Interview Psychologe erklärt Quarantäne-Koller und Hamsterkäufe

Manch einer hortet Nudeln und Klopapier, einige gehen nur noch mit Maske aus dem Haus, andere Sorgen sich vor der Zeit in Quarantäne. Wie Menschen auf das Corona-Virus reagieren und woran das liegt, erklärt Psychologe Dr. Daniel Zeidler.

Vater schreit durch ein Megafon aus Zeitungspapier seine zwölfjaehrige Tochter an.
Bildrechte: imago/photothek

Das Corona-Virus breitet sich rasant aus. Wer kann, soll möglichst zu Hause bleiben, um sich selbst und andere nicht anzustecken. Vielen Menschen bereitet das Sorgen. Welche das sind und wie sie darauf reagieren, das haben wir bei "MDR um 4" den Psychologen und Psychotherapeuten Daniel Zeidler gefragt.

Wie macht sich das Corona-Virus in Ihrem Arbeitsalltag bemerkbar? Kommen jetzt mehr Menschen mit Angst und Sorgen, vielleicht auch mit Panik zu Ihnen?

Die, die bei mir in Therapie sind, haben - so könnte man sagen - andere Sorgen. Es ist tatsächlich nicht so, dass die Telefone nicht stillstehen und Patienten in Therapie kommen wollen, nur wegen der aktuellen Krise.

Psychologe Dr. Daniel Zeidler
Dr. Daniel Zeidler ist Psychologe und Psychotherapeut mit eigener Praxis in Leipzig. Bildrechte: MDR

Bei den Patienten ist das aber auch manchmal ein Thema. Die Angst davor, das Virus selbst zu bekommen, die besteht überhaupt nicht. Sondern die Angst, jemanden anzustecken oder die Folgen davon zu tragen. Also, dass zum Beispiel eine Studentin Befürchtungen hat, dass sie ihre Abschlussarbeit nicht schreiben kann.

Das klingt ja sehr reflektiert, als gäbe es keine Angst. Und trotzdem haben wir leere Regale, es wird Toilettenpapier geklaut. Wo kommt das her?

Diese Toilettenpapierfrage wird ja wild diskutiert. Und letztendlich ist es schon ganz gut erklärbar. Das klingt jetzt ganz trivial, aber viele holen sich ja schon eine neue Toilettenpapierpackung, wenn die alte angebrochen ist. Dann reicht es ja schon, wenn jeder von denen, ein bis zwei Packungen zusätzlich holt. Dann ist in einem Supermarkt das Regal leer.

Dann passiert was ganz Interessantes. Dann kommt der Moment, in dem irgendwer das abfotografiert. Das geht durch die sozialen Medien und dann haben ganz viele Menschen plötzlich das Gefühl, sie können ihren Bedarf nicht mehr decken. Das löst wieder Angst aus und dann gehen ganz viele Menschen in die Supermärkte, um sich einzudecken.

Was raten Sie denjenigen, die so ein Foto gesehen haben und jetzt denken, sie müssten nochmal etwas nachkaufen?

Die sind ja schwer zu erreichen. Denn sie sind davon überzeugt, dass sie etwas richtiges tun. Wenn ich jetzt mit denen reden würde, könnten wir hinterfragen: Ist das jetzt wirklich rational greifbar, was du hier machst? Und vielleicht würden die im Laufe des Gesprächs auch irgendwann einsichtig werden, dass das eine übertriebene Angst ist. Es ist eine übertriebene Angst - aber darauf muss derjenige erstmal kommen.

Was können wir tun, um nicht darauf hereinzufallen?

Es machen natürlich viel diese Bilder aus. Das ist ein Trigger für einen Menschen, der eher unsicher strukturiert ist, wenn er ein leeres Regal sieht. Dann hat er eben genau diese Unsicherheit. Der kriegt ja nicht eine Panikattacke in dem Moment. Sondern der denkt: "Oh, das ist schon leergekauft". Jetzt muss ich aber dafür sorgen, dass ich meinen Alltagsbedarf wieder decken kann.

Und da wäre eher zu gucken, wie bekommt man diese sozialen Medien in den Griff. Und da sind wir schon fast bei der Aussichtslosigkeit heutzutage. Die jüngeren Leute bekommen ihre Informationen nur übers Netz und über die sozialen Medien teilweise.

Wie können wir damit umgehen, wie gegensteuern?

Die Botschaft immer und immer wieder kommunizieren: "Unsere Lager sind voll. Macht euch keine Sorgen". Das wurde ja auch von Politikern schon so kommuniziert. Einige Menschen glauben das aber eben nicht. Und die werden weiterhin diese Unsicherheit haben.

Was ist mit denen, die jetzt unter Quarantäne stehen - gibt es einen Quarantäne-Koller?

Den Lagerkoller gibt es ja im Volksmund. In die Richtung wird es gehen, wenn man so zu zweit oder zu dritt plötzlich in dieser Situation ist. Das gibt es ja auch im Urlaub, wenn Menschen drei Wochen am Stück zusammen sind, obwohl normalerweise nicht so viel Zeit miteinander verbracht wird. Das kann Probleme geben, die es vorher nicht gab.

Da passiert es natürlich auch, dass die Toleranz sinkt, die Leute gereizter werden - was auch alles nachvollziehbar ist.

Letztendlich ist immer ganz wichtig, in so einer Situation, die sehr außergewöhnlich ist, sich zu fragen: Wie kann ich mit dieser nicht veränderbaren Situation umgehen, in der ich nun mal bin? Wenn jemand das Ziel hat rauszugehen und das eben nicht kann, verzweifelt er. Da muss er vielleicht auch das Ziel neu justieren.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 18. März 2020 | 17:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. März 2020, 08:52 Uhr