausprobiert, es ging, gefiel mir aber nicht besonders."
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Grafik - Erfahrung mit Videosprechstunden von Patienten: "Ich muss das grad mit meiner Therapeutin machen, onst hätte ich keinen Termin. Mich fordert das massiv heraus. Jedes Mal wieder. Die Technik funktioniert hervorragend, aber ich mag's nicht."
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Grafik - Erfahrung mit Videosprechstunden von Patienten: "Da ich Risikopatientin bin, hatte ich nun meine erste Videosprechstunde, auch für meinen Kardiologen war das eine Premiere."
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Ein Arzt führt eine Videosprechstunde mit einer Patientin durch; Screenshot vom Handy der Patientin
Allgemeinmediziner Dr. Jens-Uwe Lipfert bietet seinen Patienten bereits die Videosprechstunde an. Bildrechte: MDR/Raphaela Fietta

Dr. Jens-Uwe Lipfert, Allgemeinmediziner im Wartburgkreis, ist einer von aktuell 423 Ärzten in Thüringen, die die Sprechstunde per Video anbieten. Allerdings liegt der Anteil der Videosprechstunden in seiner Praxis momentan noch bei unter einem Prozent. Grundsätzlich habe er aber gute Erfahrungen gemacht, doch das Modell stoße auch an seine Grenzen: "Man hat oft ein erstes Bauchgefühl und das kommt bei der Videosprechstunde nicht an. Es ist nicht nur das, was ein Patient sagt, sondern auch was man mitkriegt." Krankschreibungen oder Auswertungen seien aber in der Regel kein Problem.

Telemedizin: Sprechstunde der Zukunft?

Technologien wie Smartphones, Tablets und Laptops sind mittlerweile in fast jedem Haushalt angekommen. Es scheint also, als wäre es ein logischer Schritt, dass diese Technologien auch in immer mehr Arztpraxen Einzug halten. Dr. Jens-Uwe Lipfert begrüßt den aktuellen Trend zur Videosprechstunde und hält sie für ein zukunftsfähiges Modell: "Es werden immer mehr Videosprechstunden und Telemedizin machen, was sicherlich auch vernünftig ist. Mit ist es wichtig, dass man nicht nur Videosprechstunden anbietet. Sie ist ein neues Hilfsmittel, wie vor 20 Jahren, als wir Ultraschall eingeführt haben. Das nutzen wir jetzt jeden Tag. Und genau so wird die Videosprechstunde sein."

Telemedizin – ein weites Feld Neben der bekannten Videosprechstunde zählen auch viele weitere Formen der Patientenversorgung zur Telemedizin.

Die Krankenkasse Barmer bietet nach eigenen Angaben mit Programmen wie dem "Teledoktor", der Kindernotfall-App, der Online-Psychotherapie "MindDoc" sowie einer Hebammenberatung per Chat mehrere digitale Bausteine an. Das Telemedizinprojekt "ZNS-Konsil" soll in Thüringen bei der Versorgung von Patienten mit Demenz, Depressionen, Multipler Sklerose sowie Migräne und anderen speziellen Kopfschmerzsyndromen helfen.

Die Techniker Krankenkasse setzt beispielsweise in Sachsen vermehrt auf Telesprechstunden – vor allem beim Augenarzt oder bei der psychologischen Betreuung von Jugendlichen.

Die Möglichkeiten der Telemedizin werden stetig weiterentwickelt. Mit Hilfe des sogenannten Innovationsfonds fördert die Bundesregierung neue Versorgungsformen, die über die bisherigen Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen hinausgehen. Zu den geförderten Projekten gehört beispielsweise die App "SMARTGEM", die zur Migräne-Therapie eingesetzt wird. Das Projekt "Rise-uP" untersucht, wie die Behandlung von Rückenschmerzen verbessert werden kann.

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