1000 Spenden, tausend Dank Wer darf Blut spenden und wer nicht?

Blutspenden müssen eine hohe Qualität haben, damit sich die Empfänger nicht mit Krankheiten anstecken. Deshalb gibt es strenge Richtlinien, die auch regeln, wer spenden darf – und wer nicht. Die Gründe dafür stehen regelmäßig in der Kritik. Wie lauten die Regeln und sind sie wirklich diskriminierend?

Eine Hand hält einen Schlauch, der aus einem Blutbeutel herausführt.
Bildrechte: imago images / Pixsell

Menschen, die Blut brauchen, sind meist krank oder schwer verletzt und daher geschwächt. Umso wichtiger ist es, dass sie sich durch gespendetes Blut keiner Gefahr aussetzen. Das ist zum Beispiel in den späten Achtzigerjahren passiert, als sich viele Empfänger mit HIV infiziert haben.  Damit Blutspenden sicher sind, regelt die „Richtlinie zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten“ wie mit dem Blut umgegangen wird – und wer überhaupt spenden darf.

Altersunterschiede

Prinzipiell darf jeder gesunde Mensch Blut spenden. Das heißt, man muss über 18 Jahre alt sein und über 50 Kilogramm wiegen. Bis wann man spenden darf, ist allerdings unterschiedlich. Beim Deutschen Roten Kreuz (DRK) darf man bis zum 72. Lebensjahr spenden, der Uni.Blutspendedienst OWL lässt Spender bis 68 Jahre zu. Erstspender dürfen allerdings nicht älter als 65 sein. Und es gibt natürlich gesundheitliche Kriterien, die Menschen als Spender ausschließen. Wer an einer chronischen Erkankung leidet, ist lebenslang ausgeschlossen. Wer beispielsweise krank ist – auch „nur“ mit einer Erkältung – darf nicht spenden.

Rückstellfristen

Symbolfoto eines schwulen Paares, dass sich den Sonnuntergang ansieht
Männer, die in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben, würden bei der Blutspende benachteiligt, so der LSVD. Bildrechte: imago images/Westend61

Ausgeschlossen wird auch, wer ein besonders hohes Risiko für eine HIV-Erkrankung hat. SexarbeiterInnen oder Menschen mit häufig wechselnden Sexualpartnern sind "für 12 Monate von der Spende zurückzustellen", so die offiziellen Richtlinien. Homosexuelle Männer dürfen ebenfalls 12 Monate lang keinen Sex gehabt haben, bevor sie Blut spenden. Begründet wird das damit, „dass Sexualverkehr unter Männern mit einem besonders hohen Risiko einer HIV-Übertragung behaftet ist.“ Zahlen des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigen, dass rund zwei Drittel der Neuinfektionen mit HIV bei Männern, die mit Männern Sex haben (MSM), auftreten. Allerdings sind die Zahlen der HIV-Infektionen in den vergangenen Jahren insgesamt zurückgegangen, in der Gruppe der sogenannten „MSM“ zwischen 2013 und 2018 sogar um 27 Prozent.

Auch nach dem Termin beim Tätowierer oder Piercer gilt eine Rückstellfrist. Nach dem Stechen müssen Blutspender vier Monate warten, bis sie wieder zugelassen sind. Damit soll die Übertragung von Infektionskrankheiten wie Hepatitis B oder C auf den Empfänger verhindert werden, die nicht sofort nach der Ansteckung nachgewiesen werden können.

Diskriminierung oder Risikominimierung?

Diese Rückstellungsregelungen werden regelmäßig kritisiert. Für den Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) vermitteln sie „den Eindruck, dass es den Verfassern nur darum ging, den lebenslangen Ausschluss der MSM von der Blutspende tatsächlich doch aufrechtzuerhalten.“ Dabei wurde die Rückstellfrist für schwule oder bisexuelle Männer 2017 angepasst: Statt lebenslang sind sie nun zwölf Monate ausgeschlossen. Der LSVD hält die Richtlinie dennoch für diskriminierend: Den Verfassern sei „natürlich klar, dass ein gesunder homosexueller Mann niemals ein Jahr lang zölibatär leben kann und wird, um dann endlich Blut spenden zu dürfen.“

Prof. Dr. Reinhard Henschler vom Institut für Transfusionsmedizin in Leipzig schaut in die Kamera. Ein Mann mit weißen Haaren, weißem Kittel, lächelt leicht.
Prof. Dr. Reinhard Henschler vom Institut für Transfusionsmedizin in Leipzig. Bildrechte: Stefan Straube / UKL

Dass viele die Regelungen als unfair empfinden, erkennen zunehmend auch Mediziner, sagt Prof. Dr. Reinhard Henschler vom Institut für Transfusionsmedizin in Leipzig. "Es ist inzwischen immer mehr gesellschaftlicher Konsens in der westlichen Welt, dass die Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe nicht die Basis sein darf für eine Andersbehandlung, und dass dies auch für das Blutspenden gilt." Vielmehr müsse das individuelle Risikoverhalten des Einzelnen betrachtet werden. Das werde bei jeder Spende mit einem Fragebogen ermittelt. Die Abwägung zwischen Gleichbehandlung und dem Risiko für den Empfänger sei nicht immer einfach:

Denn man möchte alles tun, damit die Blutkonserve aus einem Risikospender nicht zur Transfusion, zum Beispiel bei einem neugeborenen Kind, zum Einsatz kommen kann.

Weniger Spender, mehr Bedarf

In Deutschland werden täglich 15.000 Blutkonserven benötigt, etwa bei Operationen oder bei der Krebsbehandlung. Doch die Zahl der Spender geht zurück. Seit 2010 sinkt die Zahl der Blutspender in Deutschland kontinuierlich. Kamen 2010 noch 92 Blutspender auf 1.000 Einwohner, waren es 2018 nur noch 78 pro 1.000 Einwohner. Wäre es da nicht wichtig, möglichst viele potentielle Spender zu haben?

Hygiene und Tätowieren

Das ist der Grund, warum auch die Tattooszene immer wieder appelliert, die Blutspende für Tätowierte zugänglicher zu machen. Durch Einweg-Materialien, sicherere Herstellung von Tattoofarben und ein höheres Hygienebewusstsein der Tätowierer sei für insgesamt verbesserte hygienische Bedingungen beim Tätowieren gesorgt. Das minimiere das Risiko einer Infektion beim Stechen erheblich, so der Bundesverband Tattoo e.V.

Mark Benecke, Kriminalbiologe und Spezialist für forensische Entomologie
Dr. Mark Benecke, Kriminalbiologie, vom Bundesverband Tattoo e.V. Bildrechte: Rocksau Picktures

Tätowierte hätten ja auch in ihrer Freizeit kein erhöhtes Risiko, eine Infektion zu bekommen, sagt deren Experte Dr. Mark Benecke. Und: "Blutproben werden ohnehin vor einer Verwendung untersucht, da bei keinem Blutspender Infektionen ohne Test sicher ausgeschlossen werden können." Demnach entschwinde der Sinn einer Rückstellfrist nach dem Tätowieren.

Im Zweifel für den Patienten

Stimmten die hygienischen Bedingungen beim Tätowieren, könnte die Wartezeit bis zum Blutspenden tatsächlich verringert werden, sagt Prof. Dr. Henschler im Interview mit "Hauptsache gesund". Das Problem: Wenn ein tätowierter Mensch zu Blutspende geht, kann der Arzt vor Ort schwer nachvollziehen, ob beim Stechen sterile Einmalmaterialien verwendet wurden.

Man ist auch hier für den Empfänger der Blutkonserven mitverantwortlich. Im Zweifel steht dann der Schutz des Patienten – der die Blutkonserve erhält – vorne an.

Prof. Dr. Reinhard Henschler vom Institut für Transfusionsmedizin in Leipzig

Dieses Thema im Programm: Hauptsache gesund | 08. Oktober 2020 | 21:00 Uhr

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