Blutplasma für Corona-Patienten Experte: Europa ist bei Blutplasma für Corona-Patienten genauso weit wie die USA

In den USA wurde die Behandlung von COVID-19 mit Blutplasma genehmigt, das Antikörper gegen das Coronavirus enthält. Hinkt Deutschland bei der Bekämpfung des Virus hinterher? Nein, sagt der Transfusionsmediziner Torsten Tonn.

Laborassistent in Kittel hält Proben in der Hand.
Blutplasma bringt Hoffnung für Corona-Patienten. Bildrechte: imago/Science Photo Library

In der Diskussion um die Notfallzulassung von Blutplasma zur Behandlung von schwer erkrankten COVID-Patienten in den USA hat der Dresdner Transfusionsmediziner Torsten Tonn zur Besonnenheit aufgerufen. Er sagte dem MDR:

In Deutschland und Europa, wie auch in den USA, besteht bereits jetzt die Möglichkeit Blutplasma auch außerhalb von Studien zur Behandlung von lebensbedrohlich an COVID-19 erkrankten Patienten einzusetzen.

Transfusionsmediziner Torsten Tonn

Möglich sei das mit sogenannten Gestattungen der jeweils zuständigen Behörden. Im April hatte das Universitätsklinikum Erlangen als erstes Krankenhaus in Deutschland die Sonderregelung nutzen dürfen und Corona-Patienten mit Blutplasma behandelt.

Ende August hatte die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA die Behandlung mit Blutplasma für alle Corona-Patienten freigegeben, die in einem Krankenhaus behandelt werden.

Bereits im März war diese Methode von der FDA grundsätzlich erlaubt worden, damals aber ausschließlich als Notfallbehandlung für Patienten im lebensbedrohlichen Zustand. Das, so Professor Tonn, der eine Stiftungsprofessur des Deutschen Roten Kreuzes an der Technischen Universität Dresden inne hat, sei auch hierzulande der Fall.

Klinische Studien zu Plasma laufen noch

Neben der Notfallbehandlung gibt es laut dem zuständigen Paul-Ehrlich-Institut derzeit in Deutschland fünf klinische Studien, mit denen erforscht werden soll, welchen Einfluss Blutplasma auf die Behandlung von Corona-Patienten hat. Hier soll der nächste Schritt hin zu einer möglichen Behandlungsmethode untersucht werden.

Eine dieser Studien ist die sogenannte CAPSID-Studie vom Deutschen Roten Kreuz. Dafür spenden in ganz Deutschland Menschen Blutplasma, auch in Dresden und am Universitätsklinikum Leipzig. Für die Studie würden vorerst nur Spender infrage kommen, die eine hohe Anzahl an sogenannten neutralisierenden Antikörpern aufweisen.

Laut Professor Tonn seien das häufig Patienten, die eine SARS-CoV-2-Erkrankung mit Fieber und anderen Beschwerden überstanden hätten. Verlaufe eine Erkrankung symptomfrei, seien auch deutlich weniger Antikörper in dem möglichen Spender zu finden.

In ganz Deutschland wird zu Plasmaspenden aufgerufen

Der Direktor des Instituts für Transfusionsmedizin am Universitätsklinikum Leipzig, Professor Reinhard Henschler, sagte im Gespräch mit dem MDR: „Über 100 Spender haben sich bei uns seit dem Frühjahr gemeldet." Acht bis zehn davon könnten an die Studie vermittelt werden. Das Plasma aller anderen Spender bleibt aber nicht ungenutzt: Die Pharmaindustrie forscht damit an COVID-Medikamenten.

Erkrankt ein Patient an COVID-19, bricht also die Krankheit, die das Corona-Virus verursacht, wirklich aus, bildet der Körper des Patienten im Normalfall sogenannte Antikörper. Diese können das Virus bekämpfen und so zur Heilung beitragen. Ist der Patient wieder gesund, trägt er dennoch mindestens für einige Zeit weiter Antikörper in sich.

Diesen Umstand nutzen die Forscher aus. Der Patient spendet sein Blutplasma, in dem die Antikörper gegen das Corona-Virus enthalten sind. Wissenschaftler sprechen vom Rekonvaleszentenplasma. Dieses Plasma wird wiederum an SARS-CoV-2 erkrankten Patienten gegeben.

In einigen Behandlungenszenarien werden auch andere Medikamente zusammen mit dem Blutplasma verabreicht. Spender können also nur Menschen sein, die eine SARS-CoV-2-Erkrankung nachweislich überstanden haben.

Erste Ergebnisse aus USA machen Mut

US-Amerikanische Forscher haben Mitte August erste Erkenntnisse zu dieser Art der Behandlung veröffentlicht. Dafür haben die Wissenschaftler einen sogenannten Pre-Print-Server genutzt, der Artikel ist also noch nicht von anderen Wissenschaftlern kritisch gegengelesen worden.

Diese vorläufigen Ergebnisse der US-Forscher zeigen, dass die Sterblichkeitsrate von an SARS-CoV-2 Erkrankten bei der Behandlung mit Plasma signifikant gesunken ist. Die wichtigste Erkenntnis aber sei, dass – wie bei anderen Behandlungsmethoden auch – ein früher Zeitpunkt für den Start der Behandlung nach einer positiven Corona-Diagnose entscheidend ist.

Bei Erkrankten, die spätestens drei Tage nach der Diagnose behandelt wurden, starben 8,7 Prozent der Patienten. Startete die Behandlung nach vier Tagen, lag die Sterblichkeitsrate bei 11,9 Prozent. Die Patienten waren teilweise zusätzlich auch mit anderen Medikamenten behandelt worden.

Für Torsten Tonn vom DRK Blutspendedienst Nord-Ost sind die Erkenntnisse durch die Behandlung von Patienten mit Blutplasma viel wert. "Bei neuen, bisher nicht geprüften Behandlungsmethoden fragen wir nicht nur nach dem möglichen Nutzen, sondern immer auch nach dem Risiko für das Auftreten schwerwiegender Nebenwirkungen. Beides muss gegeneinander abgewogen werden." Die ersten Erfahrungen in den USA und Europa würden aber zeigen, dass Plasma offenbar gut verträglich sei.

Blutplasma als Übergangslösung

Für Tonn ist Blutplasma nur eine Lösung auf Zeit. „Die EU-Kommission stellt aktuell 40 Millionen Euro für die Sammlung von Rekonvaleszentenplasma zur Verfügung. Damit möchte man sicherstellen, dass im Fall eines erneuten Anstiegs der COVID-19 Erkrankungen ausreichend Plasma vorrätig ist. Das Plasma könnte die Zeit überbrücken, bis andere wirksame Medikamente entwickelt wurden.“

Mittel- bis langfristig werde die Therapie aber keine Bedeutung haben, so der Wissenschaftler. In den derzeit in Deutschland genehmigten Studien geht es nun darum, weitere und besser gesicherte Erkenntnisse zu sammeln. Dafür werden Menschen mit Plasma und mit einem Placebo behandelt, um herauszufinden, wie wirksam das Plasma wirklich ist.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 08. April 2020 | 05:00 Uhr